Esoterik

Kristalle, Yoga, Judenhass

Foto: Getty Images/iStockphoto

Horoskope bei Beziehungskrisen, Kristalle gegen schlechte Energien. Für die einen mag so etwas verlockend klingen, für andere eher skurril. Dass esoterische Angebote aber auch das Tor für radikale Ideologien und Verschwörungsglaube öffnen, unterschätzen die meisten.

Vor den Gefahren der Esoterik-Szene warnen nun die Sozialpsychologin Pia Lamberty und Politik- und Wirtschaftswissenschaftlerin Katharina Nocun. Ihr neues Buch Gefährlicher Glaube – Die radikale Gedankenwelt der Esoterik blickt tief in eine Szene, die nicht so harmlos ist, wie sie scheint.

Aber was ist Esoterik überhaupt? Eine klare Antwort gibt es darauf nicht. Der britische Soziologe Karl Thompson beschreibt sie als »spirituellen Supermarkt«, in dem sich jeder nach Belieben bedienen könne, zitieren die Autorinnen. Dem Begriff nach sei die Esoterik aber eine Geheimlehre.

geheimes wissen Es gehe um angeblich geheimes Wissen, was nur einer bestimmten Gruppe von Menschen zugänglich sei. Und zwar jenen, die sich als besonders erleuchtet begreifen. Der Gläubige wird dann selbst zur Gottheit, denn das »spirituelle, erwachte Selbst« stehe über allem. Eine weitere Grundidee sei, »dass man die Welt durch seine eigenen Gedanken oder magische Handlungen direkt beeinflussen könne«, heißt es im Buch. Wissenschaftliche Fakten interessieren da oft nicht mehr.

»Die Impfkritik war schon immer antisemitisch aufgeladen.«

Pia Lamberty, Sozialpsychologin

Welche gesundheitlichen Gefahren sich daraus im Extremfall ergeben können, zeigen die Autorinnen am Beispiel des deutschen Arztes Ryke Geerd Hamer, der Krebsbehandlungen wie die Chemotherapie oder Operationen für unnötig erklärte. Die moderne Onkologie habe laut Hamer den größten »Holocaust der Weltgeschichte« verursacht. Erkrankte sollten lieber innere Konflikte lösen, empfiehlt er. Andere wiederum glauben, dass im Falle eines nuklearen Angriffs die Homöopathie helfen könne. Das Buch ist randvoll mit ähnlichen Beispielen.

demokratie Esoterische Heilsversprechen können aber nicht nur lebensbedrohliche Effekte haben, sondern auch zu schleichender Entpolitisierung führen, warnen Lamberty und Nocun. Das gefährde auch unsere Demokratie. Es endet eben nicht immer beim Kauf von »energetischen« Steinchen. Oft überschneidet sich die Esoterik mit dem Glauben an Verschwörung.

Die Strukturen esoterischer Überzeugungen und der Glaube an Verschwörung seien vergleichbar, erklärt Lamberty der Jüdischen Allgemeinen. Bei beidem zeige sich die Idee, über Geheimwissen zu verfügen. Und wo Verschwörungsmythen anfangen, seien rechte Ideologien und Judenhass nicht weit. »Teilweise geht man ja so weit zu sagen, dass es keine Verschwörungserzählung gibt, die nicht im Kern antisemitisch ist«, sagt Lamberty.

Was Esoterik und rechte Ideologien gemein haben, ist eine antimoderne Haltung und Fortschrittsfeindlichkeit, betont die Sozialpsychologin. »Das Natürliche wird über alles gestellt. Da ist man schnell in einem Weltbild, in dem es das ›gute Natürliche‹ gibt und ›das schlechte Künstliche‹.« Ein Konstrukt, was sich auch im Antisemitismus findet. Auch hier wird das »gute, natürliche, deutsche Volk« einem »künstlichen Judentum«
gegenübergestellt.

hellsehen Gefährlicher Glaube verdeutlicht ebenso, dass Braune Esoterik kein neues Phänomen ist. Die Autorinnen erinnern daran, dass schon Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß ein Faible für Astrologie und Hellsehen hatte, Nationalsozialisten von der »verjudeten Schulmedizin« sprachen und Julius Streicher, Herausgeber des Hetzblattes »Der Stürmer«, im Jahr 1935 schrieb, dass die Impfung eine »Rassenschande« sei.

»Die Impfkritik war schon immer antisemitisch aufgeladen«, hält Lamberty fest. Dies ziehe sich bis heute durch und erkläre auch, warum esoterische Gruppen und Rechtsextremisten Seite an Seite gegen eine angebliche Corona-Diktatur demonstrieren und Impfkampagnen als jüdische Weltverschwörung ablehnen.

