Trauer

Der letzte seiner Art

Ein Leben für das Kino, ein Leben für den Film: Artur Brauner (1918–2019) Foto: Uwe Steinert

Wie passt ein solches Leben in einen einzigen Text? Wenn einer quasi das 20. Jahrhundert ist – alles zusammen, die Schoa, die Hoffnung auf ein anderes Deutschland, das schlechte Gewissen und das ewige Missverstehen, das alte Westberlin und das deutsche Nachkriegskino. Eine Art Marcel Reich‐Ranicki des (nicht nur Unterhaltungs-)Films, ein kleiner polnischer Jude, der den Deutschen »ihr« Kino brachte, so wie Reich‐Ranicki ihnen ihre Literatur ans Herz legte.

Artur (Abraham) »Atze« Brauner, am 1. August 1918 als Sohn von Moshe und Brana Brauner in Lodz geboren, war schon als Kind ein Filmverliebter – bis zu achtmal in der Woche ging er ins Kino, sonntags sogar zweimal. Am liebsten habe er Western geschaut, sagte er einmal. Helden, die nicht aufgeben, und Typen wie Tarzan.

POLEN Abitur, Polytechnikum: Es ist eine normale großbürgerlich‐jüdische Jugend – bis zum deutschen Überfall auf Polen. Er und ein Teil der Familie können in die Sowjetunion flüchten. 1945, Artur ist 26 Jahre alt, kehrt er zurück. Doch Polen ist der Ort, wo 49 seiner Verwandten ermordet wurden, Polen wird der Ort der Pogrome von Kielce und Radom werden, und in Polen sind die Sowjets. Während seine Eltern und drei seiner Geschwister nach Israel gehen, will er mit seinem jüngeren Bruder Wolf nach Amerika. Doch die Reise endet Anfang 1946 bereits in Berlin.

Auf der Flucht lernt er Therese Albert kennen, die mit falschen Papieren in deutschen Arbeitslagern als »Maria« überlebt hat, die Frau, mit der er 71 Jahre bis zu ihrem Tod vor zwei Jahren verheiratet sein und mit der er vier Kinder und sieben Enkel haben wird.

Havel Die Trümmerstadt ist »sein« Ort, die Nahtstelle zwischen Ost und West. Der zierliche junge Mann mit den markanten Brauen und dem Menjoubärtchen treibt sich in Filmstudios herum und lernt, was es zu lernen gibt. Er besorgt sich eine Produktionslizenz von den Alliierten, gründet im September 1946 die CCC‐Film (Central Cinema Company) und wird Filmproduzent – ein Selfmademan, der nie eine Filmakademie besucht hat.

Ein Jahr später, er hat die ganze Stadt nach einem geeigneten Ort durchkämmt, findet er auch den Platz für seine zukünftigen Studios – ausgerechnet auf dem verwaisten Gelände einer Giftgasfabrik der Nazis im letzten Winkel von Spandau. Hier im Wald an der Havel vor den Toren Berlins werden über 500 Filme entstehen, mehr als die Hälfte davon in Eigen‐ oder Koproduktion.

Er drehte alles, was die Deutschen wollten – Kitsch, Heimat, Komödie, Erotik, Abenteuer.

Schon früh zeigt sich, was Brauners Arbeitsweise und sein Leben ausmachen wird. Hartnäckigkeit und die Vergangenheit, die offenen Augen eines toten Jungen, die ihn auf seinem Weg nach Berlin aus einem Massengrab angestarrt haben. Das muss er loswerden, all diese Geschichten, all die toten Augen, und er will, dass andere sie sehen. Zwischen dem allerersten CCC‐Film (Herzkönig) und dem ersten im neuen Studio (Maharadscha wider Willen) dreht er 1948 mit Morituri seinen ersten Holocaust‐Film, in der sowjetischen Zone (»nur da sahen die Wälder aus wie in Polen«) und trotz Abratens von allen Seiten.

Morituri handelt von geflüchteten KZ‐Häftlingen, die eingekesselt zwischen Sowjetarmee und Wehrmacht an der russisch‐polnischen Grenze zu überleben versuchen. Doch die Deutschen wollen keine Filme über verfolgte Juden sehen, und das Unternehmen endet mit einem Schuldenberg. Dennoch wird Brauner Morituri auch noch 70 Jahre später seinen wichtigsten Film nennen.

Genre Doch vorerst muss er Geld verdienen. Und Brauner ist sich für kein Genre zu schade, er dreht, was das Volk will – Kitsch, Heimat, Musik, Komödie, Erotik, Abenteuer –, wohl kalkulierend, dass der kommerzielle Erfolg solcher Schinken ihm den nächsten anspruchsvollen Film finanziert. Neben Streifen, die dann auch schon mal Sündige Grenze oder Die Unschuld vom Lande heißen, sind es die vielen Blockbuster: Beinahe jeder, der nach dem Krieg in Deutschland groß geworden ist, hat mit seinem Old Shatterhand oder Dr. Mabuse gezittert und kennt den Würger von Schloss Blackmoor oder den Henker von London.

In dieser Zeit ist Brauner aber auch der einzige, der Sozialkritisches dreht wie Mädchen hinter Gittern, Antimilitaristisches wie Der Hauptmann und sein Held, oder Die Ratten, ein Stoff, den ihm kein Verleiher bezuschussen will, allein schon, weil der Titel »nach Keller« klingt; erst als Brauner den Star Maria Schell zur Hauptrolle überredet, kann der Film realisiert werden, gewinnt den Goldenen Bären und wird ein Erfolg.

