Redezeit

»Liebe und Leidenschaft sind kein Gegensatz«

Olga Grjasnowa Foto: Rene Fietzek

Frau Grjasnowa, kennen Sie die Dating-App Tinder?
Ja, aber ich habe sie noch nie selbst benutzt.

Inwiefern verändern Tinder oder iLove unsere Liebesbeziehungen?
Sie haben großen Einfluss. Viele Menschen in meiner Generation lernen ihre Partner nur noch über solche Internetseiten kennen. Dadurch verändern sich unsere Beziehungen, unser Kennenlernen – und der Zugang zum unverbindlichen Sex.

Ihr neues Buch »Die juristische Unschärfe einer Ehe« erzählt eine rasante Dreiecksgeschichte von Sex, Liebe und Täuschung, in der alles möglich zu sein scheint. Wodurch unterscheiden sich heutige Ehen von denen unserer Großeltern-Generation?
Die Ehen meiner Großeltern waren sehr modern, untypisch für die Zeit – aber sie waren tatsächlich auch gleichberechtigt. Ein Paar meiner Großeltern zog es zum Beispiel trotz der Ehe vor, nicht zusammenzuleben. Aber natürlich gibt es heute extreme Unterschiede im Vergleich zu früher. Man ist heute, zumindest in Europa und Nordamerika, doch viel freier. Eine Ehe erscheint nicht mehr zwingend notwendig.

In Ihrem Roman führen die beiden Hauptfiguren Leyla und Altay eine Zweckehe. Nach der Lektüre fragt man sich: An welchem Punkt endet eigentlich die Liebesheirat – und wo beginnt die Zweckehe?
Das ist natürlich die Gretchenfrage. Ich weiß es nicht und wahrscheinlich weiß es keiner so genau. Aber ich denke, dass die Übergänge in jedem Fall fließend sind, sodass es wahrscheinlich noch nicht mal die Beteiligten selbst genau bestimmen können. So oder so kommt es darauf an, was man sich von einer Ehe erwartet. Wenn die Erwartungen sich tatsächlich decken, wieso nicht?

»Leidenschaftliche Liebe und Ehe ist zweierlei«, befand Hegel. Wie denken Sie über diesen Satz?
Dass er noch immer zuweilen zutrifft. Es gibt glücklicherweise auch Fälle, in denen Leidenschaft und Ehe zusammengehen. Liebe und Leidenschaft sind kein Gegensatz. Zum Glück.

»Die juristische Unschärfe einer Ehe« erzählt auch viel von Eifersucht. Sind Sie eifersüchtig?
Ehrlich gesagt, ja.

Glauben Sie wie viele Ihrer Figuren an die ewige Liebe?
Meine Großeltern haben mir diese vorgelebt.

Heißt das ja oder nein?
Eher ja – wobei sowohl die Liebe als auch jede Beziehung sich im Laufe der Zeit verändert.

Mit der Schriftstellerin sprach Philipp Peyman Engel.

Olga Grjasnowa wurde 1984 in Aserbaidschan geboren und wuchs im Kaukasus auf. 1996 übersiedelte die russisch-jüdische Schriftstellerin mit ihrer Familie nach Deutschland. Nach längeren Auslandsaufenthalten in Israel, Polen und Russland studierte sie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2011 erhielt sie das Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung. Für ihren viel beachteten Debütroman »Der Russe ist einer, der Birken liebt« wurde sie zuletzt 2012 mit dem Klaus-Michael Kühne-Preis und Anna Seghers-Preis ausgezeichnet. Olga Grjasnowa lebt in Berlin.

Literatur

Im Tunnel

Eli Sharabis Erinnerungen an seine Geiselhaft in Gaza sind ein Manifest der Menschlichkeit. Ein Buch voller Grausamkeit, aber ohne Hass

von Maria Ossowski  10.01.2026

Reimund Leicht

»Präsenz und Sichtbarkeit verstärken«

Der Leiter des Judaistik-Instituts an der FU Berlin über Herausforderungen auf dem Campus, die vakante zweite Professur und Lehre zu jüdischer Kultur im modernen Israel

von Ayala Goldmann  09.01.2026

Berlin

Dschungelcamp-Kandidatin stichelt gegen Gil Ofarim: »Ganz übel«

Die Teilnahme des jüdischen Musikers sorgt für heftige Reaktionen. Nun wirft ihm auch Kandidatin Belstler-Boettcher Fehlverhalten in der sogenannten Davidstern-Affäre vor

 09.01.2026

Osnabrück

Christian Berkel hat zu viele Bücher

Das Problem: »Wir haben mal versucht, eine alphabetische Ordnung in den Bücherschrank zu bringen, aber mittlerweile liegen die Neuen einfach obenauf«, so der jüdische Autor und Darsteller

 09.01.2026

Berlin

Swing-Konzert nach Hüftoperation

Nur Tage nach dem Eingriff will Andrej Hermlin wieder auf der Bühne sein. Unter anderem steht ein großes Konzert in der Philharmonie an

von Imanuel Marcus  08.01.2026

Trauer

Schöpfer der Todesmarsch-Mahnmale: Hubertus von Pilgrim ist tot

Der Bildhauer Hubertus von Pilgrim ist im Alter von 94 Jahren in Pullach bei München gestorben. Internationale Bekanntheit erlangte er durch sein Mahnmal für die Opfer des Dachauer Todesmarschs vom April 1945

 08.01.2026

Debatte

Gil Ofarim reagiert auf Kritik an Dschungelcamp-Teilnahme

Gil Ofarim sorgt mit dem Einzug ins Dschungelcamp wieder für Wirbel. Nach Boykott-Aufrufen von Fans äußert er sich erstmals selbst

 08.01.2026

Kulturkolumne

Litwaks: Bin ich einer von ihnen?

Kühl, rational, berechnend und skeptisch – so sind sie laut der »YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe«

von Eugen El  08.01.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  08.01.2026