Essay

Liberal war einmal

Jennifer Nathalie Pyka Foto: privat

Identitätspolitik ist zweifellos ein hartes Gewerbe. Wandten sich die Linken früher primär der Arbeiterschaft zu, so hat sich ihr Tätigkeitsfeld im Laufe der Zeit erheblich erweitert. Nicht nur die Rechte von Frauen, Einwanderern und Homosexuellen sind ihnen ein Anliegen. Ebenso gilt es, »nicht-binären Transpersonen«, Mitgliedern der »Blaqueeren« Community sowie Anhängern der »Fat Pride«-Bewegung eine Stimme zu verleihen.

Manch einer fragt sich, wozu Identitätspolitik überhaupt notwendig ist, ob diese Obsession mit dem »weißen Mann«, das Einteilen von Menschen in Täter und Opfer, in Gruppen, Stämme und vor allem Rassen nicht selbst ein wenig autoritär bis rassistisch anmutet.

vollstrecker Ihre Vollstrecker hasten indes von einem Einsatz zum nächsten, verbannen das Indianerkostüm (kulturelle Aneignung!) von der Halloweenparty und Shakespeare vom literaturwissenschaftlichen Lehrplan (weißer Mann, vermutlich auch misogyn!). Ihre Waffe? Der Shitstorm. Ihr Ziel? Öffentliche Abbitte auf der Gegenseite, bevorzugt inklusive Kündigung und Rücktritt.

Wo der Antisemitismus sich breitmacht, ist der Illiberalismus nicht fern.

Nun allerdings herrscht große Aufregung im identitären Bällebad. Tat sich doch jüngst eine Gruppe von 153 Intellektuellen – darunter Salman Rushdie, J.K. Rowling und Margret Atwood – zusammen, um ihr Veto gegen derlei Übereifer und die damit verbundene »Cancel Culture« einzulegen.

In einem offenen Brief beklagen sie die »Einengung des freien Austauschs von Informationen und Ideen«, gleichsam des »Lebensnervs einer liberalen Gesellschaft«.

DOGMATISMUS Der Dogmatismus, der von radikalen Rechten bereits bekannt und erwartbar sei, breite sich auch »in unserer Kultur« aus – und mit ihm »Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, öffentliche Anprangerung und Ausgrenzung sowie die Tendenz, komplexe politische Fragen in moralische Gewissheiten zu überführen«. Fazit: »Wir lehnen jedes Ausspielen von Gerechtigkeit gegen Freiheit ab, das eine ist nicht ohne das andere zu haben.«

Geradezu wohltuend unterscheiden sich derlei Zeilen von der offenen Briefsammlung, die man sonst aus konservativeren Regionen kennt und deren Urheber zuverlässig das Recht auf Meinungsfreiheit mit dem Recht auf Widerspruchsfreiheit verwechseln. Auch Unterzeichner wie Noam Chomsky – nicht gerade als reaktionärer Ultra bekannt – imprägnieren den Brief gegen etwaige Rechts-Ausdünstungen.

Dabei haben die 153 Autoren zwei Dinge durchschaut, die Linke eher übersehen. Erstens: Auch der gute Zweck rechtfertigt nicht, bei der Wahl der Waffen auf das illiberale Arsenal des Gegners zurückzugreifen. Zweitens: Tabus entstehen nicht, indem man sie auf Twitter postet. Tatsächlich sind Tabus sogar eine recht angenehme Sache.

Wie schön wäre eine Welt, in der der Vergleich Israels mit dem NS-Staat ein absolutes Tabu wäre.

Wie schön wäre eine Welt, in der der Vergleich Israels mit dem NS-Staat ein absolutes Tabu wäre. Allerdings stehen Tabus eben auch erst am Ende einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung, die auf freier Rede und Gegenrede basiert. Sie sind das Ergebnis einer Abstimmung aller. Niemand kann sie einfach festlegen oder durch professionelles Beleidigtsein erzwingen.

SPRENGSATZ Nur wenige Tage vergingen, da explodierte schon der nächste Sprengsatz im identitären Graben. Die amerikanisch-jüdische Autorin Bari Weiss, bis dahin Redakteurin des Meinungsressorts der »New York Times«, quittierte ihren Dienst und hinterließ zum Abschied ebenso einen offenen Brief. Die Wahrheit, so Weiss, sei bei der NYT »kein Prozess der kollektiven Entdeckungsreise, sondern eine feststehende Meinung«. Mehr noch: »Intellektuelle Neugier – ganz zu schweigen von Risikobereitschaft – ist bei der ›Times‹ heutzutage eine Belastung.«

Der eigentliche Chefredakteur sei inzwischen Twitter, auf dessen links-identitäre Nutzer das Blatt seine Inhalte zuschneide, schrieb Weiss. Sie selbst sei nicht nur in der Twitteria, sondern auch von Kollegen auf internen Kanälen unter den Augen Vorgesetzter gemobbt worden.

