Wir sind mit uns selbst beschäftigt. Dafür haben wir Juden leider Gründe. In wenigen Tagen ist Purim, und ich vermute, dass ich nicht die Einzige bin, die sich fragt: Was könnte am Feiertag passieren? Ist jetzt jeder Jom Tow ein Fest der Antisemiten?
An Jom Kippur hatte ich eine böse Vorahnung und ließ das Handy an. Am Vormittag dann die Nachricht: Attentat auf Beter einer Synagoge in Manchester. Zwei Tote. »Willst du heute Abend trotzdem in die Synagoge?«, fragte ich meinen Sohn. Der befand: »Ich kann den Tag auch überleben, ohne umgebracht zu werden.«
Erew Chanukka war ein Sonntag. Im Fitnessstudio, an der Kaffeebar sitzend, wünschte ich meinen Freundinnen per WhatsApp »Chanukka Sameach«. Eine antwortete im Chat: »Kein fröhliches Chanukka.« Ich schrieb zurück: »Was ist denn jetzt schon wieder los? Bitte keine Nachrichten am Wochenende!« Zu spät. Im Netz sah ich die Berichte über das Massaker am Bondi Beach. Das Einzige, das ich denken konnte, war: »Dazu fällt mir nichts mehr ein.«
Mein Sohn wollte nicht in die Synagoge: »Ich kann den Tag überleben, ohne umgebracht zu werden.«
Ich fuhr nach Hause. Dort hämmerte mein Sohn Chanukkalieder auf dem Klavier. Ganz laut. Am Abend zündeten wir die erste Kerze. Und jeden Abend darauf eine weitere. Zu Hause, in der Arbeit, mit Freundinnen und Freunden. »Losing My Religion?« Im Gegenteil. Ich habe noch nie so viel Chanukka gefeiert wie im vergangenen Dezember. Noch nie seit dem 7. Oktober 2023 war so viel Dunkelheit. Und so viel Licht.
Im Januar 2026 gingen die Lichter aus. Nicht in unserer Nachbarschaft in Friedenau, aber weiter südlich, in Zehlendorf. Ein Anschlag auf ein Kraftwerk, zu dem sich Linksextremisten bekannten, kappte fast 50.000 Berliner Haushalten den Strom. Tagelang, bei minus zehn Grad.
Wie ertragen die Menschen in der Ukraine das alles?
Ich drehte die Heizung höher und war dankbar für unsere warme Wohnung – und fragte mich, wie die Menschen in der Ukraine das ertragen, die Bombenangriffe, die eisige Kälte. Warum wir die Ukrainer vergessen haben. Oder verdrängt, was auf dasselbe hinausläuft.
Warum haben wir uns an Nachrichten gewöhnt, die keine Gewöhnung erlauben? Seit vier Jahren terrorisieren russische Soldaten das Land ihrer Nachbarn, nehmen immer wieder die Energie-Infrastruktur ins Visier. Hunderttausende in Kyjiw und anderen Städten sind ohne Strom und ohne Heizung. Bei Temperaturen bis zu minus 20 Grad.
Vor vier Jahren, auch noch vor drei Jahren haben wir Geld gespendet. Für die notleidende Bevölkerung, für die ukrainische Armee, für die Evakuierung von verletzten Soldaten. Und jetzt?
Kopfkino Alija
Wir sind mit uns selbst beschäftigt. Meine Freundinnen und Freunde, meine Verwandten und Bekannten, eine ganze Community schwankt seit dem 7. Oktober 2023 zwischen Angst, Trotz und Selbstmitleid.
Manche sprechen von Alija nach Israel, die allerdings nicht viele tatsächlich in Angriff nehmen, und das aus verschiedenen Gründen. Auch deshalb, weil in Israel kein »offizieller« Krieg mehr herrscht, aber auch kein Frieden. Und weil in Jerusalem eine Regierung sitzt, die wenig von ihrer eigenen Justiz und viel von neuen Siedlungen im Westjordanland hält.
Geschichte wird gemacht. Leider momentan nicht von uns, den Freunden der Demokratie. Weil wir – und damit meine ich vor allem Jüdinnen und Juden, die wie ich in Westdeutschland sozialisiert wurden – uns immer noch der Illusion hingeben, dass wir ein verbrieftes Recht hätten auf ein Leben in Frieden, Freiheit, Rechtsstaat und Wohlstand.
Zwischen Selbstmitleid und vermeintlicher Sicherheit
Wie kommen wir bloß darauf? Lehrt uns die Geschichte nicht, dass diese Werte noch nie vom Himmel gefallen sind, sondern in jeder Generation neu erkämpft werden müssen?
Es hilft nichts, wenn wir im Selbstmitleid versinken. Haben die Ukrainer etwa aufgegeben? Können sie alle ihr Land verlassen? Nein, sie verteidigen ihre Demokratie schon im fünften Kriegswinter. Und wir? Sind auf der Suche nach einem sicheren Ort mit Südbalkon und hoffen insgeheim, dass Wladimir Putins Armee »nur« Estland überfallen wird, falls der Krieg in der Ukraine irgendwann ein Ende finden sollte, wenn auch kein gutes.
Wir träumen lieber weiter: Wäre es eine Idee, die Mauer wiederaufzubauen, damit die Russen im Fall der Fälle nur bis zum Brandenburger Tor kommen, aber nicht nach Wilmersdorf und Friedenau? Wie damals, als West-Berlin noch eine Insel war?
Westberliner Inselnostalgie
Und war die Bundesrepublik nicht viel schöner ohne Sachsen-Anhalt, wo die AfD nach den Wahlen im September den Ministerpräsidenten stellen könnte? Vielleicht sollte man Ostdeutsche, die »falsch« wählen, einfach wieder ausbürgern?
Mal abgesehen davon, dass Demokratie unteilbar ist: Auch dann gäbe es keinen sicheren Ort vor Anschlägen. Nicht in Deutschland. Nicht in Europa. Nicht in Israel. Und auch nicht in den USA. Niemandem ist in die Wiege gelegt worden, dass Krieg und Terror grundsätzlich woanders stattfinden.
Niemandem wurde in die Wiege gelegt, dass Krieg und Terror grundsätzlich woanders stattfinden.
Wir müssen unsere demokratischen Werte verteidigen. Auch mit Waffen gegen den Aggressor Putin. Wir brauchen die Wehrpflicht. Aber wir brauchen auch eine Haltung, die über das Interesse am eigenen Schicksal hinausreicht. Ansonsten würden wir selbst dazu beitragen, dass sich die düsteren Prophezeiungen vom Untergang der Demokratie erfüllen. Und Putin oder seine Nachfolger würden sich die Hände reiben.
Das Wort »Weltbürger« ist in Verruf geraten, aber vielleicht passt es gerade jetzt. Unsere Religion als Juden nicht zu verlieren, bedeutet mehr, als an Chanukka Kerzen zu zünden oder uns an Jom Kippur in die Synagoge zu wagen, obwohl vor der Tür Antisemiten lauern könnten. Es muss auch bedeuten, dass wir uns nicht nur mit uns selbst beschäftigen, sondern im Sinne Hillels handeln, dessen Fragen in den Pirkej Awot, den Sprüchen der Väter, und seitdem immer wieder zitiert werden: »Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich? Und bin ich nur für mich, was bin ich? Und wenn nicht jetzt, wann dann?«