Interview

»Man muss uns nicht gernhaben, aber man soll uns leben lassen«

Es ist Ende Januar in Aschkelon. Eva Erben erwartet ihren Besucher schon. Sie steht im Vorgarten ihres schmucken, von einem gepflegten Garten gesäumten Einfamilienhauses in der Stadt an der israelischen Mittelmeerküste nur ein paar Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Der Taxifahrer schimpft, denn er hat Mühe, sein Fahrzeug am Ende der engen Stichstraße, die vor Erbens Haus vorbeiführt, zu wenden. Drinnen steht auf dem Küchentisch ein Gugelhupf. Erben, die seit dem Tod ihres Mannes Peter allein lebt, hat ihn selbst gebacken. Sie legt Wert darauf, alle Besucher gebührend zu empfangen. Auch mit 95 Jahren schmeißt sie ihren Haushalt noch allein.

Für 18 Uhr ist ein Video-Call mit Günther Jauch in Potsdam vereinbart. Der Fernsehmoderator und die Holocaust-Überlebende kennen sich seit gut 25 Jahren und sind eng befreundet. Schon in den Frühzeiten der RTL-Quizshow »Wer wird Millionär« die Jauch moderiert, saßen die Erbens in Aschkelon vor dem Fernseher und rieten fleißig mit. »Oft hatten die Kandidaten keine Ahnung, was die richtige Antwort war. Aber wir wussten sie, weil wir das in der Schule durchgenommen hatten«, erinnert sich Eva Erben.

Als kleines Mädchen erlernt die 1930 im tschechischen Tetschen (Děčín) unweit der Grenze zu Sachsen geborene Tochter eines Chemieingenieurs, der eine Gummifabrik betreibt, die deutsche Sprache. Bis heute spricht sie sie fließend und mit einem weichen böhmischen Akzent. 1936 zieht die Familie von Eva Löwidt, wie sie damals hieß, nach Prag. Ihre jüdischen Eltern seien nicht reich gewesen, aber gut situiert, sagt Erben.

In der Hauptstadt verbringt Eva drei glückliche Jahre – bis 1938 das Sudentenland annektiert wird und im Frühjahr 1939 deutsche Soldaten in Prag einmarschieren. Für Juden verschlechtert sich die Lage ab da dramatisch. Jindřich Löwidt wird aus seinem Unternehmen gedrängt. Ab 1940 ist jüdischen Kindern der Schulbesuch verboten. Im Dezember 1941 werden die Eheleute Löwidt und ihre elfjährige Tochter ins Konzentrationslager Theresienstadt nordöstlich von Prag geschickt. Dort kann die Familie zunächst zusammenbleiben. Doch auch für Kinder ist der Arbeitsdienst Pflicht, Schulunterricht findet nur heimlich statt.

Im KZ Theresienstadt wird Eva gestattet, in der Kinderoper Brundibár mitzuwirken

Eva wird aber gestattet, in der Kinderoper Brundibár mitzuwirken. Mehr als 50 Mal steht sie auf der Bühne. Bis heute kann Erben die Lieder auswendig. Nur vier Mitglieder des Lager-Ensembles überleben den Holocaust. Auch für die Familie Löwidt kommt es nun ganz schlimm: 1944 werden zunächst Jindřich und wenige Wochen später auch Marta und Eva Löwidt ins KZ Auschwitz deportiert. Sie überleben drei Selektionen, dann werden die beiden Frauen in ein Außenlager gebracht, wo sie Zwangsarbeit verrichten müssen.

Im Januar 1945, kurz vor der Befreiung des Todeslagers, schickt die SS sie dann auf einen 600 Kilometer langen Todesmarsch Richtung Westen. »Täglich legten wir 30 bis 40 Kilometer zurück. Nachts schliefen wir bei eisiger Kälte unter freiem Himmel. Wir lebten von Abfall, Gräsern und Zweigen, die wir am Straßenrand fanden. Unseren Durst stillten wir mit Schnee. Die einzige Mahlzeit des Tages erhielten wir abends: eine wässrige Suppe und eine Scheibe Brot«, erinnert sich Eva Erben.