Als »Nazi« und »Rassistin« habe man sie, die 2017 infolge der Trump-Wahl für frischen Wind im New Yorker Meinungsreservoir sorgen sollte, beschimpft. Auch ihre Freunde in der Redaktion seien geschnitten worden. Dass sie »schon wieder über Juden schreibe«, lautete der Vorwurf der Kollegen bezüglich ihrer Texte über Israel und Antisemitismus.

trump-skeptikerin Nun zählt Frau Weiss eher zu den meinungsstarken Journalisten. Die Sphäre des »sowohl als auch« ist ihr gleichwohl nicht fremd. Als ausgemachte Trump-Skeptikerin wandte sie sich gegen den »Women’s March«, wurde er mit Linda Sarsour doch von einer chronischen Antisemitin angeführt. Als nicht minder engagierte Mahnerin gegen Judenhass in progressiver Manier erinnerte sie jedoch auch jüdisch-konservative Trump-Enthusiasten daran, den Antisemitismus der Alt-Right-Bewegung nicht auszublenden.

Doch offensichtlich hat die NYT nicht nur mit Juden in Israel Probleme, sondern auch mit solchen aus den eigenen Reihen, sofern sie nicht ihren Platz in der identitätspolitischen Choreografie einnehmen. Zu gerne wüsste man, wie sich das Mobbing einer jüdischen Redakteurin mit der Hingabe zu den Bedürfnissen jeder Minderheit von Cis bis Queer in Einklang bringen lässt.

Aber das bleibt wohl das Geheimnis einer Bewegung, die noch mit bestem Gewissen jüdische Studenten selbst vom Protest gegen amerikanische Neonazis ausschließt, solange sie nicht Abbitte leisten und Israel zum Teufel schicken. Und die es auch nicht irritiert, wenn Davidstern-Fähnchen auf einer LGBTQ-Parade in Washington D.C. ausdrückliche Platzverweise erhalten.

Auf dem Weg zur inklusiven Vollkasko-Gesellschaft müssen eben auch mal Späne fallen.

Doch auf dem Weg zur inklusiven Vollkasko-Gesellschaft müssen eben auch mal Späne fallen. Zwar eilt die Zahl antisemitischer Vorfälle und Übergriffe von einem Höchststand zum nächsten. Keine andere Minderheit kann auf ein historisch so lückenlos gefülltes Register an Hass, Verfolgung und Mord verweisen.

drahtzieher Da die Identitätspolitik jedoch die Juden im Allgemeinen und zionistische Juden im Besonderen schon längst als Drahtzieher hinter der Macht des »weißen Mannes« entlarvt hat, können sie bedauerlicherweise nicht auf ein lauschiges Plätzchen im linken Opferreigen bauen. Immerhin: Auch die Nazis hatten kein Problem damit, »den Juden« als verachtenswerten Parasiten und zugleich als klandestine Macht über sämtliche Geschicke der Menschheit zu betrachten.

Böse Zungen werfen den identitär bewegten Linken nun Doppelmoral vor. Das ist allerdings völlig verkehrt. Vielmehr folgt die Linke in dieser Angelegenheit einem jahrhundertealten Naturgesetz: Wo der Antisemitismus sich breitmacht, ist der Illiberalismus nicht fern. Beide gehören zusammen wie Dick und Doof. Identitätspolitik, die Tabus mit dem Holzhammer installiert, anstatt mit Worten zu streiten, gedeiht eben nur dort, wo die Freiheit anderer beschnitten wird. Und wo Emanzipation mit Halluzinationen über weiße Männer verwechselt wird, da bekommt man den Judenhass – quasi den Grundstein jeder Verschwörungstheorie – gratis obendrauf.

In New York City wiederum ist man schon einen Schritt weiter. Dort hat die »Zionist Organization of America« aus aktuellem Anlass eine Hotline für in Not geratene jüdische Mitarbeiter der NYT und wesensverwandter Publikationen ins Leben gerufen. Ein Glück, dass die Linke nach wie vor ihren Knick in der Optik kultiviert. Sonst müsste sie sich daran erinnern, dass auch sie vor langer Zeit gegen Antisemitismus aufstand. Und das wäre ja nun wirklich äußerst unangenehm.

Die Autorin ist Publizistin und lebt in San Francisco und München.

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