Kassel

»Kunstfreiheit hört dort auf, wo sie anderen Schaden zufügt«

Historikerin und RIAS-Hessen-Chefin Susanne Urban Foto: Privat

Frau Urban, sind die auf der documenta 15 gezeigten und als antisemitisch diskutierten Werke gefährlich?
Ich habe auf der documenta 15 subtilen und weniger subtilen Antisemitismus gesehen. Über Juden und Israel werden, was ich gesehen habe, klar und ausschließlich negative Bilder verwandt. Diese Bilder können zu Abwehrreaktionen und Wut bei Betrachtern führen, zu einer Ablehnung von Juden und von Israel, zu aufgestachelten Emotionen. Die Werke spielen mit althergebrachten Bildern, dämonisieren und entmenschlichen Juden, Israelis und insbesondere israelische Soldaten. Der Staat Israel wird als Kindermörder präsentiert. Das Denkmuster vom sogenannten Ritualmord reicht bis ins Mittelalter zurück. Es werden alte Bilder reaktiviert und in die antisemitische Moderne übersetzt. Das ist gefährlich, denn es löst Reaktionen aus und verstärkt Bilder.

Erkennt man das als Betrachter?
Ein Problem ist, dass die Macht der tradierten Bilder wirkt. Wenn immer wieder die gleiche Idee über einen Menschen oder eine Gruppe erzählt wird, verfestigt sich das. Viele der Bilder beziehen sich auf überlieferte antisemitische Stereotype. Immer wieder bedient man sich derselben Klischees und assoziiert Juden etwa mit Geld und Macht oder inszeniert sie als Strippenzieher. Diese Bilder sind im negativen Sinne weit verbreitetes Kulturgut. Sie werden bei der documenta 15 aufgerufen und sind sehr wirkmächtig.

Die Bilder wurden vor der documenta 15 teils bereits in anderen Ländern ohne Aufschrei gezeigt. Einige sehen in der Debatte ein spezifisch deutsches Problem.
Eine Kulturwissenschaftlerin aus den USA hat das Banner »People’s Justice« des Kollektivs Taring Pardi bereits vor Jahren als antisemitisch entschlüsselt. Auch die Bilder aus der Broschüre »Presence des Femmes« sind als problematisch bekannt. Antisemitismus und antisemitische Kunst sind kein deutsches Problem. Das ist eine Scheindiskussion. Man sagt, in Deutschland sei es wegen der Schoa besonders heikel, so etwas zu zeigen. Das ist perfide, weil es auch aussagt: Hätten die Deutschen kein Problem mit der Schoa oder könnten sich davon freimachen, dann könnte man hier auch so etwas zeigen. Ein Jude, der als Dämon oder tötende Maschine gezeigt wird, ist als Bild weltweit problematisch und transportiert vehementen Antisemitismus. Unabhängig von der deutschen Geschichte.

Müssen antisemitische Bilder zensiert werden?
Kunstfreiheit hört dort auf, wo sie anderen Schaden zufügt. Einige Bilder der documenta 15 transportieren ein Bild über Juden und den Staat Israel, das zu Hass und Ablehnung aufruft. Es gibt keine Freiheit um jeden Preis. Vor allem nicht zu dem Preis, dass man sich eine Gruppe aussucht, die man mit einer Bildsprache aussondert.

Teilen Sie die Haltung, dass man die documenta 15 mit strengeren Kriterien misst als antisemitische Kunst, die beispielsweise in deutschen Museen hängt?
In der Kunst wurden nicht nur Juden, sondern auch andere, beispielsweise Sinti und Roma oder Menschen aus Afrika, sehr lange negativ oder als vermeintlich exotisch dargestellt. Das muss eingeordnet und kontextualisiert werden. Beispielsweise hakennasige Jesusmörder in der christlichen Kunst oder antisemitische und rassistische Tendenzen im Werk des überzeugten Nationalsozialisten Emil Nolde. Da lässt sich der Kontext und die Haltung mit einem QR-Code oder einem Text erklären. Wenn es um Hass geht, reicht das nicht. Niemand stellt in Deutschland heute Bilder aus, die im Stil der NS-Zeitung »Stürmer« Juden darstellen. Deshalb frage ich mich, warum über die uneingeschränkte Zeigbarkeit der Filme »Tokyo Reels« oder der Bilder aus »Presence des Femmes« diskutiert wird. Diese Werke überschreiten eine Grenze. Es stellt sich auch die Frage: Wollen wir das uns und der jüdischen Gemeinschaft antun?

Welche Folgen hat die Debatte für die documenta 15?
Diese documenta lässt sich nicht losgelöst von der Antisemitismus-Debatte betrachten. Gefährlich ist, dass das Kuratoren-Kollektiv nunmehr jene, die auf Antisemitismus hinweisen, als Rassisten abtut. Das spielt Gruppen gegeneinander aus. Das Kollektiv wird auch dem eigenen Prinzip des Diskutierens so nicht mehr gerecht - was ich sehr schade finde. Der Debatte hat das extrem geschadet und die Fronten verhärtet. Das hat sich daran gezeigt, dass unmittelbar nach der Einschätzung des Expertengremiums Protestplakate aufgetaucht sind, unter anderem mit der Aufschrift »Free Palestine from German Guilt«. Das attackiert die Erinnerung an die Schoa und macht eine Debatte miteinander nahezu unmöglich.

Wie haben Sie die Debatte über die documenta 15 und Antisemitismus insgesamt in Deutschland erlebt?
Der Diskurs geriet seit Januar immer stärker in eine Schieflage. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte warnend auf einige Aspekte hingewiesen. Als Reaktion hat man jüdische Stimmen beschwichtigt, zur Seite gedrängt und vielleicht gehofft, dass sich das alles von selbst erledigt. Jüdische Stimmen hört man gerne zu Gedenktagen, zur Schoa oder beim Festjahr »1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«. In Debatten um Postkolonialismus oder einer internationalen Kunstschau möchte man anscheinend lieber nicht gestört werden. Hängen bleibt, dass man die documenta 15 durchpeitschen wollte. Es hätte vor allem eine Auseinandersetzung mit israelbezogenem Antisemitismus geben müssen. Genau das fand aber nicht statt.

Susanne Urban arbeitete unter anderem für das Jüdische Museum Frankfurt, die internationale Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in Israel und begleitete den Welterbe-Antrag für die mittelalterlichen jüdischen Monumente und Friedhöfe in Speyer, Mainz und Worms. Seit 2022 leitet sie die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) Hessen. Dort wurden auch Werke und Vorfälle rund um die documenta 15 in Kassel gemeldet.

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