documenta

Kunst der Freiheit

Schon vor der Eröffnung am 18. Juni ist die »documenta fifteen« in Kassel präsent. Foto: imago images/epd

»Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung«: Unter diesem Motto ließ der Künstler Joseph Beuys in den 80er-Jahren 7000 Eichen im gesamten Kasseler Stadtgebiet pflanzen. Die Bäume sind bei Weitem nicht die einzige sichtbare künstlerische Hinterlassenschaft der seit 1955 in der nordhessischen Stadt stattfindenden Großausstellung. 16 ursprünglich temporär geplante Installationen sind bis heute im Stadtbild präsent.

Doch auch im Kunst-Diskurs und Ausstellungsprogramm vieler Museen, Kunsthallen und Kunstvereine hinterlässt die alle fünf Jahre stattfindende »documenta« einen nachhaltigen Eindruck: Sie setzt Trends.

schlagzeilen Was wird also von der am 18. Juni beginnenden »documenta fifteen« bleiben? Schon jetzt lassen sich einige Tendenzen erkennen, die die diesjährige documenta und ihre Nachwirkung prägen könnten.

Die meisten Schlagzeilen machte bislang der Skandal um den nicht hinreichend entkräfteten Vorwurf der Nähe einiger Teilnehmer sowie des kuratorisch verantwortlichen indonesischen Künstlerkollektivs »ruangrupa« zur antisemitischen Israel-Boykottbewegung BDS.

Sie führten zu einer kontroversen medialen Debatte, mehreren Interventionen des Zentralrats der Juden in Deutschland und anderer jüdischer Organisationen sowie der Einberufung und anschließenden überstürzten »Aussetzung« einer Online-Gesprächsreihe.

kuratoren Die Kuratoren von »ruangrupa« bauten die »documenta fifteen« auf den »Werten und Ideen von lumbung (indonesischer Begriff für eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune)« auf, ist auf der Webseite der Ausstellung zu lesen. Das Künstlerkollektiv formuliert einen selbstbewussten Anspruch: »Wir wollen eine global ausgerichtete, kooperative und interdisziplinäre Kunst- und Kulturplattform schaffen, die über die 100 Tage der documenta fifteen hinaus wirksam bleibt.«

Blickt man auf die Liste der »lumbung-Künstler*innen«, so überwiegen dort tatsächlich Kollektive, Gruppen und Initiativen, die nicht ausschließlich der Kunstwelt zuzurechnen sind. Ebenso wie die Einzelteilnehmer dieser documenta widmen sie sich oftmals politischen und gesellschaftlichen Anliegen.

Für Irritationen sorgte die Einladung des 2019 gegründeten palästinensischen Kollektivs »The Question of Funding« und dessen Verbindungen zu einem nach Khalil al-Sakakini, einem 1953 verstorbenen antizionistischen Intellektuellen, benannten Kulturzentrum in Ramallah.

Die alle fünf Jahre stattfindende »documenta« setzt Trends.

Israelische Teilnehmer der »documenta fifteen« sucht man allerdings vergebens. Dieser bereits vielfach kritisierte Umstand fügt sich in eine seit Jahren im avancierten zeitgenössischen Kunstbetrieb zu beobachtende Tendenz zum Antizionismus. Man könnte einwenden, die Herkunft der Künstler spiele keine Rolle, doch wird sie bei vielen anderen documenta-Teilnehmern offen benannt.

kontroverse Dass die »documenta fifteen« bedenkliche Entwicklungen mit sich bringen könnte, wurde spätestens mit der Kontroverse um »We need to talk« deutlich. Die Reihe sollte sich der »Rolle von Kunst und Kunstfreiheit angesichts von wachsendem Antisemitismus, Rassismus und zunehmender Islamophobie« widmen.

Mit der Reihe wollte die documenta auf die Vorwürfe der Nähe von »ruangrupa« zu BDS reagieren. Die Absage der Gesprächsreihe veranlasste »ruangrupa, das künstlerische Team der documenta fifteen und einige der Kurator*innen des gescheiterten Forums« zu einem am 9. Mai in der »Berliner Zeitung« veröffentlichten Text. Dort erwähnen sie unter anderem einen im Dezember 2020 veröffentlichten offenen Brief von über 1500 internationalen Künstlern, Kuratoren und Theoretikern, der die BDS-Resolution des Deutschen Bundestags von 2019 »als Gefährdung von Kunst- und Diskursfreiheit« betrachtet.

Die damalige Kritik an der Resolution sei, so heißt es in der »Berliner Zeitung«, bis heute wichtig, denn: »Um als antisemitisch bezeichnet zu werden, muss man demnach BDS weder unterstützen noch verteidigen. Es reicht, dass man sich gegen einen pauschalen Ausschluss aller BDS-Befürworter*innen ausspricht – ein Vorgehen, das sich bereits in der Diskussion um die ›Initiative GG 5.3. Weltoffenheit‹ beobachten ließ.«

widersprüche Die documenta-Macher resümieren: »Da sich die realen Probleme der völkerrechtswidrigen israelischen Besatzung diskursiv in Gesprächsrunden in Deutschland nicht auflösen lassen, können wir auch die Widersprüche in der Bewertung dieser Besatzung und des Widerstands gegen sie nicht auflösen.«

Ein deutlicheres Outing in Sachen »Israel-Kritik« ist wohl nicht denkbar. Was also folgt ab dem 18. Juni? Wird die Kunst in Kassel im Mittelpunkt stehen und ihre eigene Sprache und Wirkungskraft entfalten können? Oder eskaliert dort ein sich hinter dem Anspruch auf Kunstfreiheit verschanzender politischer Aktivismus? Welche Rolle wird bei alldem die BDS-Debatte spielen?

Wird sich die »documenta fifteen« in eine seit Jahren offenkundige Tendenz der Kunstwelt zur Dämonisierung Israels und Viktimisierung von BDS-Sympathisanten einreihen? Wird sie sich gar zu einem Brandbeschleuniger für antizionistische Einstellungen entwickeln? Die kommenden 100 Tage werden es zeigen.

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