Ihre Mutter übersteht die Strapazen nicht. Wenige Wochen vor Kriegsende stirbt Marta Löwidt völlig entkräftet. Was Eva damals noch nicht weiß: Auch ihr Vater ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot, im KZ Dachau stirbt er an Typhus. Eva selbst hat Glück im Unglück: Nachdem sie die Nacht in einem Kuhstall verbracht hat, finden sie die SS-Männer, die den Todesmarsch begleiten, am Morgen nicht mehr. »Man hat mich vergessen. Die Hunde der SS schlugen nicht an, weil ich so nach Kuhdung stank«, erinnert sich Erben.

Die 14-Jährige kommt eine Zeit lang bei tschechischen Bauern unter. Zurück in Prag versucht sie später, auf eigenen Beinen zu stehen, und zieht in ein Wohnheim der jüdischen Gemeinde. In Prag sieht sie auch den zehn Jahre älteren Peter Erben wieder, den sie bereits aus Theresienstadt kennt.

Die beiden verlieben sich ineinander, nehmen Hebräisch-Unterricht und beschließen, nach Israel auszuwandern. Auf dem Weg dorthin heiraten Peter und Eva Erben im Oktober 1948 in Paris. Eva ist bereits schwanger. Bis zu Peters Tod 2016 sind die beiden ein glückliches Paar. Sie hat diese Geschichte schon oft erzählt. 1996 verfasst sie ein Buch, das in mehrere Sprachen übersetzt wird. 2025, zum 80. Jahrestag des Endes der Schoa, wird die deutsche Ausgabe bei Beltz neu aufgelegt.

Eva Erben will nicht, dass ihr Leben nur von der Schoa bestimmt ist

Doch Eva Erben will nicht, dass ihr Leben nur von der Schoa bestimmt ist. Sie hat nichts vergessen, aber als der Krieg vorbei war, hat sie den Blick resolut nach vorn gerichtet. Eva Erben lebt ihr Leben. Sie hilft mit, den jüdischen Staat aufzubauen, wird Krankenschwester und zieht drei Kinder groß.

Anfang der Nullerjahre – an das genaue Jahr erinnern sich die Beteiligten nicht mehr – bekommt Günther Jauch Post aus Israel. Dort war zuvor Peter Erben aufgefallen, dass der Moderator von »Wer wird Millionär?« in seiner Sendung ein Gedicht fälschlicherweise Friedrich Schiller und nicht Johann Wolfgang von Goethe zugeordnet hatte.

Peter Erben schreibt einen Brief an Jauch, seine Frau Eva fügt spontan eine Einladung zu Kaffee und Gugelhupf hinzu. Dass sie angenommen wird, erwarten die beiden Israelis nicht. Doch kurze Zeit später klingelt bei ihnen in Aschkelon das Telefon. Und wieder einige Wochen später stehen Günther Jauch und seine Frau Thea vor der Haustür.

»Ich war schon etwas nervös«, erzählt Eva Erben. »Der Günther war ja schon damals ein sehr bekannter Mensch, ein Prominenter. Aber dann standen da zwei sehr sympathische junge Menschen in Jeans. Sie kamen gegen elf Uhr an, und wir saßen dann bis spätabends zusammen.«

»Günther liebte meine Hühnersuppe. Der hat zweimal nachgeschöpft«

Über das Essen kommt man sich näher. »Günther liebte meine Hühnersuppe. Der hat zweimal nachgeschöpft. Und Thea hat mir in der Küche geholfen. Ich habe die beiden sofort ins Herz geschlossen. Sie sind wie zwei Kinder für mich.«

Es war Jauchs erster Besuch in Israel. Im Gespräch mit Erben erinnert sich der Moderator, wie sich damals in Israel viele auf der Straße nach ihm umdrehten – offenbar war er für die »Jeckes«, die Juden mit deutschen Wurzeln in Israel, kein Unbekannter. Weitere Besuche in Aschkelon und Gegenbesuche in Potsdam folgen. Die beiden Familien pflegen seitdem eine enge Freundschaft. In den regelmäßigen Telefonaten und Videocalls geht es um Privates und Politisches.

