Schoa-Roman

Kurze Freundschaft

Jim Shepard gelingt ein fiktives Erinnerungsbuch

von Reinhard Helling  14.03.2016 19:07 Uhr

Foto: C.H. Beck

Jim Shepard gelingt ein fiktives Erinnerungsbuch

von Reinhard Helling  14.03.2016 19:07 Uhr

»Meine Eltern nannten mich Aron, aber mein Vater sagte, sie hätten mich besser Was-hast-du-angestellt genannt.« Der polnisch-jüdische Junge aus Panevežys nahe der litauischen Grenze, der in Jim Shepards siebtem Roman Aron und der König der Kinder als Ich-Erzähler das Wort ergreift, ist ein Versager. Der Neunjährige kann weder schwimmen noch Fahrrad fahren; im letzten Cheder-Zeugnis hatte er drei Ungenügend: in Betragen, Rechnen und Werken. Nie hat der Neunjährige eine Krankheit ausgelassen und war eigentlich immer »zu neunundneunzig Prozent tot«. Sein kleiner Bruder hat noch ein Prozent draufgelegt: Er erlag einer Lungenentzündung. Doch Aron schlägt sich durch – zumindest eine Weile.

Es ist keine leichte Kost, die der 59-jährige US-Autor hier auftischt, der neben preisgekrönten Romanen wie Project X (2005) vier Erzählsammlungen publiziert hat und für »The New Yorker« und »The Atlantic Monthly« schreibt. Aber für den Sch’maja gerufenen Jungen kommt alles noch schlimmer, als der Vater Arbeit in Warschau findet und die Familie umzieht. Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 werden die Warschauer Juden ins Ghetto gepfercht, wo Arons Alltag durch Schikanen, Krankheiten, Seuchen und Hunger geprägt ist. Er schließt sich Adina, Zofia und Lutek an, Gleichaltrigen, die nichts unversucht lassen, um ihr Überleben zu sichern. Dabei riskieren sie viel, auch trügerische Freundschaften, denn Verrat droht an jeder Ecke.

Fliegeralarm Die kindliche Perspektive, aus der Shepard, der mit seiner Frau und drei Kindern in Massachusetts lebt und am Williams College Creative Writing lehrt, furchtbares Elend und große Not schildert, erinnert an Bücher ähnlichen Themas wie Imre Kertész’ Roman eines Schicksallosen (1975) oder die Kindheitserinnerungen aus irisch-katholischer Perspektive in Frank McCourts Die Asche meiner Mutter (1996).

Mit Arons lakonischem Blick erscheint selbst ein Fliegeralarm erfreulich. Seinem Freund und »Lehrmeister« Lutek, der ihm das Stehlen beibringt – ihre Beute reicht von Wasser über Zwiebeln bis zu Lamy-Füllern und anderen handelbaren Dingen –, gefiel das Heulen der Sirenen, weil »dann alle aus den Betten mussten, egal zu welcher Uhrzeit, und sich die Kinder im Keller trafen und zusammen spielten«. Und die Trümmer der kaputten Häuser seien »ein toller Spielplatz, und wir fanden immer irgendetwas Erstaunliches«. Selbst den Bau der Ghettomauer fanden die Jungs gut, weil sie abends, wenn die Arbeiter weg waren, Zementsäcke wegholen konnten, die sich in Essbares eintauschen ließen. Arons Clique, spezialisiert auf die kleinen Fenster von Speisekammern, stiehlt und schmuggelt, was die Lage hergibt.

Janusz Korczak Als der Zehnjährige verwaist, begegnet Aron glücklicherweise einem besonderen Menschen: dem »König der Kinder«. Auf dem Kopf kahl, auf der Nase eine runde Brille, am Kinn ein gelblicher Spitzbart – so kennt man Janusz Korczak (1878–1942), den berühmten polnischen Kinderarzt, der eigentlich Henryk Goldszmit hieß. Ab 1912 leitete er ein Waisenhaus in Warschau, das sein Lebensinhalt wurde. 1940 wird er gezwungen, mit seinem Heim ins Ghetto umzuziehen, wo Aron – neben gut 200 Altersgenossen – Unterkunft findet. Eine kurze, außergewöhnliche, enge Freundschaft beginnt. Am 5. August 1942 begleitet Korczak seine Schützlinge ins Todeslager Treblinka.

Obwohl Shepard sich die Materie angelesen hat – die Recherche habe ihn »fast zu einem Holocaust-Gelehrten gemacht« –, trägt sein Roman eine gehörige Wucht, Melancholie, vor allem aber eine Ehrlichkeit in sich, die wir aus ähnlich gelagerten Lebensberichten kennen. Was aber besonders für Shepards Roman einnimmt: Immer wieder blitzt in Arons trauriger Geschichte Schalk und Witz auf.

Jim Shepard: »Aron und der König der Kinder«. Roman. Übersetzt von Claudia Wenner. C. H. Beck, München 2016, 270 S., 19,95 €

Juwelier

Corona-Maske für 1,3 Millionen Euro

Der Mund-Nase-Schutz soll aus 18-Karat-Gold bestehen und mit rund 3600 Diamanten besetzt sein

 10.08.2020

Klima

Grünes Licht

Israel nimmt an der Green-Deal-Initiative der EU teil – das ist auch ein politisches Signal

von Ralf Balke  10.08.2020

Pforzheimer Friedenspreis

Auszeichnung für Ben Salomo

Der Musiker wird für seinen Beitrag zu »einer offenen, freien und friedlichen Gesellschaft« geehrt

 07.08.2020

Hamburg

Vom Nazi-Bau zur Luxus-Oase

In einem Villenviertel wurde ein denkmalgeschützter NS-Bau zur Wohnanlage umgebaut

von Taylan Gökalp  06.08.2020

»Jägerin und Sammlerin«

Mama ist immer da

Lana Lux erzählt in ihrem Roman eine Mutter-Tochter-Geschichte

von Lena Gorelik  06.08.2020

Finale

Der Rest der Welt

Wie mir die »Auto Bild« beim Deutschwerden geholfen haben könnte

von Eugen El  06.08.2020

Zahl der Woche

81 Fütterungsstationen

Fun Facts und Wissenswertes

 06.08.2020

Lebensläufe

Lewald, Benjamin und all die anderen

Roswitha Schieb erinnert in ihrem Essayband »Risse« an Protagonisten der »deutsch-jüdischen Symbiose«

von Marko Martin  06.08.2020

»The Vigil«

Austreibung des Bösen

Eine chassidische Gemeinde in New York bildet den Hintergrund für den Horrorfilm, der von Trauer und Schuld erzählt

von Alexandra Seitz  06.08.2020