Presse

»Kriegsgewinnler Netanjahu«

Papier ist geduldig: Transportband in einer Zeitungsdruckerei Foto: imago

Benjamin Netanjahu darf sich glücklich schätzen: Kaum ein anderer Mensch erhält völlig ohne Bezahlung und Auftrag derart viele wertvolle Ratschläge wie der israelische Premier dieser Tage. Und das von Leuten, die dem ehemaligen Elitesoldaten, MIT- und Harvard-Absolventen und erfolgreichen Politiker intellektuell maßlos überlegen sind: »Netanjahu müsste seinen rassistischen Außenminister feuern, er müsste Verhältnismäßigkeit lernen.

Dazu hat Benjamin Netanjahu leider nicht das Format. Also muss Berlin ihm klarmachen: Unsere Solidarität gilt dem Staat Israel, nicht der stümperhaften, friedensgefährdenden Politik eines nicht besonders smarten Ministerpräsidenten.« Das schreibt der besonders smarte Christoph Plate, seines Zeichens Politologe mit Masterabschluss der Uni Hamburg und Mitglied der Chefredaktion der im Allgäu weltberühmten »Schwäbischen Zeitung«. So übersichtlich ist die Lage in Nahost von Leutkirch aus betrachtet.

zdf In Mainz lud derweil das Morgenmagazin des ZDF vergangenen Freitag Michael Lüders als Experten ein, um seinen Zuschauern Aufklärung zu bieten. Zur besseren Einordnung dieses Experten sei seine eigene Homepage zitiert, auf der Lüders seine Leistungen als Wirtschaftslobbyist für Firmen anpreist, die in Nahost exportieren wollen: »Persönliche Kontakte und kulturelles Know-how sind entscheidend, um im Wettbewerb mit anderen Anbietern zu bestehen. Diesen Vorteil garantiert Ihnen die Nahostberatung von Michael Lüders.« Die »persönlichen Kontakte« des Herrn Lüders werden hocherfreut zur Kenntnis genommen haben, was er – sekundiert von der vollkommen unkritischen Moderatorin Dunja Hayali – den deutschen Frühstückstischen erklärte: »Man kann natürlich Hunderte Palästinenser töten, (…) aber das Problem ist politisch und bleibt bestehen. Der Gazastreifen ist einer der größten Elendsstreifen der Welt.«

Hayali sekundierte und sprach vom »Ghetto mit Meerblick«, bevor Lüders den israelischen Militäreinsatz als Wahlkampftrick »entlarvte«. Zwar lag Netanjahu in allen Umfragen bereits vor dem Einsatz weit vorne. Und wie unpopulär Bodeneinsätze samt der unvermeidlichen toten Soldaten beim israelischen Wahlvolk sind, hätte Lüders bei Netanjahus Vorgängern Peres und Olmert erfahren können, deren Regentschaften jeweils genau deshalb endeten – wenn seine »persönlichen Kontakte« nicht ausschließlich aus erklär-ten Feinden Israels bestünden.

spiegel online Anders als Lüders hat »Spiegel«-Erbe Jakob Augstein nicht die Ausrede finanzieller Bedürftigkeit. Unter der beschämend erwartbaren Überschrift »Gesetz der Rache« fabuliert er auf »Spiegel Online«: (...) Die Juden haben ihre eigenen Fundamentalisten. Sie heißen nur anders: Ultraorthodoxe oder Charedim. Das ist keine kleine, zu vernachlässigende Splittergruppe. Zehn Prozent der sieben Millionen Israelis zählen dazu. (…) Diese Leute sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner. Sie folgen dem Gesetz der Rache.» Da staunt, wer weiß, dass die so blutrünstigen Charedim in Israel unter anderem deswegen nicht sonderlich populär sind, weil sie vom Wehrdienst zugunsten des Torastudiums befreit sind.

Augstein weiß auch, was der wahre Hintergrund der Kämpfe ist: «Im vergangenen Jahr waren Hunderttausende Israelis auf die Straße gegangen. Sie hatten gegen Netanjahus Sozial- und Wirtschaftspolitik protestiert. Es hatte solche Demonstrationen in Israel bislang nicht gegeben. Aber wenn Krieg ist, dann sammelt sich das Volk. Und die Opposition muss schweigen.» So, so. 2011 finden Massendemos gegen die soziale Situation in Tel Aviv statt. Netanjahu reagiert, indem er eineinhalb Jahre später auf den Beschuss Israels aus dem Gazastreifen antwortet.

fr, SZ, ARD Der Topos «Wahlkampftrick» findet sich auch anderswo. Die insolvente Frankfurter Rundschau titelt mit buchstäblich letzter Tinte: «Netanjahu ist ein Kriegsgewinnler». Die Süddeutsche stößt ins selbe Horn: «Es gibt einen Grund dafür, dass Israel gerade jetzt den großen Schlag führt – es herrscht Wahlkampf, und Regierungschef Netanjahu zeigt sich so als zupackender Führer.» ARD-Korrespondent Torsten Teichmann kommentiert unter der Überschrift «Netanjahu geht es um den Machterhalt»: «Israelische Politiker (finden) auf die Bitte nach mehr Sicherheit immer die gleiche, ungenügende Antwort: mehr Militär». Einen Alternativvorschlag zum Waffeneinsatz bleibt Teichmann schuldig.

Da ist Kollegin Ulrike Putz von «Spiegel Online» schon weiter. Ein Ende der Angriffe auf Israel im Tausch gegen das Ende der Blockade, glaubt sie, wäre die ultimative Lösung: «Israel verlöre so zwar die Kontrolle über die Ein- und Ausfuhr, würde aber langfristig profitieren. Denn wenn der ungehinderte Warenfluss im Gazastreifen künftig ein Wirtschaftsleben garantieren würde, könnte sich das Leben dort normalisieren.» Dass ein vitales Wirtschaftsleben weitaus mehr Voraussetzungen benötigt als freien Warenfluss, könnte Frau Putz, die an ihrem Wohnort Beirut mit libanesischer Korruption und Vetternwirtschaft ständig selbst zu tun hat, immerhin ahnen.

taz, stern, handelsblatt Die Berichterstattung der deutschen Medien wäre schließlich nicht vollständig ohne ein paar knackige Täter-Opfer-Umkehrungen. Das «Handelsblatt» titelt: «Bei israelischen Luftangriffen sterben Frauen und Kinder. Die Hamas rächt sich und feuert Raketen auf Tel Aviv.» Der «Stern» weiß: «Israel soll seit Mitternacht 100 Ziele im Gazastreifen bombardiert haben. Die islamistische Hamas antwortet ihrerseits mit Geschossen.» Die «taz» twittert: «In der Nacht hat Israel die Angriffe auf den Gazastreifen fortgesetzt. Die Palästinenser schlagen zurück.» Und deutsche Medien berichten objektiv.

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