Für die Jüdische Allgemeine ist ein Doppelinterview mit Erben und Jauch geplant. Kurz zuvor war der Internationale Holocaust-Gedenktag am 27. Januar, auch Eva Erbens Schicksal wurde in den Medien wieder aufgegriffen.

Die alte Dame zeigt ihrem Besucher einen Zeitungsausschnitt aus Deutschland. Dann klingelt ihr Handy: Eine tschechische Journalistin, die vor Jahren für das ZDF ein Porträt über Erben mitproduziert hat, erkundigt sich nach ihrem Wohlergehen.

Eva Erben lacht viel, nimmt aber kein Blatt vor den Mund. Nicht wenn es um die Probleme geht, mit denen Israel zu kämpfen hat – von den Mitgliedern der Netanjahu-Regierung und den Ultraorthodoxen hält sie gar nichts (»Schreiben Sie das bitte«). Und auch nicht, wenn es um den wachsenden Antisemitismus in der Welt geht (»Die Juden sollten besser alle hierher nach Israel kommen«).

Nach dem 7. Oktober 2023 hat sie Angst. Eine Rakete aus Gaza landet unweit ihres Hauses und bringt Fensterscheiben zum Bersten. Auf Einladung der tschechischen Regierung geht Erben kurzzeitig nach Prag. Sie weiß nicht, ob es nicht ein Abschied für immer ist von Israel, ein Abschied von Aschkelon und von dem Haus, das sie und ihr Mann Peter 1954 gebaut haben und das ihr immer das Gefühl von Sicherheit gegeben hat. Doch einige Wochen später ist Eva Erben zurück in Israel.

(Anmerkung: Das nachfolgende Gespräch zwischen ihr und dem TV-Moderator wurde vor dem Iran-Krieg geführt.)

Günther Jauch: Grüß dich, Eva. Ich habe dir heute Morgen eine E-Mail geschickt, hast du sie gesehen?

Eva Erben: Ja, ich habe sie eben erst gesehen. Ich war heute so beschäftigt. Ich weiß gar nicht, warum gerade wieder alle auf mich zukommen. Das israelische Fernsehen war da, eine tschechische Journalistin rief eben an. Alle möglichen Leute melden sich. Ich fühle mich ein bisschen wie eine Aspirintablette. Vielleicht bin ich ja gut gegen die Kopfschmerzen, die die Welt gerade verursacht. Es ist doch alles irgendwie brutaler geworden. Wenn ich hingegen in meinen Garten schaue, sehe ich die schönen Blumen, und auch meine vielen Freunde sind schön. Aber die Welt draußen, die ist nicht schön.

Günther Jauch: Das Wichtigste, Eva, ist, dass du die Schönheit im Kleinen siehst. Ich sehe die gelben Tulpen hinter dir. Auf mich wirkst du unverändert: jung, gut aufgelegt und unternehmungslustig.

Eva Erben: Schau, Günther, es geht mir auch recht gut für eine Frau im 96. Lebensjahr. Ich kann es selbst kaum glauben, dass ich schon so alt bin. Mein Besuch in Deutschland vor Kurzem war wunderbar. Ich war zwei Wochen dort, habe vor Tausenden von Schülern und Studenten gesprochen. Und ich kann es nicht anders sagen: Die Leute waren alle sehr nett. In dem Moment habe ich mich gefragt: Wo ist das? Wo ist diese schreckliche Brutalität, von der wir immer in den Nachrichten hören?

Jüdische Allgemeine: Wie erklären Sie sich den Hass, der Israel und Juden gegenwärtig entgegenschlägt?
Eva Erben: Ich frage mich immer: Wen und was hassen die Leute eigentlich genau? Hassen sie nur den Judenstaat Israel? In Italien leben viele Katholiken, aber niemand käme auf die Idee zu sagen, dass es ein Katholikenstaat ist, es ist einfach Italien. Und in Israel leben nun mal überwiegend Juden, na und?

