Zweite Generation

»Ich fand meinen Platz erst spät«

Maya Jacobs-Wallfisch über ihre Kindheit als Tochter der Schoa-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch und Traumata

von Katrin Richter  24.02.2019 10:37 Uhr

Arbeitet als Therapeutin in London: Maya Jacobs-Wallfisch war am 27. Januar 2019 in Berlin zu Besuch. Foto: Stephan Pramme

Maya Jacobs-Wallfisch über ihre Kindheit als Tochter der Schoa-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch und Traumata

von Katrin Richter  24.02.2019 10:37 Uhr

Frau Jacobs-Wallfisch, wie erinnern Sie sich an Ihre Kindheit?
Einfach ausgedrückt: Sie war sehr schwierig, sehr durcheinander. Es war ein Gefühl der Unsicherheit, der Ungewissheit. Das waren die unterschwelligen Gefühle, bevor ich überhaupt von irgendetwas oder über irgendetwas wusste.

Haben sich diese Gefühle zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgelöst?
Nein, in meinem Fall nicht. Ich habe versucht, mir langsam Dinge aus dem Zusammenhang herzuleiten und diesen Gefühlen, die ich hatte, einen bestimmten Kontext zu geben.

Ihre Mutter, Anita Lasker-Wallfisch, hat das Konzentrationslager Auschwitz als Cellistin des Mädchenorchesters überlebt und wurde 1944 in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Wie haben Sie davon erfahren?
Meine Mutter hat niemals über ihre Geschichte gesprochen. Das einzig Seltsame an ihr war ihre tätowierte Nummer am Arm. Im London der frühen 60er-Jahre gab es keine anderen Mütter, die solch ein Tattoo hatten. Ich wusste, dass es mit irgendetwas Schlechtem zu tun haben muss, mit etwas Deutschem, aber mir war nicht bewusst, womit genau. Als ich zwölf Jahre alt war, suchte ich heimlich in einem Schrank meiner Eltern nach Zigaretten. Aber ich fand dort keine Zigaretten. Ich fand etwas Schreckliches. Es war ein Ordner mit schrecklichen Bildern von Leichen und dem Bild einer Person, die verstörenderweise wie meine Mutter aussah. Ich legte also die Bilder zurück und sagte nichts. Für mehrere Jahre nicht. Denn ich wollte ja eigentlich nur Zigaretten stehlen, und ich sollte gar nicht an diesem Schrank sein.

Was hat dieses jahrelange Schweigen mit Ihnen gemacht?
Rückblickend hat es mich traumatisiert. Komplett. Ich war bereits traumatisiert, aber mit jeder Entdeckung kam eine neue Schicht Trauma dazu. Ich fühlte mich einfach nur schuldig. Denn eigentlich, und das war dann das Bewusste, hatte ich nach etwas gesucht, was ich nicht finden sollte. Das war die oberste Schicht. Das Unbewusste, das ist das Trauma.

Haben Sie Ihre Mutter jemals damit konfrontiert?
Nein, meine Mutter konfrontiert man mit so etwas nicht. Das geht nicht. Meine Mutter irgendetwas zum Holocaust zu fragen oder sie zu direkt zu fragen, wie es ihr heute geht, das funktioniert nicht gut. Das Warten war nicht ein Warten auf: Meine Mutter wird es mir irgendwann schon erzählen, sondern ein Warten der Seltsamkeit. Meine Mutter war nicht in der Lage, irgendeinen Zusammenhang für mich herzustellen. Sie dachte: Maya geht zur Schule, Maya macht dieses und jenes. Aber Maya tat genau das nicht. Sie konnte es nicht. An meiner Geschichte ist so offensichtlich, dass bereits sehr früh klar war, dass ich nicht okay war. Es war ein Prozess, in dem ich irgendwann auf Drogen gestoßen bin. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass, wenn ich keine Drogen genommen hätte, ich mich umgebracht hätte.

Ich bin mir ziemlich sicher: Wenn ich keine Drogen genommen hätte, hätte ich mich umgebracht.

Sie haben später selbst als Sozialarbeiterin mit Drogenabhängigen gearbeitet.
Als ich Anfang 30 war, ging ich in die Entzugsklinik. Danach habe ich fast zehn Jahre lang mit Menschen zusammengearbeitet, die Drogenprobleme hatten. Und erst mit fast Ende 30 wusste ich, was ich machen wollte. Ich hatte keine offizielle Ausbildung, und viele Jahre waren für mich verloren. Ich habe meinen Platz in der Welt erst sehr spät gefunden.

