»Briefe nach Breslau«

Liebe Großeltern

Maya Lasker-Wallfisch nähert sich in ihrem Buch ihrem eigenen Leben und dem ihrer Familie

von Katrin Richter  20.05.2020 12:37 Uhr

»Ich war die Schneekönigin«: Autorin und Psychotherapeutin Maya Lasker-Wallfisch Foto: Stephan Pramme

Maya Lasker-Wallfisch nähert sich in ihrem Buch ihrem eigenen Leben und dem ihrer Familie

von Katrin Richter  20.05.2020 12:37 Uhr

Kingston, Jamaika, in den 80er-Jahren – was nach Reggae, Palmen und Entspannung klingt, ist der komplette Albtraum. Maya Lasker-Wallfisch ist psychisch am Ende, drogenabhängig, mittellos, wird von ihrem Mann geschlagen. Ihre einzige Rettung: ein Anruf bei der Mutter per R-Gespräch.

Die Stimme von Anita Lasker-Wallfisch klingt hart, ihre Sätze sind kurz. Es ist eine Anleitung zum Nachhausekommen und für Maya der Sprung zurück ins Leben. Schon am nächsten Tag sitzt sie im Flugzeug.

Dies ist nur eine Episode aus dem bewegten Leben der Londoner Psychotherapeutin, die sie nun in ihrem Buch Briefe nach Breslau beschreibt. Es ist eine Annäherung an die eigene Biografie als Tochter der Schoa-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch und eine Begegnung mit den Großeltern, die sie nie kennengelernt hat, mit denen sie aber »ins Gespräch kommen will«.

MUSIK Elf Briefe hat Maya Lasker-Wallfisch verfasst. Sie zu lesen, ist der Eintritt in die Welt der Familie Lasker aus Breslau in den 20er- und 30er-Jahren. Die Großmutter ist Musikerin, der Großvater Rechtsanwalt, sie haben drei Töchter, Marianne, Renate und Anita – Mayas Mutter. Bereits mit 13 Jahren darf sie nach Berlin gehen, um Cello zu lernen.

Dieses Schweigen war ein ständiger Begleiter des »normalen« Lebens.

Die Briefe sind nicht nur bloße Biografie, sondern auch der Bericht von Mayas Reise durch Archive, Museen und Bibliotheken, um die Geschichte der Großeltern nachzuvollziehen, die ungeheuerliche Re­pressalien erleiden mussten, weil sie Juden waren, die in das Durchgangslager in Izbica deportiert und ermordet wurden. Für die Enkelin ist die Vorstellung von den letzten Momenten ihrer Großeltern, den Ängsten ihrer Mutter und Tante nur schwer zu ertragen, sie hat keine Scheu, sich in den Briefen verletzlich zu zeigen, und gibt ganz offen zu: »Ich kann nicht weiterschreiben.«

KONFLIKT Gründlich arbeitet sie das Leben und die Traumata ihrer Familie auf, mit deren Auswirkungen auch sie selbst aufwuchs. Und die mit Sicherheit dazu führten, dass ihr Leben ein permanenter Konflikt mit dem Anderssein war. Anders, weil sie, unter anderem, keine Musikerin war, weil ihr die beiden Sprachen der Familie – Deutsch und Musik – fremd blieben.

Briefe nach Breslau ist auch das Selbstporträt einer jungen Frau, die leben will, und das laut und schrill, deren Hunger nach Konsum ganz anderer Musik, nach Ska und Reggae, im Londoner Nachtleben eine jähe Wendung nimmt und im Absturz endet. »Ich war als Schneekönigin bekannt«, sagt Maya Lasker-Wallfisch im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. Eine verrückte Zeit sei es gewesen. »Vielleicht hatte ich 20 Prozent davon Spaß, der Rest war einfach außer Kontrolle geraten.«

Aber der Wunsch nach Anerkennung war bei ihr, der Außenseiterin der Familie, derart groß, dass ihr die oberflächliche Vertrautheit der neuen Freundschaften, die größtenteils durch den gemeinsamen Drogenkonsum zusammengehalten wurden, eine Art neue Familie gab. »Auch wenn es in ziemlich schlimmen Dingen endete« – wie eben der Zeit in Kingston. »Dort wäre ich beinahe gestorben«, sagt Maya Lasker-Wallfisch.

»Meine Mutter hat mich immer gerettet«, sagt Lasker-Wallfisch.

Während sie an ihrem Buch schrieb, habe sie viel über diese Zeit damals herausgefunden. »Ich habe mehr als einmal in den Abgrund gesehen, ziemlich spät, aber immerhin noch im richtigen Moment, habe ich dann einen anderen Weg eingeschlagen.«

Und der führte über den Entzug zu einer neuen beruflichen Perspektive, aber auch in ein neues Doppelleben, was Lasker-Wallfisch offen beschreibt: »Morgens ging ich zur Arbeit, kümmerte mich um Drogensüchtige und half ihnen dabei, clean zu werden. Und abends ging ich nach Hause und lebte mit einem Drogensüchtigen.« Ein enger Freund, der, während sie Halt im Leben fand, seinen verlor.

DURCHKÄMPFEN Ihr Alltag war geprägt vom Durchkämpfen, vom Hinfallen, aber auch vom Aufstehen und von einem neuen Kennenlernen des Judentums, vom Muttersein und von der Erfüllung, heute in einem Umfeld zu arbeiten und zu leben, das sie selbst bestimmt.

Das Buch zu schreiben – in dieser Form –, ist für Lasker-Wallfisch eine Metapher für all das, was sie tut. »Als ich mich entschlossen habe, alles aufzuschreiben, war dies ein absoluter Moment der Klarheit.« Die Briefform hat sie bewusst gewählt, denn »ich kenne meine Familiengeschichte durch Briefe, und für mich ist das die Fortsetzung einer Tradition«. Vielleicht war eine der größten Herausforderungen, Briefe nach Breslau auch ihrer Mutter Anita zu lesen zu geben. Zuerst wollte es die heute 94-Jährige nicht lesen, tat es dann aber doch. Ihr Kommentar fiel so aus, wie es sich Maya insgeheim gewünscht und erhofft hatte: »Es ist wirklich sehr, sehr gut.« Sie hat recht.

Maya Lasker-Wallfisch: »Briefe nach Breslau. Meine Geschichte über drei Generationen«. Insel, Berlin 2020, 254 S., 24 €

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