Sie kommen noch viel herum und reisen auch nach Europa. Wie gehen Sie mit dem Thema um?
Eva Erben: Bei meinen Auftritten vor Schülern frage ich sie immer: Was hat euch die Hamas gegeben, abgesehen von Hass, Gewalt, Mord und Totschlag? Und dann sage ich ihnen: Ihr tragt doch alle Jeans. Wisst ihr, dass die ein gewisser Levi Strauss erfunden hat, ein Jude aus Deutschland? Ich sage ihnen: Ihr habt doch alle Smartphones. Wisst ihr eigentlich, dass ein Großteil der Technologie dafür in Israel entwickelt wurde? Wenn man mal aufzählt, was Israel der Welt geschenkt hat, in der Medizin, der Technik, der Landwirtschaft, sehen die Menschen ein ganz anderes Israel. Leider kommuniziert Israel das nicht sehr gut.

Reicht Aufklärung, reicht Bildung, reicht bessere Kommunikation, um gegen den tief sitzenden Hass anzukommen?
Eva Erben: Nein. Solange es Juden gibt, wird es Antisemitismus geben. Aber es gibt einen Unterschied: Heute ist Israel da. Wir schreiben nicht mehr das Jahr 1938! Hier in Israel kann man als Jude leben. Und auch als Muslim oder als Christ. Hier leben auch zwei Millionen Araber – friedlich. Ich habe einen arabischen Hausarzt, ich habe arabische Freunde. Wer hier leben will, ist mir herzlich willkommen. Aber er soll mit uns leben wollen und nicht anstelle von uns. Er soll nicht Juden auslöschen wollen.

Herr Jauch, Sie beobachten die Stimmung in Deutschland sehr genau. Eva Erben fragt sich, wo der Antisemitismus dort herkommt, obwohl sie bei ihren eigenen Besuchen auf sehr viel Offenheit stößt. Was ist Ihre Erklärung?
Günther Jauch: Man merkt schon, dass sich in den letzten Jahren etwas verändert hat, gerade bei uns in Deutschland. Der Antisemitismus ist stärker, als er es je seit dem Zweiten Weltkrieg war. Nun gut, ich bin Mitte der 50er-Jahre geboren, ich kann im Grunde erst ab den 60er-Jahren mitreden. Aber was mich umtreibt, ist, dass der Antisemitismus bei uns in Deutschland mittlerweile aus mehreren Ecken gleichzeitig kommt.

Wie meinen Sie das konkret?
Günther Jauch: Die erste Ecke ist die, aus der Judenhass immer schon kam: von ganz rechts. Wir haben eine AfD, bei der behauptet wird, zwölf Jahre »Drittes Reich« seien nur ein »Vogelschiss« in einer ansonsten ruhmreichen deutschen Geschichte. Früher gab es die NPD oder die Republikaner, aber das waren Kleinstparteien, die blieben meist unter der Fünf-Prozent-Hürde. Heute ist die Dimension des Problems eine andere. Dann gibt es auch den Antisemitismus von links. Das sind jene, die ihre Ressentiments als »Israel-Kritik« tarnen und behaupten, sie seien ja gar nicht antisemitisch, sondern kritisierten nur die Politik Israels. Gleichzeitig zetteln diese Leute eine postkolonialistische Debatte an, mit der dem jüdischen Staat das Existenzrecht abgesprochen wird. Das ist stärker geworden.

Und die dritte Gruppe?
Günther Jauch: Das ist der radikale Islamismus. Wenn man in Deutschland mit manchen Taxifahrern redet oder generell mit Leuten spricht, die aus Ländern kommen, in denen der Hass auf Israel quasi Staatsräson ist, hört man schnell Schimpfwörter wie »Fuck Israel« oder Ähnliches. Was wir mittlerweile an Demonstrationen in Deutschland erleben, lässt mich schlicht fassungslos zurück. Kurz nachdem Israel am 7. Oktober 2023 überfallen worden war, kamen 10.000 Menschen zur Solidaritätsdemo zum Brandenburger Tor. Aber schon damals fand zwei Straßen weiter eine Gegendemonstration statt. Und kürzlich war eine große Pro-Palästina-Demo in Berlin. 50.000 Leute waren Unter den Linden unterwegs. Ich habe mir das angeschaut. Als eine Person am Rand still eine israelische Flagge hochhielt, schlug ihr sofort der nackte Hass entgegen. Sechs Polizisten mussten einen einzelnen Menschen mit einem kleinen Israel-Fähnchen schützen. Ich finde das so unglaublich. Und schließlich sind da die, die einfach nur mit den Schultern zucken und gar nichts machen. Jene, die sagen: »Israel, das ist mir eigentlich egal, ich sag dazu gar nichts.« Letzten Endes befördern die Gleichgültigen auch den Antisemitismus. Insofern gibt es gerade aus mindestens vier Richtungen für jüdische Menschen in Deutschland richtig Gegenwind. Früher hätte ich so etwas nicht für möglich gehalten.