Der Polnisch und Russisch sprechende Brauner ist ebenfalls der Erste, dem Kooperationen hinter dem Eisernen Vorhang gelingen – mit Polen Der 8. Wochentag, und mit den Tschechen, denen er die Rechte für den Braven Soldaten Schwejk abkauft, der, mit Heinz Rühmann verfilmt, einer seiner größten kommerziellen Erfolge wird.

millionen Der »Spiegel« schreibt damals anerkennend, der Einmann‐Groß­betrieb Brauner würde in seinem 14‐Quadratmeter‐Büro hinter seinem wackligen Schreibtisch über mehr Filme entscheiden als der Münchner Bavaria‐Konzern. Während dort ein riesiger Verwaltungsapparat mit Aufsichtsräten zugange sei, sei es bei Brauner nicht ungewöhnlich, »dass er nach zweiminütiger Denkpause über einen 1,2-Millionen-Mark-Film entscheidet und seine Projekte, Star‐Verträge und Kalkulationen in irgendeinem Hotelspeisesaal zwischen Entrecôte und Birne Helene auf Servietten entwirft«.

Brauner hat ein enormes Gespür für Darsteller und Stoffe. Er geht weniger systematisch oder intellektuell als intuitiv vor, mit Bauch, Erfahrung und Menschenkenntnis, ein Hyperaktiver, der Tag wie Nacht Zettel mit Notizen füllt, Inspirationen einsaugt und verarbeitet wie andere Sauerstoff. Der Allrounder gilt als harter, genau kalkulierender Verhandlungspartner, einer, der keine Mark verschwendet, lieber in Jugoslawien als im teuren Frankreich dreht oder – so die Legende – eine für einen Dreh gemietete Kuh vor der Rückgabe erst noch melken lässt. Und er ist hundertprozentig überzeugt von sich, einer, der nicht mit Kritik spart, an niemandem.

Kirk Douglas In den Wirtschaftswunderjahren ist Brauner der deutsche Film‐Mogul schlechthin. Ihm ist zu verdanken, dass emigrierte Regisseure wie Fritz Lang oder Robert Siodmak wieder in Deutschland drehen. In seinen Studios geben sich die Stars der Zeit die Klinke in die Hand – Kirk Douglas, Klaus Kinski, Omar Sharif, und er ist eng befreundet mit Curd Jürgens und Romy Schneider, die er schon früh vor die Kamera geholt hat und deren letzten Film, Die Spaziergängerin von Sans‐Souci, er produzieren wird.

Zu Zeiten des Neuen Deutschen Films wird es dann ruhiger um die CCC. Brauner konzentriert sich nun wieder auf »seine« Stoffe, die Vergangenheit. Er weiß, dass Filme über Schoa Verlustgeschäfte sind. Er macht sie trotzdem, viele davon mit Regielegenden – darunter Michael Verhoeven, Andrzej Wajda oder Agnieszka Holland, um nur einige zu nennen. Der Kinofilm Crescendo, der nächstes Jahr in die Kinos kommt und die Geschichte eines jüdisch‐arabischen Jugendorchesters erzählt, wurde schon von seiner Tochter Alice Brauner mitproduziert, die das älteste aktive unabhängige Filmunternehmen Deutschlands bereits seit einigen Jahren erfolgreich leitet.

Dass Hitlerjunge Salomon – der Film, der für Artur Brauner einer seiner wichtigsten ist – im Ausland gefeiert und mit Preisen bedacht, hierzulande jedoch kritisiert und trotz bester Aussichten auf einen Auslands‐Oscar von der deutschen Jury nicht eingereicht wurde, kränkt Brauner zutiefst. Nie wird er den Schmerz vergessen.

Goldene Kamera Brauner hat im Laufe seines Lebens eine Menge Gold eingesammelt – Goldene Leinwände, Kameras, Bären, Globes, dazu einen Oscar für den Garten der Finzi Contini, einen Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin, das Bundesverdienstkreuz I. Klasse.

Dass er sich dennoch nie so richtig verstanden, richtig geehrt, richtig anerkannt gefühlt hat, besonders in Bezug auf die Filme, die mit seinen eigenen schmerzlichen Erinnerungen zu tun haben, mit denen er versucht hat, das Unverstehbare zu zeigen und den Toten ein Denkmal zu setzen, ist ihm nicht zu verdenken. Angesichts von Ausländerhatz, Rechtsruck und offen gezeigtem Antisemitismus sagte er: »Ich glaube nicht, dass die Mehrheit des deutschen Volkes seine Einstellung bezüglich fremder Völker ändern wird«, sie befasse sich lieber mit ihrem eigenen Leid. Sein Morituri sei 1948 abgelehnt worden und würde heute abgelehnt werden.

Brauner wusste, dass Filme über die Schoa Verlustgeschäfte sind. Er machte sie trotzdem.

Yad Vashem Gelegenheit, Artur Brauner vielleicht doch noch vom Gegenteil zu überzeugen, hatte man unter anderem im Jüdischen Museum Berlin und in Yad Vashem, denen er die Rechte an seinen Produktionen über die Schoa unentgeltlich zur Verfügung stellte und die sie in ihren Mediatheken für jedermann bereithalten.

Artur Brauner wollte als erster seiner Familie 100 werden. Das hat er geschafft, »obwohl ich mich die letzten 75 Jahre nie ausgeruht habe«, wie er noch vor wenigen Monaten sagte. Und er arbeitete auch danach noch weiter, wollte noch einen Film über das Schicksal seiner Familie machen, vermisste seine Frau Maria schmerzlich, erfreute sich an seinen Enkeln, sah die alten Filme noch einmal an und stritt sich mit Tochter Alice über neue Drehbücher.

Nun ist Artur Brauner, der legendäre Produzent, Oscarpreisträger und Zeitzeuge, der zu Recht »der letzte Tycoon« genannt wurde und der letzte seiner Art war, am Sonntag im Alter von 100 Jahren gestorben.

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