Nahostkonflikt

»Liebe Fanatiker ...«

»Mein zionistischer Ansatz ist ganz einfach: Wir sind nicht allein in diesem Land«: Amos Oz (78) Foto: Getty Images

Nahostkonflikt

»Liebe Fanatiker ...«

Ein Appell von Amos Oz an all jene Israelis und Palästinenser, die mit blindem Eifer ihre Ziele erreichen wollen

von Amos Oz  12.03.2018 20:04 Uhr

Fangen wir mit dem Wichtigsten an, mit der Frage nach Leben oder Tod des Staates Israel. Wenn es hier nicht bald zwei Staaten geben wird, dann wird es hier nur einen einzigen Staat geben. Und wenn es hier nur einen einzigen Staat geben wird, dann wird es ein arabischer Staat sein, der vom Mittelmeer bis zum Jordan reicht.

Es ist möglich und auch angemessen, dass Juden und Araber zusammenleben, aber ich kann nicht akzeptieren, als jüdische Minderheit unter arabischer Herrschaft zu leben, denn fast alle arabischen Regime im Nahen Osten unterdrücken und erniedrigen Minderheiten.

mehrheit Ich kann es auch deshalb nicht akzeptieren, weil ich auf dem Recht der israelischen Juden bestehe, wie jedes andere Volk die Mehrheit und nicht die Minderheit zu sein, und sei es auch nur auf einem kleinen Stückchen Land.

Ich habe gesagt: ein arabischer Staat vom Mittelmeer bis zum Jordan, ich habe nicht von einem Zwei-Völker-Staat gesprochen. In allen binationalen oder multinationalen Staaten, außer in der Schweiz, knirscht es heftig (siehe Belgien, das Vereinigte Königreich, Spanien), oder sie sind schon in einem Blutbad zusammengebrochen (siehe Libanon, Zypern, das ehemalige Jugoslawien, die ehemalige Sowjetunion).

Sprechen wir nun einen Moment lang über die Lösung des Konflikts: In über hundert Jahren (man könnte diese Zeit als »Hundert Jahre Einsamkeit« bezeichnen) gab es keinen günstigeren Zeitpunkt, diesen Konflikt zu beenden. Nicht, weil die Araber jetzt plötzlich Zionisten geworden oder dazu bereit wären, unser historisches Anrecht auf das Land Israel anzuerkennen, sondern weil Ägypten, Jordanien, Syrien, die Vereinigten Arabischen Emirate und die Maghreb-Staaten und auch Assads Syrien gegenwärtig und in absehbarer Zukunft einen viel unmittelbareren, zerstörerischeren und gefährlicheren Feind als den Staat Israel haben.

friedensvorschlag Vor über einem Jahrzehnt, im Jahr 2002, lag der saudische Friedensvorschlag, der eigentlich der Vorschlag der Arabischen Liga war, auf dem Tisch. Ich rate nun nicht dazu, zu überstürzen und auf der gestrichelten Linie den Vertrag zu unterschreiben, aber dieser Vorschlag ist es durchaus wert, geprüft und diskutiert zu werden. Wir hätten das schon vor vielen Jahren tun sollen, dann befänden wir uns heute vielleicht in einer ganz anderen Situation. Wäre uns ein ähnlicher Vorschlag zur Zeit Ben-Gurions und Eschkols gemacht worden, in den Tagen der arabischen Gipfelkonferenz in Khartum, hätten wir fast alle auf den Straßen getanzt.

Ich werde nun etwas Umstrittenes zu diesem Konflikt sagen: Seit dem Sechstagekrieg im Jahre 1967 haben wir in keinem Krieg gewonnen. Auch nicht im Jom-Kippur-Krieg. Ein Krieg ist kein Basketballspiel, in dem derjenige, der mehr Punkte erreicht, den Pokal gewinnt und alles mit einem Händeschütteln endet. Bei einem Krieg bedeutet es noch lange nicht, dass wir gewonnen haben, wenn wir mehr Panzer als der Feind zerstört und mehr Flugzeuge heruntergeschossen und feindliche Gebiete besetzt und Feinde getötet haben, als auf unserer Seite zerstört, heruntergeschossen, besetzt und getötet wurden.