Eva Erben: Ich auch nicht. Und ich frage mich: Was sind das für Menschen? Ticken die anders als du und ich? Hat sich eigentlich mal jemand die Frage gestellt, ob die Welt besser geworden ist, nachdem man sechs Millionen Juden umgebracht hatte? Ist der Antisemitismus eine Krankheit, ein genetischer Fehler im Denken, in der Seele? Ich kann es nicht sagen.

Frau Erben, Sie haben mal gesagt, dass Sie jeden hierher nach Aschkelon zu sich einladen, damit er sich Israel ansehen kann. Gilt das auch für Gegner und Kritiker Israels?
Eva Erben: Ja sicher. Ich lade alle Antisemiten ein und sage ihnen: Kommt hierher. Ich backe euch einen Gugelhupf und koche einen Kaffee. Ein Junge in einer deutschen Schule hat mich einmal gefragt: »Was würden Sie sagen, wenn Sie Hitler begegnen würden?« Ich habe ihm gesagt: Ich würde ihn zu mir nach Hause einladen, ihm meine Familie zeigen und Aschkelon. Ich würde ihm sagen: »Alles, was Sie da sehen, ist echt. Wir Juden haben Fabriken gebaut und die Wüste begrünt.« Dann würde ich ihn nach Tel Aviv mitnehmen und ihm unsere Universitäten und Krankenhäuser zeigen. Und schließlich würde ich ihn zum Essen einladen, auf einen guten Fisch, und ihm klarmachen: »Sie haben sich so bemüht, mein Volk zu vernichten, Sie haben sechs Millionen Menschen umgebracht, darunter meine Eltern. Aber Sie haben doch versagt. Denn das, was Sie hier in Israel sehen, hat der kleine Rest aufgebaut, der Ihren Mordplan überlebt hat. Heute haben wir unser Militär und unseren Geheimdienst Schin Bet, und die werden sich gleich um Sie kümmern, Herr Hitler. Ich wünsche Ihnen noch einen guten Appetit.« Und wissen Sie was? Immer wenn ich das den jungen Leuten erzähle, fangen sie an zu klatschen. Mit einem Mal sehen sie Israel in einem anderen Licht.

Wie haben Sie es geschafft, trotz Ihrer schrecklichen Erfahrungen in Theresienstadt und Auschwitz bis heute so positiv und so zukunftsgewandt im Leben zu stehen?
Eva Erben: Schauen Sie, mein Mann Peter und ich kamen Ende 1948 hierher. Kurz zuvor haben wir in Paris geheiratet. Wir waren beide Schoa-Überlebende, Waisenkinder. Wir hatten nichts mehr: keine Familie, keine Heimat, nicht viel Geld. Aber wir hatten uns. Wir hatten den unbändigen Willen weiterzuleben. Und das haben wir gemacht. 1954 haben wir dieses Haus gebaut, in dem ich heute noch wohne. Peter ist 2016 gestorben.

Günther Jauch: Das ist eine starke Geschichte, Eva. Aber ich finde ja, selbst wenn du sagst: »Schaut mal, welche Erfindungen Juden gemacht haben« – dass das eigentlich gar kein Argument sein kann. Denn selbst wenn Juden all diese Erfindungen nicht gemacht hätten, wäre der Antisemitismus nicht zu rechtfertigen. Das Existenzrecht Israels darf nicht von einer Leistung abhängen. Ich habe kürzlich ein Interview mit einer Holocaust-Überlebenden in London gelesen, Anita Lasker-Wallfisch, die letztes Jahr 100 geworden ist. Sie hat sehr nüchtern gesagt: »Ich verlange gar nicht, dass ich als Jüdin gemocht werde. Aber ich bedinge mir schon aus, dass wir nicht totgeschlagen werden.«