Aber Sie fanden ihn und arbeiten seit vielen Jahren als psychoanalytische Psychotherapeutin mit einem Schwerpunkt auf transgenerationalen Traumata. Wir alle kennen Traumata, aber was genau sind transgenerationale Traumata?
Das beschreibt eine Dynamik bei Kindern, die mit Eltern aufwachsen, die schreckliche Konflikte miterleben mussten: Kriege, Zerstörung, Familien, die unter Unterdrückung leiden mussten. Diese zweite Generation kam in einem Land zur Welt, wuchs in einem Land auf, in dem es eine andere Sprache gab. Die Eltern können oft nicht darüber sprechen, woher sie kommen. Und dadurch haben die Kinder keine Umgebung, aus der sie ihren Platz in der Welt oder den Platz der Eltern in der Welt finden könnten. Das trifft nicht bei allen zu. Manche kommen ganz gut weg dabei. Bei mir entstand eine tiefe Dunkelheit. Ich habe diese ganze Verzweiflung, diesen Verlust und das ganze Unausgesprochene verinnerlicht. Das Ergebnis ist ein unverarbeiteter Schrecken.

Wie geht das Trauma von einer Generation auf die nächste über?
Es gibt viele unterschiedliche Arten und Weisen. Einigen Kindern wurde vielleicht zu viel erzählt. Sie waren dem Schrecken durch Schilderungen ausgesetzt. Anderen, dazu zähle ich, wurde nichts gesagt. Und das ist eine Art Nichts. Es gibt eine Unzahl von Wegen, wie sich diese Traumata äußern. Aber vielleicht ist die große Frage eher: Lassen sich solche Erfahrungen händeln, sodass sie dann verarbeitet werden können? In der Generation meiner Mutter wurde nicht wirklich über Dinge – über schlimme Dinge ganz speziell – gesprochen. Heute hingegen leben wir in einer Welt, in der wir denken, dass Menschen eigentlich miteinander reden. Ob sie das wirklich tun, weiß ich nicht. Es gibt viel mehr Arten, wie wir miteinander kommunizieren. Wie gut wir das machen, das weiß ich selbst nicht. Was wichtig ist, ist, dass wir verstehen, warum sich Menschen schlecht – und das ist eine Untertreibung – benehmen. Heutzutage haben wir eine grundsätzliche Verantwortung, uns menschlicher zu benehmen.

Inwiefern hat Ihnen die eigene Erfahrung geholfen, als Therapeutin zu arbeiten?
Ich bin sehr daran interessiert, herauszufinden, was die Geschichte hinter den Traumata ist. Ich gebe Menschen eine Art Rahmen, in dem sie ihre Geschichte erzählen können. Manchmal sind das akute Probleme, und die Menschen fühlen sich einfach schrecklich. Selten kommen Menschen in meine Sprechstunde, die genau wissen, dass ihre Probleme aus einer Traumatisierung der Familie heraus entstanden sind. Und ich habe ein Gefühl dafür, diese Traumata sozusagen aufzuspüren. Ich habe sehr oft das Gefühl, dass es für die Menschen eine große Erleichterung ist, darüber zu sprechen.

Ich gebe Menschen eine Art Rahmen und habe ein Gefühl dafür, Traumata aufzuspüren.

Wann haben Sie das erste Mal vom »Second Generation«-Trauma gehört?
Das ist eine ganz interessante Geschichte. Vor 20 Jahren entdeckte ich ganz zufällig eine Annonce in der Zeitung. Darin stand: »Sind Sie Nachfahre von Schoa-Überlebenden? Wir möchten eine Therapiegruppe gründen. Wenn Sie interessiert sind, melden Sie sich unter dieser Nummer.« Ich habe sofort darauf reagiert und wusste, ich muss da hingehen. Ich traf zum ersten Mal auf Menschen wie mich.