Der Sieger in einem Krieg ist jener, der seine Ziele erreicht, und der Verlierer jener, der seine Ziele nicht erreicht. Im Jom-Kippur-Krieg war es Assads Ziel, den Status quo zu zerstören, der sich nach dem Sechstagekrieg verfestigt hatte, und das ist ihm gelungen. Wir haben verloren, weil wir unser Ziel nicht erreicht haben, und wir haben es deshalb nicht erreicht, weil wir letztlich überhaupt kein Ziel hatten und auch keines haben konnten, das mit militärischen Mitteln zu erreichen gewesen wäre.

Stärke Habe ich damit gesagt, dass militärische Stärke überflüssig sei? Nein, Gott behüte. In jedem Augenblick der letzten Jahrzehnte hat uns unsere militärische Stärke vor Zerstörung und Vernichtung bewahrt. Doch man sollte bedenken: Wenn von Israel und seinen Nachbarn die Rede ist, kann unsere militärische Stärke nur eines – vermeiden.

Ein Desaster vermeiden. Die Vernichtung vermeiden. Einen Massenangriff auf unsere Bevölkerung vermeiden. Aber wir können die Kriege nicht gewinnen, einfach deshalb, weil wir keine gemeinsam vereinbarten nationalen Ziele haben, die man mit militärischer Stärke erreichen könnte. Deshalb sehe ich in der Idee des »Konfliktmanagements« das Rezept für ein Problem nach dem anderen, um nicht zu sagen: für eine Niederlage nach der anderen.

Viele, zu viele Israelis glauben: Wenn wir einen großen Stock nehmen und den Arabern damit kräftig eins überziehen, werden sie endlich erschrecken und uns ein für alle Mal in Ruhe lassen, und alles wird in Ordnung sein. Seit fast hundert Jahren lassen sie uns aber nicht in Ruhe, trotz unseres großen Stocks.

wunde Der Streit zwischen Israel und Palästina ist schon seit Jahrzehnten eine blutende Wunde, eine eiternde Wunde. Es hat keinen Sinn, immer wieder den großen Stock zu heben und auf die blutende Wunde einzuschlagen, damit sie erschrickt und endlich aufhört, eine Wunde zu sein, endlich aufhört zu bluten. Eine offene Wunde muss man heilen, und es gibt einen klaren Weg, diese Wunde nach und nach zu heilen. (...)

Eine der wichtigsten Unterscheidungen im Leben der Menschen und der Nationen ist die Unterscheidung zwischen feststehenden und veränderlichen Faktoren. Ein Beispiel: Jahrzehntelang hat man uns die Angst eingejagt, dass, falls wir die besetzten Gebiete zurückgäben, »die kommunistischen Panzer des Warschauer Pakts vor Kfar Saba auftauchen« würden. Niemand kann mit Sicherheit sagen, dass alles wundervoll sein wird, wenn wir die besetzten Gebiete räumen. Aber man kann mit Sicherheit behaupten, dass keine kommunistischen Panzer vor Kfar Saba auftauchen werden. Man darf variable und fixe Faktoren nicht verwechseln.

Dieselben notorischen Angstmacher, die uns damals mit der Roten Armee vor den Toren Kfar Sabas erschrecken wollten, wollen uns jetzt weismachen, ein Rückzug aus den besetzten Gebieten führe dazu, dass Raketen auf Tel Aviv, auf den Flughafen Ben-Gurion und auf Kfar Saba abgeschossen würden. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob es so sein wird oder nicht, aber mit der Autorität eines ehemaligen Feldwebels der israelischen Armee kann ich behaupten, dass man schon heute den Flughafen Ben-Gurion, Tel Aviv und Kfar Saba mit Raketen erreichen kann, die nicht nur aus Kalkilia, sondern auch aus dem Irak, aus Pakistan und vielleicht sogar aus Indonesien stammen könnten.

Armee Und wieder, wie schon bei den kommunistischen Panzern vor den Toren Kfar Sabas, fehlt hier unglücklicherweise die Unterscheidung von veränderlichen und feststehenden Faktoren. Wenn nicht heute, dann bestimmt morgen oder übermorgen wird man von jedem Punkt der Welt aus haargenau jeden anderen Punkt der Welt treffen können. Wollen wir die Armee also losschicken, um die ganze Welt zu besetzen?

