Film

Künstlerischer Extremismus

Ihren Kampf gegen die Ölindustrie legitimiert die Gruppe als »Akt der Selbstverteidigung«. Foto: © fugu films

Die Grenzen zwischen Kunst und Aktivismus scheinen immer dünner zu werden, auch im Kino. Seit einigen Jahren kommen vermehrt aktivistische Dokumentarfilme auf die Leinwand. Franz Böhm etwa zeigt in Dear Future Children den Kampf dreier Aktivistinnen gegen die Klimakrise, für soziale Gerechtigkeit und Demokratie.

Das Regietrio Fabiana Fragale, Kilian Kuhlendahl und Jens Mühlhoff erzählt in Vergiss Meyn Nicht von Filmstudent Steffen Meyn, der im Hambacher Forst umkam. Und Laura Poitras verbindet in ihrem Meisterwerk All the Beauty and the Blood­shed das Porträt der Fotografin Nan Goldin mit den aktivistischen Interventionen gegen die Sackler-Familie, die der amerikanischen Opioid-Krise den Weg geebnet hatte.

politische gewalt Mit How to Blow Up a Pipeline kommt nun ein aktivistischer ökologischer Thriller in die Kinos, der Grenzen auslotet. Der Titel ist Programm: Der Film handelt von Umweltaktivisten, die eine Pipeline in Texas in die Luft jagen. Nie zuvor hat ein amerikanischer Film so stark mit Umweltaktivisten sympathisiert, und es gibt wohl wenige Spielfilme, die sich moralisch so komplex mit persönlichen und globalen Beweggründen für politische Gewalt auseinandersetzen.

Mit »How to Blow Up a Pipeline« kommt nun ein aktivistischer ökologischer Thriller in die Kinos, der Grenzen auslotet.

Der jüdische Regisseur Daniel Goldhaber, der das Drehbuch gemeinsam mit Jordan Sjol und der jüdisch-mexikanischen Schauspielerin Ariela Barer (im Film als Xochitl zu sehen) geschrieben hat, erzählt seinen Thriller als spannungsgeladenen Heist-Film. Die Musik peitscht voran, während wir die Gruppenmitglieder bei den Vorbereitungen und der Aktion in Texas sehen und sie in Rückblenden nach und nach kennenlernen.

BEWEGGRÜNDE Sie alle haben eigene Beweggründe. Gleich zu Beginn ist Xochitl zu sehen, wie sie Autoreifen zersticht und dem Besitzer einen Zettel am Fenster hinterlässt: »Warum ich Ihr Eigentum sabotiere«. Sie trauert um die Mutter, die während einer extremen Hitzewelle gestorben ist. Theo (Sasha Lane) leidet an einer mutmaßlich durch chemische Abfälle einer Ölraffinerie ausgelösten seltenen Form von Leukämie, was auch deren Lebensgefährtin Alisha (Jayme Lawson) auf den Plan ruft.

Dem texanischen Farmer Dwayne (Jake Weary) wurde wegen des Baus einer Pipeline Land weggenommen, Michael (Forrest Goodluck), der Bombenbauer der Gruppe, hat als indigener Amerikaner viel Wut in sich. Filmstudent Shawn (Marcus Scribner) ist frustriert, weil friedlicher Protest selten Erfolg bringt, und Logan (Lukas Gage) und Rowan (Kristine Frøseth) haben sich für ein Leben als Klima-Punks entschieden.

Das FBI warnte davor, dass der Film Angriffe auf die Infrastruktur für fossile Brennstoffe auslösen könne.

Die Charaktere haben in dieser Konstellation etwas Schematisches, verkommen jedoch nicht zu Schablonen. Vielmehr sind sie das personelle Kondensat verschiedener aktivistisch ausgeprägter Strömungen im Kampf gegen die Klimakatastrophe. Es fallen Sätze wie »Revolution hat kollektive Schäden«. Ihren gewaltvollen Kampf gegen klimafeindlichen Kapitalismus, im Film verkörpert durch die Ölindustrie, legitimiert die Gruppe als »Akt der Selbstverteidigung«.

KONTROVERSE Die Kontroverse ist Goldhabers Thriller qua Perspektive fest eingeschrieben. Schon die Vorlage, Andreas Malms gleichnamiges Sachbuch, in dem der schwedische Professor für Humanökologie und Klimaaktivist für soziale Gerechtigkeit und die Zerstörung von Eigentum als gerechtfertigter Taktik zum Erreichen von Klimazielen plädierte, wurde kritisch diskutiert.

Das FBI warnte davor, dass der Film Angriffe auf die Infrastruktur für fossile Brennstoffe auslösen könne, wohl auch, weil es auf der Webseite zum Film einen Bereich mit einer Karte von Pipeline-Standorten in den Vereinigten Staaten und Kanada sowie aktivistischen Aufrufen gibt. Der künstlerische Extremismus jedenfalls, wie Goldhaber ihn in How to Blow Up a Pipeline zelebriert, bietet viel Anlass zur Diskussion. Auf naturalistischen 16-mm-Bildern gefilmt, grätscht sein Film radikal in die Diskurse unserer Gegenwart.

Der Film läuft ab dem 8. Juni im Kino.

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Für den frischgebackenen Leiter des ARD-Studios Nairobi ist die »Jüdische Allgemeine« ein Propaganda-Sprachrohr der israelischen Regierung. Eine Entgegnung

von Michael Thaidigsmann  29.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Zahl der Woche

16 Stunden 25 Minuten

Fun Facts und Wissenswertes

 28.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Warum sich jüdische Mädchen mehr für Fußball begeistern sollten

von Nicole Dreyfus  27.06.2026

Interview

»Deutsch-jüdische Geschichte ist nichts Verstaubtes«

Der Judaist Alexander Dubrau über seine neue Aufgabe als Direktor des Leo Baeck Instituts Jerusalem, akademische Herausforderungen und den Austausch mit der breiten Öffentlichkeit

von Sabine Brandes  27.06.2026

Sachbuch

Altern als Bühne

Der Schweizer Autor Roger Schawinski hält Boomern den Spiegel vor und plädiert für Genuss und Lebensfreude bis zum Schluss

von Nicole Dreyfus  27.06.2026

»Tage des Exils«

Zirkuskunst, Klezmer und Theater: »Tsirk Dobranotch« kommt nach Frankfurt

Ein außergewöhnliches Zusammenspiel aus Zirkuskunst, jiddischem Theater und Klezmermusik erwartet Besucher im August

 26.06.2026

Aufgegabelt

Sommerfrisch: Melone und Gurke auf Labneh

Rezepte und Leckeres

 26.06.2026