Eigentlich eine zivilisatorische Minimalforderung …
Günther Jauch: Genau. Mir ist da wieder klargeworden, dass es ja gar nicht darum geht, ob ich jemanden mag oder nicht, oder ob ich eine politische Diskussion führe. Es geht um diesen Willen zur Vernichtung, zur Auslöschung, zur Verdrängung. Wenn Leute »From the River to the Sea« rufen, frage ich mich: Wo bleibt dann Israel? Das wird nicht beantwortet. Der Slogan wird einfach rausgeschrien. Dafür fehlt mir jedes Verständnis. Der Antisemitismus von links ist unlogisch. Leute, die für Gleichberechtigung sind, für den Schutz von Minderheiten, für queere Menschen, kritisieren Israel, obwohl das in der ganzen Region praktisch der einzige Staat ist, der genau diese Minderheiten schützt. Müssten diese Demonstranten unter dem Regime leben, für das sie auf die Straße gehen, würde ein Drittel sofort verschwinden, hingerichtet oder eingesperrt werden. Aber auf dem Ohr sind viele taub.

Wie sehen Sie das aus israelischer Sicht, Frau Erben?
Eva Erben: Israel ist müde. Ständig sollen wir uns erklären und rechtfertigen. Was sollen wir diesem Gesindel erklären, das uns so abgrundtief hasst? Wo ist denn ihr Verstand geblieben? Ich muss euch mal etwas erzählen: Im Jahr 1948, als Peter und ich in Paris waren, auf dem Weg nach Israel, haben wir eine muslimische Familie kennengelernt. Die hatte den ganzen Krieg über eine jüdische Familie in ihrem Haus versteckt und gerettet. Das war eine fantastische Familie. Wir haben viel diskutiert. Für mich waren die Muslime damals heilig. Und es kam für mich überraschend, dass der Hass hier so explodiert ist.

Was kann man tun?
Eva Erben: Ich glaube, trotz allem ist der einzige Weg das Wissen. Man soll nicht die Menschen umbringen, die uns hassen. Überall gibt es gute Menschen. Aber die Idee, die soll man ausrotten. Es wäre schön, wenn sich mehr Imame hinstellen würden, die sagen: Das geht nicht, was ihr da macht. Die Zehn Gebote sollte man als Erstes lehren in der Schule. Wir haben die Maxime: Was du nicht willst, dass man dir antut, das füge auch keinem anderen zu. Leider wollen viele Leute das nicht begreifen, sie wollen nicht lernen. Sie glauben lieber den Parolen unserer Feinde. Sie denken, dass es allen besser ginge, wenn die Juden nicht mehr hier wären. Aber das stimmt nicht. Das ist ein Denkfehler. Wir Juden nehmen den Arabern nichts weg. Im Gegenteil.

Sie wohnen hier nur wenige Kilometer von der Grenze zum Gazastreifen entfernt. Wie erleben Sie diesen seit Jahrzehnten immer wieder aufflackernden Krieg?
Eva Erben: Ich habe früher als Krankenschwester in einem Krankenhaus in Aschkelon gearbeitet. Dort kamen auch viele Kinder aus Gaza zur Welt, denn bei jeder komplizierten Geburt kamen die Mütter nach Aschkelon. Ich habe mich mit so vielen arabischen Familien angefreundet. Wir haben uns umarmt, alles Gute gewünscht, die Telefonnummern ausgetauscht. Aber als sie zurück in Gaza waren, kam der Kontakt zum Erliegen. Sie hatten Angst vor Repressalien, vor der Hamas und so weiter. Ich frage mich oft, was aus diesen Babys, die bei uns geboren wurden und die so süß waren, geworden ist.