Ich habe gesagt, ich könne, im Gegensatz zu einigen meiner Freunde, die zu den »Tauben« unter den Linken gehören, nicht garantieren, dass nach einem Friedensvertrag und unserem Abzug aus den besetzten Gebieten alles gut sein wird. Aber ich bin mir sicher, dass es noch viel schlimmer kommen wird, wenn wir in den besetzten Gebieten bleiben. Wenn wir dort bleiben, wird es am Ende einen arabischen Staat vom Mittelmeer bis zum Jordan geben.

In diesem Punkt muss ich an mir und einigen meiner Freunde, den linken »Tauben«, doch auch eine gewisse Kritik üben. Es gibt Millionen von Israelis, die vielleicht auf die besetzten Gebiete verzichten würden, aber sie trauen den Arabern nicht. Sie wollen sich nicht für dumm verkaufen lassen. Sie haben Angst. Angst darf man nie belächeln oder verspotten. Man kann vielleicht versuchen, die Angst abzubauen. Man kann versuchen, die Menschen zu beruhigen. Und den »Tauben« unter den israelischen Linken würde es andererseits gar nicht schaden, ein wenig von dieser Angst zu spüren. Es gibt Gründe für Angst.

Wie dem auch sei, ein Mensch, der Angst hat, sie mag berechtigt sein oder nicht, darf nie belächelt oder verspottet und auch nicht herablassend behandelt werden. Über Frieden im Tausch gegen die besetzten Gebiete muss man ohne Spott oder Herablassung diskutieren, so wie Menschen, die eine Gefahr gegen eine andere abwägen.

Oslo-Abkommen Und es gibt noch einen Irrtum unter einigen meiner Freunde, den linken »Tauben«. Manchmal glauben sie, der Frieden läge auf einem etwas hohen Regal in einem Spielzeugladen. Man müsse nur die Hand ausstrecken und ihn packen: Papa Rabin hatte ihn mit dem Oslo-Abkommen schon fast in der Hand, war aber zu geizig, den vollen Preis zu zahlen, und hat uns das Spielzeug also nicht mitgebracht.

Papa Ehud Barak hatte ihn in Camp David schon fast in der Hand, wollte den Preis dafür aber nicht bezahlen und kam ebenfalls ohne Frieden nach Hause zurück. Ebenso Papa Olmert, ein geiziger Vater, der uns nicht genug liebt, sonst hätte er den vollen Preis bezahlt und uns schon längst den ersehnten Frieden gebracht.

Das alles sehe ich nicht so. Ich glaube, dass Frieden sich nicht im Alleingang herstellen lässt. Ein arabisches Sprichwort sagt: »Man kann mit einer Hand nicht klatschen.« Heute indessen haben wir einen Partner, mit dem wir verhandeln können. Die Leute, die uns einer Gehirnwäsche unterziehen wollen, haben jahrelang behauptet, Arafat sei zu stark und zu böse, jetzt behaupten sie, dass Mahmud Abbas zu schwach sei. Sie sagen, solange die Palästinenser uns töten, können wir keinen Frieden mit ihnen schließen, und wenn sie aufhören, uns zu töten, gibt es keinen Grund, Frieden mit ihnen zu schließen.

Mein zionistischer Ansatz ist schon seit Jahren ganz einfach: Wir sind nicht allein in diesem Land. Das sage ich auch zu meinen palästinensischen Freunden. Ihr seid nicht allein in diesem Land. Es gibt keinen anderen Weg, als dieses kleine Haus in zwei noch kleinere Wohnungen aufzuteilen. Ja, ein Zweifamilienhaus. Wenn jemand kommt, egal von welcher Seite, und sagt: »Das ist mein Land« – dann hat er recht. Aber wenn jemand kommt, egal von welcher Seite der Barrikaden, und sagt: »Dieses Land, vom Mittelmeer bis zum Jordan, gehört mir und nur mir allein« – dann riecht er nach Blut.

Der Text ist ein Auszug aus Amos Oz’ neuem Essayband, der zur Leipziger Buchmesse erscheint. »Liebe Fanatiker: Drei Plädoyers«. Suhrkamp, Berlin 2018, 143 S., 18 €

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