Wie haben Sie diese Treffen erlebt?
Nun, wir waren ja ganz unterschiedliche Leute, aber es gab dieses unbeschreibliche Gefühl der Erleichterung. Plötzlich erfuhr ich auch von anderen, dass sie Sätze wie »Du hast genug zu essen gehabt« kannten. Und ich hatte nicht genug. Nie. Wenn ich eine Scheibe Brot aß, hieß es: »Du bekommst keine weitere.« Daraus ist meine Scham, mehr zu wollen, entstanden. Und diese Scham zieht sich durch mein Leben. Insbesondere als Kind war das problematisch für mich. Zumal hinzukommt, dass ich nie herausgefunden habe, was ich wirklich möchte. Worauf ich im Leben Appetit habe. Auch heute noch. Ich bin eher wie meine Tante Renate (die Autorin Renate Lasker-Harpprecht). Ich liebe schöne Kleidung, ich mag Schmuck. Meine Mutter kann das nicht nachvollziehen und schaut mich an, als ob ich verrückt wäre.

Können Sie das etwas genauer beschreiben?
Sie würde zum Beispiel nie sagen: »Maya, das sieht schön aus.« Sie würde fragen: »Ist das neu?«

Wie ist das Verhältnis zu Ihrer Tante Renate Lasker-Harpprecht?
Ich habe sie vor einigen Monaten besucht, weil ich gerade an einem Buch arbeite. Ich hatte schon als Kind ein sehr enges Verhältnis zu ihr. Sie wusste, wie ich mich als Kind mit einer Mutter wie der meinen fühlte. Sie bewundert meine Mutter – das tun wir alle –, aber Renate hat großes Verständnis für mich. Meine Mutter liebt mich über alles, aber sie wird immer erst schreien, bevor sie ein liebes Wort sagt. Ich habe beispielsweise kürzlich mein Portemonnaie verloren. Was meine Mutter macht, ist: Sie verschlimmert die Situation nur noch. Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte. Aber das ist ihre Art, mit Stress umzugehen. Bei ihr läuft es, wenn etwas passiert, nicht nach dem Muster: Oh nein, lass uns das Problem lösen. So bin ich groß geworden.

Wie sieht es eigentlich aus, wenn sich die ganze Familie trifft?
Es ist auf jeden Fall laut. Niemand hört dem anderen zu. Ich muss dazu sagen, dass diese Treffen eher die Ausnahme sind, aber wenn, dann ist es laut.

Sie waren – gemeinsam mit Ihrer Mutter, Ihrem Bruder und Ihrem Neffen – am Internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar im Jüdischen Museum Berlin zu Gast und haben über die Familie gesprochen. Aus welchem Grund haben Sie dieses Treffen organisiert?
Sehen Sie, ich war in einer Familie von Musikern immer die, die ein bisschen versteckt wurde. Und das wollte ich ändern. Für mich ist das sehr wichtig.

Ich bin etwas unschlüssig, was ich über das »Third Generation-Trauma« denken soll.

Um noch einmal zum »Second Generation«-Trauma zurückzukehren. Was denken Sie über das sogenannte »Third Generation«-Trauma?
Ich bin mir, was das angeht, etwas unschlüssig. Natürlich gibt es die dritte Generation. Mein Sohn gehört dazu, die Kinder meines Bruders ebenfalls. Wenn jemand aus der dritten Generation dieses Problem fühlt, dann muss man es ernst nehmen. Aber ich denke nicht, dass wir unsere Aufmerksamkeit sehr extrem darauf lenken sollten. Die Aufarbeitung der zweiten Generation hat viel zu lange gedauert. Ich war bereits in meinen Dreißigern, als das begann. Ich musste lange warten. Die dritte Generation wird das Gegebene, also diesen bereits aufgearbeiteten Zustand, auf bestimmte Art und Weise weiterführen. Ich sage nicht, dass es das nicht gibt. Aber ich bin mir nicht sicher. Es ist ein kritischer Moment, denn uns läuft die Zeit davon.

Wie wird das Gedenken ohne Zeitzeugen aussehen?
Zuerst einmal möchte ich sagen, dass das, was ich tue – also mit meiner Mutter zu reisen und mit und vor Menschen zu sprechen –, für mich eine Mizwa ist. Wenn wir das jetzt nicht tun, haben wir später keine Gelegenheit mehr dazu. Es gibt diese Dringlichkeit, jetzt mit Zeitzeugen zu sprechen. Was mein familiäres Erbe betrifft, bin ich es, die unsere Geschichte aufarbeitet. Mein Bruder ist Cellist und macht das Gleiche auf seine Art. Ich spreche darüber und bin damit sehr glücklich.

Mit der Psychotherapeutin sprach Katrin Richter.

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