Essay

Lalleluja?

Es ist statistisch erwiesen, dass Juden weniger Alkohol trinken als andere Menschen. L’Chaim! Foto: Getty Images / istock

Einmal – einmal in seinem Leben! – hat Wolf Biermann ein anakreontisches Lied geschrieben. Ein Lied also in der Tradition der fröhlichen, wir können ruhig auch sagen: gojischen Sauflieder, in denen Wein, Weib und Gesang gepriesen werden. Aber natürlich ist es ein Biermann-Lied, und so fügt es sich nicht ganz in diese Tradition. Niemand könnte es grölen, kein Nazi könnte es je als »deutsches Kulturgut« für sich reklamieren. Der Refrain des Liedes hat eine eingängige Melodie, zu der man schön einen langsamen Walzer tanzen könnte.

Der Anfang geht so: »Drei Gläser starker Rioja-Wein! / So singt der alte Troubadour / So macht es Spaß! So soll sie sein / Die Europäische Saufkultur ...« Eine der Strophen aber beginnt so: »Es trinken die Juden aus Tradition / Ein bisschen zu wenig, ich weiß auch warum / Doch einmal im Jahr, beim Purimfest / Da schmeißen sie ihre Gewohnheit um / Sie feiern Errettung aus höchster Not / Und saufen sich so lange voll dabei / Bis sie den Mörder, den Haman schon / Verwechseln mit Retter Mordechai ...«

Erklärungen Am liebsten würde ich Wolf Biermann jetzt auf der Stelle anrufen und ihn fragen, ob er wirklich weiß, warum die Juden »aus Tradition« ein bisschen zu wenig trinken. Ich weiß es nämlich nicht. Ich weiß nur, dass es sich um eine statistisch nachweisbare Tatsache handelt: In Gegenden, wo der jüdische Bevölkerungsanteil hoch ist, sinkt gleichzeitig die Quote der Alkoholiker. Das heißt selbstverständlich nicht, dass es nicht auch jüdische Alkoholiker gibt – nur sind sie statistisch eben eher selten. Wieso? Ich kenne drei Erklärungen, von denen mir keine so richtig einleuchtet.

Die erste Erklärung ist biologisch: Aschkenasische Juden, so behaupten manche Forscher, verfügten nicht über ein bestimmtes Enzym, das es ihnen erlauben würde, Alkohol zu verdauen – ein Schicksal, das sie übrigens angeblich mit den Asiaten teilen. Auf gut Deutsch gesagt: Man braucht weniger Alkohol, um aschkenasische Juden besoffen zu machen, und deswegen hören sie früher mit dem Trinken auf. (Mein Einwand: Und die Sefardim? Und die orientalischen Juden? Ich hatte mal eine persisch-jüdische Freundin; sie und ihre Familie tranken genauso wenig wie die Israelis europäischer Abstammung.)

Die zweite Erklärung ist psychoanalytisch: Männliche jüdische Säuglinge haben bekanntlich am achten Tag nach ihrer Geburt ein ziemlich unangenehmes Erlebnis, und traditionell werden sie nach der Beschneidung betäubt, indem der Mohel ihnen den Schnuller in Rotwein taucht. Seit diesem Moment, so die Theorie, assoziieren Juden den Geschmack von Alkohol mit Schmerzen und lassen also lieber die Finger davon. (Mein Einwand: Und die Mädels? Jüdische Frauen neigen genauso wenig zum Alkoholismus wie die Männer – und denen passiert am achten Tag nach der Geburt nur, dass sie einen hebräischen Namen verpasst kriegen.)

theologisch Die dritte Erklärung ist die schönste. Sie ist theologisch: Ein Rabbiner, dessen Name mir selbstverständlich entfallen ist, schrieb einen Kommentar zu jener Torastelle, in der Haschem seinem auserwählten Volk furchtbare Strafen androht für den Fall, dass es von ihm abfällt und seine Weisungen nicht befolgt.

Mitten in diesem Fluch findet sich der Vers: »Einen Weinberg wirst du pflanzen, aber seine Früchte wirst du nicht genießen« (5. Buch Mose 28,39). Da sehe man, schrieb jener Rabbiner, wie barmherzig der Ewige sei; noch in seinem Fluch verberge sich ein Segen. Denn selbstverständlich sei jener Vers die Erklärung, warum die Kinder Israel sich nicht beschickern wie die Gojim. (Hier fällt mir keine Erwiderung mehr ein.)

Also, ich weiß nicht, warum Juden zu wenig trinken, und Wolf Biermann weiß es schon; irgendwann werde ich ihn nach seiner Erklärung fragen. In der Zwischenzeit möchte ich feststellen, dass das mit dem Saufen zu Purim – aber auch nach dem Trinken einiger Gläser Wein zu Rosch Haschana und an Schabbes – buchstäblich wahr ist: Ich habe meine angeheirateten Lubawitscher Onkels schon herrlich hinüber erlebt. Nach circa einer halben Flasche Wodka lasen sie dann zu Hause im Familienkreis aus der Megilla vor, wie wir damals 500 Mann in Schuschan umbrachten und dann noch einmal 300 und Haman und seine zehn Söhne aufhängen ließen und insgesamt 75.000 Leute umbrachten – waren das noch Zeiten! Das Buch Esther ist bekanntlich keine Lektüre für Pazifisten; gut so.

Whisky Und während meine angeheirateten Brüder die Geschichte von diesem kleinen umgekehrten Pogrom vortragen, bei dem endlich einmal die Antisemiten gejagt wurden und nicht die Juden, verschleifen sie die Konsonanten, verhaspeln sich bei den Vokalen, kichern wie Schuljungen und schenken sich zwischendurch noch ein Glas nach.

Wie aber halte ich es mit der Sauferei? Fern läge es mir, mich einer religiösen Pflicht zu entziehen. Vor langer Zeit habe ich einmal in Schottland gelebt; davon ist als Spätfolge unter anderem eine Vorliebe für sündteure Single Malts zurückgeblieben (Lieblingssorte zurzeit: The Balvenie). Da das Zeug aber »chametz« ist – streng genommen handelt es sich bei Whisky um destilliertes Bier –, muss es vor Pessach dringend aus dem Haus. Stillos käme es mir vor, meine Whiskyflaschen in eine Kiste zu packen und pro forma zu verkaufen, wie man es mit anderem Gesäuerten macht. Stattdessen versuche ich, schon zu Rosch Haschana einiges und dann zu Purim so viel wie möglich davon zu trinken. Vollkommen selbstlos!

Der Refrain des anakreontischen Liedes von Wolf Biermann endet übrigens so: »Drei volle Gläser sind mir genug / Das erste trink ich in einem Zug / Gegen den Durst. Das zweite Glas / Gegen den Kummer, als Seelentrost / – aber das dritte trinken wir / nur auf die Liebe: / Prost! Freunde, Prost!«

Programm

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