In esoterischen Kreisen kursieren oft auch geschmacklose Täter-Opfer-Umkehrungen. So werden Menschen, die Flutkatastrophen zum Opfer gefallen sind, selbst für schuldig erklärt, weil sie – zum Beispiel – weibliche Energien unterdrückt hätten. »Im Extremfall führt dies so weit, dass Jüdinnen und Juden für die Schoa selbst verantwortlich gemacht werden«, so Lamberty. Der Esoteriker Tom Hockemeyer glaubt beispielsweise, dass die Schoa aufgrund einer »höheren, karmischen Gerechtigkeit« erfolgt sei, heißt es im Buch.

Ursprung Das Buch dringt auch zum Ursprung der Braunen Esoterik vor. Dieser liege unter anderem in der im 19. Jahrhundert entstandenen Theosophie, eine religiöse Lehre, die übersetzt etwa »Göttliche Weisheit« bedeutet. Deren Begründerin Helena Blavatsky, eine russische Okkultistin, ging davon aus, dass es fünf »Wurzelrassen« gebe. Zwischen jenen seien Juden ihrer Auffassung nach ein »abnormales Bindeglied«. Die »Arische Wurzelrasse« hingegen sei die spirituell höchste, die ein Mensch je erreichen könne. Lamberty und Nocun schildern, wie sich aus der Theosophie später noch rassistischere und antisemitischere Strömungen entwickelten und wie diese bis in den Nationalsozialismus wirkten. Auch Rudolf Steiner, Esoteriker und Begründer der Anthroposophie, hat sich von der Theosophie inspirieren lassen.

Doch nicht jeder, der sich für Esoterik begeistert, ist automatisch Antisemit. Schmal bleibt der Grat dennoch. Das zeigte sich auch 2018, als neuhinduistische Yogis zum OM-Singen im ehemaligen KZ Buchenwald aufriefen, um die Vergangenheit zu »heilen«.

In esoterischen Szenen gebe es »diese Einfallstore«, warnt Lamberty. Nicht ohne Grund gibt es Initiativen wie die »Yoginis gegen rechts«, die Verschwörungserzählungen in ihrer Community ein Ende setzen wollen. Die Sozialpsychologin appelliert: »Dieses Bewusstsein braucht es.«

Pia Lamberty und Katharina Nocun: »Gefährlicher Glaube – Die radikale Gedankenwelt der Esoterik«. Quadriga, Köln 2022, 304 S., 22 €

Meinung

»Zeit Geschichte« stellt sich in eine unsägliche Tradition

Das Titelbild der neuen Ausgabe des Hefts reduziert den Nahostkonflikt auf ein simples Gut-gegen-Böse-Schema. Immer wieder nutzen renommierte Medien problematische Bildsprache, wenn es um Israel geht

von Nikolas Lelle  27.01.2026

Oscar-Nominierungen

Natalie Portman: Frauen kommen zu kurz

Man sehe die Hürden für Regisseurinnen auf jeder Ebene, so die Schauspielerin

 27.01.2026

Fernsehen

Und dann sagt Gil Ofarim: »Jetzt habe ich ein bisschen was kapiert«

Am 4. Tag im Dschungelcamp spielte sich alles ab, wofür der Begriff »Fremdschämen« erfunden wurde

von Martin Krauß  26.01.2026

Serie

»Holocaust«-Serie: Wendepunkt der deutschen Erinnerungskultur

Vor 47 Jahren wurde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die US-Serie »Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss« ausgestrahlt. Der damals verantwortliche Leiter der Hauptabteilung Fernsehspiel erinnert sich an Widerstände und weinende Anrufer

von Jonas Grimm  26.01.2026

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  26.01.2026

USA

Natalie Portman kritisiert Gewalt durch ICE-Beamte

»Es ist wirklich unmöglich, nicht über das zu sprechen, was gerade passiert«, sagt die jüdische Schauspielerin beim Sundance Film Festival

 26.01.2026

Geschichte

War Opa Nazi?

Der Journalist Stephan Lebert und der Psychologe Louis Lewitan analysieren den intergenerationellen Umgang deutscher Familien mit den Verbrechen der NS-Täter

von Ralf Balke  26.01.2026

TV-Tipp

Brillanter Anthony Hopkins glänzt in »One Life«

Kurz nach dem Holocaust-Gedenktag zeigt 3sat ein biografisches Drama über den Briten Nicholas Winton, der 1939 Kindertransporte von Prag nach London organisierte und damit mehrere hundert Kinder vor den Nazis rettete

von Jan Lehr  26.01.2026

TV-Tipp

»Son of Saul« - Abgründiges und meisterhaftes Holocaust-Drama

Der Oscar-Gewinner hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck

von Jan Lehr  26.01.2026