Alice Brauner

»Man braucht Kultur wie Nahrung«

Produzentin Alice Brauner Foto: CCC Filmkunst/Fotografin Daniela Incoronato

Alice Brauner

»Man braucht Kultur wie Nahrung«

Die Produzentin über Hilfe für die Filmbranche, Veränderungen im Kino und Herausforderungen beim Dreh

von Katrin Richter  09.06.2020 17:34 Uhr

Frau Brauner, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war am Dienstagmittag zu einer Gesprächsrunde im Kino International unter dem Motto »Kultur ist Lebensmittel«. Wie ist es um dieses Lebensmittel bestellt?
Ich habe schon vor Monaten gesagt, dass Kunst systemrelevant ist und damit Lebensmittel. Gerade in diesen Zeiten ist es ganz wichtig, dass man eine Möglichkeit hat, abzuschalten und sich von den Sorgen befreien zu können. Nicht umsonst wird vor allem die Filmbranche den Begriff des Eskapismus in Verbindung gebracht. Das ist genau das, was mein Vater auch direkt nach dem Krieg gemacht hat, als die Leute sich ablenken wollten. Man braucht Kultur wie Nahrung, sie ist genauso lebensnotwendig wie die Luft zum Atmen. Einfach, damit man eine Balance zwischen negativer Realität und positiver Fluchtmöglichkeit in eine andere Welt hat und so sein seelisches Gleichgewicht wiederherstellen kann.

Ihr Unternehmen ist untrennbar mit der deutschen und der Berliner Filmgeschichte verbunden. Wie haben sich die vergangenen drei Monate auf die Kino- und Filmlandschaft ausgewirkt?
Wir haben glücklicherweise unseren Film Matze, Kebab und Sauerkraut abgedreht, sodass wir allein die Postproduktion fertig stellen mussten. Das ging alles im Homeoffice und hat mit dem ZDF auch gut geklappt. Eine redaktionelle Abnahme wird immer persönlich gemacht. Die musste dieses Mal telefonisch gemacht werden. Das war ein riesiger Unterschied. Denn sonst wird viel mehr diskutiert. Wirklich hart getroffen hat es uns in den Studios, in denen die Produktionen über Monate bis heute unterbrochen werden mussten. Ich habe zwar eine Vielzahl neuer Anfragen, aber das ist alles noch nicht in trockenen Tüchern. Die Zeiten für definitive Drehzusagen sind noch zu unsicher.

Können Sie überhaupt drehen?
Das Problem für uns Produzenten ist: Wenn wir anfangen zu drehen, dann drehen wir auf eigenes Risiko. Sobald irgendeiner im Team oder im Cast auftritt, der Corona hat, springt keine Versicherung ein. Und die auftraggebenden Sender oder die Filmförderung übernehmen die Kosten auch nicht. Das ist ein richtiges Problem, das für kleine und mittlerer Filmproduktionsfirmen zum Desaster werden kann. Wenn sie aber nicht drehen und keine Umsätze generieren, ist das genauso schlimm.

Wünschen Sie sich mehr Unterstützung von staatlicher Seite?
Ich frage mich, ob man nicht die Überlegung anstellen sollte, eine Art Ausfallfonds für Pandemien zu schaffen, der in so einem Falle greift. Denn wie soll unsere Branche davor geschützt werden, wenn Versicherungen da nicht helfen? Dann traut sich keiner mehr, das Drehen zu beginnen. Ich finde, dass wir extrem stiefmütterlich behandelt werden. Eine Einmalzahlung für einen Solokünstler reicht vorne und hinten nicht. In guten Zeiten erfreut man sich an diesen Menschen. Sind die Zeiten schlecht, dann hilft man ihnen nur ganz bedingt? Das kann nicht sein. Für uns alle ist das eine neue Situation, und ich möchte niemandem einen Vorwurf machen, aber man muss sich schon Gedanken darüber machen, wie wir in Zukunft in der Film- und Kulturbranche mit so einer Situation umgehen wollen. Wer sollte in so einen Topf einzahlen kann, der in solchen Situationen greift. Das sollte auf keinen Fall nur der Staat sein. Vielleicht kann das zusätzlich jedes Glied in der Wertschöpfungskette Filmwirtschaft mit einem kleinen Beitrag sein.

Stehen Sie im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern?
Ich habe nur mit meinem Co-Produzenten in Italien gesprochen, und dort ist die Lage desaströs. Außerdem war ich mit den Kollegen in Deutschland in ständigem Kontakt. Der Regisseur Dror Zahavi, der Regie bei unserem letzten Film Crescendo geführt hat, wollte gerade damit beginnen, eine Serie zu drehen und musste abbrechen. Manche Produktionsfirmen haben sich allerdings sehr kulant gezeigt, und dank des Kurzarbeitergeldes konnte vielen wirtschaftlich zumindest etwas geholfen werden. Aber es ist natürlich schon mit einer großen Frustration behaftet, dass einige Kollegen gar nichts machen können.

Wie werden sich Drehs zukünftig gestalten?
Es gibt Arbeitsempfehlungen der für uns zuständigen Berufsgenossenschaft ETEM. Wenn der Abstand in einer Szene über mehr als eine Minute hinweg nicht eingehalten werden kann, müssen die Schauspieler in Quarantäne. Alle Beteiligten müssen regelmäßig auf Corona getestet werden. Aber mir stellt sich die Frage: Wer will einen Film ohne eine romantische oder eine Kussszene sehen oder einen Krimi ohne Rangelei? Wir brauchen so bald wie möglich Schnelltests.

Sind denn alle Maßnahmen, die Sie einhalten müssen, überhaupt mit einem Dreh zu vereinbaren?
Wenn sie ein Projekt mit 40 Drehtagen haben und alle Maßnahmen exakt mit einkalkulieren, dann kommen Sie auf rund 60 Drehtage. Wer soll das finanzieren? Das bedeutet, dass einige geplante Produktionen hinten runterfallen.

Aus Zuschauerperspektive: Wird das Kinovergnügen noch ein Vergnügen?
Ich glaube nicht. Ähnlich wie beim Einkaufen: den Mundschutz tragen, Abstand einhalten. Ich finde das schon beim Einkaufen komplett vergnügungslos, 20 Minuten vor dem Laden zu stehen, bevor man rein darf. Beim Kino kommt noch so vieles hinzu: Die Spontaneität geht verloren, auch die, einen Film vielleicht auf gut Glück anzuschauen, weil der andere ausverkauft war. Manchen Filmen hat dieses spontane Umentscheiden auch geholfen. Hinzu kommen die Streamingdienste. Man kennt nun das bequeme Kino zu Hause.

100 Jahre Kino-Geschichte in Berlin sind erst kürzlich mit der Schließung des Colosseums in Prenzlauer Berg verschwunden.
Es ist wirklich bedrückend. Es lief lange Zeit sehr gut in unserem Colosseum, aber Corona hat dem Haus dann den finalen Dolchstoß versetzt. Ich kann nur hoffen und beten, dass uns das mit unserem CCC Filmstudio und unserer CCC Filmkunst Produktion nicht passiert. Was mir geholfen hat, war der Verkauf unserer großen Klassiker, die ich sukzessive habe digitalisieren lassen. Filme wie Es muss nicht immer Kaviar sein, die Karl-May-Filme oder Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse, das war für uns schön zu sehen, dass die Lizenzen für diese Klassiker eingekauft wurden, die nun bei Arte oder ZDF neo laufen. Das tröstet ein wenig.  

Mit der Filmproduzentin sprach Katrin Richter.

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