Hat der 7. Oktober 2023 das Zusammenleben zwischen Israelis und Palästinensern und die Hoffnung auf Frieden endgültig zunichtegemacht?
Eva Erben: Was am 7. Oktober geschah, ist nicht mit Worten zu beschreiben. Und das Schlimmste ist: Die Welt akzeptiert das teilweise schon wieder. Genauso, wie sie damals achselzuckend akzeptiert hat, dass man die Juden ins Gas geschickt hat. Als General Eisenhower nach der Befreiung der Lager kam, hat er gesagt: »Fotografiert das alles, es wird die Zeit kommen, wo man sagen wird: Das ist nicht wahr, das ist alles erfunden.« Diese Zeit ist jetzt gekommen. Viele Leute wollen wieder, dass wir Juden aufhören zu existieren. Oder es ist ihnen egal, wenn wir nicht mehr existieren. Aber ich sage ihnen: Selbst wenn ihr es wollt: Es wird nicht wieder passieren. Denn heute gibt es Israel. Wir wehren uns.

Günther Jauch: Eva, da sind wir wieder bei dem entscheidenden Punkt: Die Antwort kann nur ein starkes Israel sein.

Eva Erben: Absolut. Die Antwort ist ein starkes Israel. Ein Land, das sich behauptet. Ich denke zwar, dass wir hier eine andere Regierung brauchen. Aber beim Existenzrecht kann es keine zwei Meinungen geben. Israel muss stark sein. Man muss uns nicht gernhaben, aber man soll uns bitte leben lassen. Wenn Antisemiten uns hassen, weil sie unzufrieden sind, weil sie sich impotent fühlen, weil sie kein Geld haben oder weil ihnen etwas nicht gelungen ist, frage ich mich: Warum sollen wir Juden an allem schuld sein? Die Vulgarität, die Grässlichkeit, die wir am 7. Oktober erfahren haben, ist nicht Teil unserer Kultur.

Wenn man sich mit Ihnen unterhält, spürt man einen unbändigen Lebenswillen. Sie strahlen immer. Woher kommt das?
Eva Erben: Ich sage es mal so: Weil ich das Glück habe, eine große Familie zu haben. Zu meinem Geburtstag im Oktober habe ich sie allesamt eingeladen, 37 Personen. Ich habe mir gesagt: Es soll kosten, was es kostet, aber ich will sie alle beieinanderhaben, inklusive der Urenkel. Wissen Sie, ich habe 15 Urenkel! Die kennen sich untereinander teilweise schon gar nicht mehr. Die Frau meines Sohnes und die Frau meines Enkels haben sich in einem Geschäft getroffen und sagten: »Hätte Eva uns nicht eingeladen, hätten wir gar nicht gewusst, dass wir miteinander verwandt sind.«

Günther Jauch: Ich finde das toll. Du hast eine schöne Familie, und das ist viel wert. Dass du sie zusammenbringst, das ist das Wichtigste überhaupt.
Eva Erben: Man muss die Hoffnung bewahren, das ist das Entscheidende.
Günther Jauch: Ich habe mich sehr gefreut, heute wieder mit dir zu sprechen, Eva.

Eva Erben: Danke euch. Passt auf euch auf. Und grüß mir Thea.

Günther Jauch: Warte, die will auch noch mit dir sprechen…

In Aschkelon ist es inzwischen dunkel geworden. Eva Erben ruft ihrem Besucher ein Taxi zum Bahnhof. »Ich hätte Sie gerne selbst gefahren, aber in der Dunkelheit ist mir das Autofahren doch zu gefährlich«, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Ihre Einkäufe im Supermarkt erledigt die alte Dame in der Regel noch selbst und mit dem eigenen Fahrzeug, wie sie betont. Sie zeigt noch ein paar Fotos in einer Ecke ihres Wohnzimmers. Eines zeigt ihren Mann Peter, wie er lächelt. Hinter ihm ist eine Autogrammkarte mit dem Konterfei von Günther Jauch zu sehen. An der Wand gegenüber hängt ein Gruppenbild. Es zeigt Erben inmitten ihrer Familie, auf die sie sehr stolz ist.

Dann steht der Taxifahrer vor der Tür. Wie sein Vorgänger hat auch er Mühe, in der engen Straße nicht stecken zu bleiben. »Kommen Sie doch bald mal wieder«, ruft Eva Erben dem Besucher nach. »Und übrigens, im Juli bin ich in Prag. Da werden für meine Eltern und mich Stolpersteine verlegt. Vielleicht sehen wir uns da wieder?«

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