Dass wir zu viel Zeit mit unserem Smartphone verbringen, ist beinahe so offensichtlich wie die Tatsache, dass das Gras grün ist, der Himmel blau bleibt und der Winter auch dieses Jahr wieder zu warm ausfällt. Und dennoch: Vergegenwärtigt man sich, wie viel Zeit insbesondere Jugendliche täglich vor ihren mobilen Endgeräten verbringen, wird einem schwindelig.
Während die durchschnittliche Bildschirmzeit eines Erwachsenen bereits geschlagene vier Stunden beträgt, sind es bei einigen Jugendlichen bis zu sieben Stunden am Tag. Im schlimmsten Fall sind das 49 Stunden pro Woche, 210 Stunden im Monat und unfassbare 2555 Stunden im Jahr. Beinahe ein Drittel ihrer Lebenszeit verbringen manche jungen Menschen also vor dem Bildschirm.
Diesen Um- oder besser Notstand möchte der 36-jährige Jacob Weizman in Angriff nehmen. Dafür ist Weizman aus seiner Wahlheimat Berlin in seine Geburtsstadt München gekommen, um im Nash – einem koscher-Style-Deli gegenüber der Synagoge am Jakobsplatz – sein Buch Smartphone aus – Leben an vorzustellen.
Beinahe ein Drittel ihrer Lebenszeit verbringen manche jungen Menschen vor dem Bildschirm
Welche gravierenden Konsequenzen ein maßloser Konsum von digitalen Medien und die mit dem Smartphone einhergehende ständige Erreichbarkeit haben können, weiß der Autor aus eigener, schmerzhafter Erfahrung. In seinem vorherigen Job als Projektleiter und Koordinator in einem mittelständischen Unternehmen war das Handy sein ständiger Begleiter. Vom ersten Blinzeln am Morgen bis spät in die Nacht galt es zu chatten, E-Mails zu beantworten oder Social-Media-Profile zu pflegen. Das habe ihn schließlich in den Burnout getrieben, erzählt er.
Doch statt nach einer kurzen Pause einfach weiterzumachen wie zuvor und sich seinem digitalen Schicksal zu ergeben, wurde diese Erfahrung für Weizman zum Ausgangspunkt für seine Beschäftigung mit der drängenden Frage, was wir tun können, um den Weg zurück ins Analoge zu finden.
Dafür hat er mit 500 Menschen aus allen Altersgruppen über ihr Konsumverhalten, ihre Wünsche und ihre Träume gesprochen. Das Ergebnis ist erschreckend und ermutigend zugleich: Während keiner der Befragten angegeben habe, dass das Smartphone für ihn mit wichtigen Lebensfragen verbunden sei, habe ein großer Teil seiner Gesprächspartner mindestens die Sorge geäußert, dass der eigene Handykonsum zu einer abnehmenden Erfahrungsintensität in der analogen Welt führe.
Abnehmende Erfahrungsintensität in der analogen Welt
Dieses Unwohlsein sei jedoch ein wichtiger Ansatzpunkt, um das eigene Verhalten in andere Bahnen zu lenken: »Wir müssen uns fragen, was in der Zeit, die wir online verbringen, eigentlich nicht passiert. Wie viel Leben, wie viel Begegnung, wie viel Verbindung verloren geht. Das muss sich jeder selber fragen, aber gezielte Aufklärungsarbeit kann insbesondere bei Jugendlichen dabei helfen, einen Reflexionsprozess anzustoßen. Dabei geht es mir nicht um eine Absage an die Technik, sondern um eine Einladung zum Leben«, sagt Weizman.
Aus diesem Grund hat der Autor neben seinem Buch auch eine Bildungsinitiative ins Leben gerufen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, an Schulen und in Jugendzentren über die Nutzung von Smartphones aufzuklären. »Mir geht es dabei nicht um eine spirituelle Idee von Achtsamkeit. Die Teilnehmer meiner Workshops sollen vielmehr lernen, dass sie die Regisseure ihres eigenen Lebens sind. Ich frage die Jugendlichen immer: Wenn ein Film über dein Leben gedreht werden würde, willst du, dass man dich dann einen Großteil der Zeit mit dem Handy in der Hand sieht?« Die Antwort dürfte hier auf der Hand liegen.
Weizman hat auch noch ein paar praktische Tipps mitgebracht. Statt sich die heutzutage unlösbare Frage »Smartphone ja oder nein?« zu stellen, sei es produktiver, den eigenen Konsum peu à peu zu reduzieren. Dabei könne es schon helfen, das Handy am Abend nicht mit ins Bett zu nehmen oder im Alltag immer wieder bewusst offline zu gehen. Am Ende gilt aber auch hier wieder, dass Aufklärungsarbeit nur den Anstoß für eine Veränderung geben kann. Den richtigen Weg muss jeder für sich selbst finden, ergänzt Weizman.
»Wenn sich sogar der Schöpfer am siebten Tag eine Auszeit gönnen konnte, warum sollen wir Menschen das nicht hinbekommen?« fragte Ellen Presser.
Nach der Veranstaltung wird weiter angeregt diskutiert. »Ich habe eine kleine Tochter, die natürlich auch ein eigenes Handy haben möchte, aber ich versuche sie so lange wie möglich smartphonefrei zu halten«, erzählt zum Beispiel Sharon. »Wir als Erwachsene wissen ja eigentlich alle, dass unser Konsumverhalten schädlich ist. Wir müssen nur endlich Konsequenzen daraus ziehen. Es ist wirklich besorgniserregend, dass wir das nur so schlecht hinbekommen.«
Sogar an Hohen Feiertagen in der Synagoge klingelte ein Handy
Und auch Ellen Presser, Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und Veranstalterin des Abends, kann Weizman nur beipflichten: »Es ärgert mich unwahrscheinlich, wenn ich in einem Restaurant sitze und am Nebentisch alle nur in ihr Smartphone starren und nicht mehr miteinander sprechen, von mir aus auch streiten, aber wenigstens in echt. Deswegen war uns die Veranstaltung so wichtig.«
Es sei unfassbar, dass sogar an hohen Feiertagen in der Synagoge schon ein Handy geklingelt habe. Gleichzeitig kenne sie aber auch viele Juden, die am Schabbat auch ihr Handy zu Seite legten. Das könnte eine Inspiration sein, hofft Presser: »Wenn sich sogar der Schöpfer am siebten Tag eine Auszeit gönnen konnte, warum sollen wir Menschen das nicht hinbekommen?«
Wie auch immer wir es im Einzelfall nun schaffen, uns aus der Endlosschleife aus ständiger Erreichbarkeit, Doomscrolling und durchgehender Beschallung mit Podcasts zu befreien, für Jacob Weizman steht fest: »Das Handy kann warten, dein Leben nicht.«