Bauhaus

Kratzputz und Spachtel

Vergangenheit und Zukunft: Die »Weiße Stadt« in Tel Aviv umfasst 4000 Häuser und ist die weltweit größte Siedlung von Gebäuden im Bauhaus-Stil. Foto: Getty Images

Es waren ausgerechnet deutsche Handwerker, die das unerwartete Zeugnis deutsch‐jüdischer Geschichte in einem Tel Aviver Gebäude entdeckten. Sie halfen bei der Renovierung von Häusern im Bauhaus‐Stil, als einer von ihnen die Inschrift »Wehag« auf einem Türgriff las – den Namen einer deutschen Baubeschlagsfabrik, die in den 30er‐Jahren die Berliner Bronzewarenfabrik S. A. Loevy des jüdischen Unternehmers Albert Loevy mit der Herstellung von Türgriffen beauftragt hatte. Die Kunstgießerei wurde später von den Nationalsozialisten zur Aufgabe gezwungen, doch manche ihrer Produkte finden sich noch heute in Tel Avivs ikonischen Bauhaus‐Gebäuden.

Es sind Funde wie diese, mit denen die Denkmalarchitektin Sharon Golan Yaron jeden Tag zu tun hat, die für die Israelin aber nach wie vor etwas Besonderes sind. »Dass wir solche Zeugnisse deutsch‐jüdischen Lebens in vielen Bauhäusern in Tel Aviv finden, liegt an dem sogenannten Haavara‐Transfer‐Abkommen, das deutsche Zionisten 1933 mit den Nazis geschlossen hatten«, erklärt Golan Yaron.

Durch das Abkommen konnten Juden, die nach Palästina auswanderten, ihr Vermögen in deutschen Transferbanken hinterlegen. Importeure im Heiligen Land kauften damit deutsche Waren und gaben die Erlöse den Einwanderern zurück. So gelangten zahlreiche deutsche Güter ins Land, Maschinen, Fotoapparate, aber eben auch Baumaterialien.

Fachbegriffe Der Wehag‐Türgriff ist nur eines von vielen Elementen, die die Geschichte der israelischen Bauhaus‐Architektur mit der deutschen verknüpfen. Ein weiteres verbirgt sich in der hebräischen Sprache. »Viele Architekten haben damals ihr Know‐how aus Deutschland mitgebracht«, sagt Golan Yaron, »deshalb sagen wir bis heute ›Kratzputz‹ und ›Spachtel‹.«

Naheliegend also, dass nun ein deutsch‐israelisches Projekt diese Geschichte erforschen und bewahren will: das neu gegründete White City Center, das der Stadtverwaltung Tel Avivs untersteht und von Deutschland gefördert wird. Sharon Golan Yaron arbeitet dort als Programmdirektorin.

Die Gebäude im Bauhaus‐Stil, errichtet ab den 30er‐Jahren, sind das prominenteste architektonische Merkmal Tel Avivs, dem die Stadt ihren Beinamen verdankt: die »Weiße Stadt«. Mit über 4000 Gebäuden findet sich hier die größte zusammenhängende Sammlung derartiger Bauwerke weltweit. Streng genommen müsste ihr Stil als »lokale Moderne« bezeichnet werden, erklärt Sharon Golan Yaron, schließlich gelte als Bauhaus nur das Werk jener Architekten, die an der ursprünglichen Bauhaus‐Kunstschule in Weimar studierten.

Einfluss Doch viele israelische Archi­tekten und ihre Kollegen, die in den 30er‐Jahren aus Europa geflohen waren, standen unter dem Einfluss der Bauhaus‐Strömung. Shlomo Bernstein, Arieh Sharon, Shmuel Miestechkin oder Richard Kauffmann etwa. Sie alle waren von ihren Lehrern Walter Gropius oder Erich Mendelsohn nachhaltig geprägt worden.

Ihre Bauwerke in Tel Aviv mit den weißen Fassaden, klaren Linien und breiten Balkonen prägen heute das sonst eher unspektakuläre Stadtbild; man findet sie entlang der touristisch frequentierten Dizengoffstraße ebenso wie am eleganten Rothschild‐Boulevard und der lauten Allenby‐Straße mit ihren Bettlern und Billigläden. Die UNESCO kürte die »Weiße Stadt« 2003 zum Weltkulturerbe.

Mancherorts wirkt dieses Erbe allerdings etwas heruntergekommen. Von vielen Wänden blättert die weiße Farbe ab, manche der markanten Balkone wirken besorgniserregend brüchig. Die salzige Luft vom Mittelmeer setzt den Fassaden zu, jahrzehntelange Vernachlässigung tut ihr Übriges. Erst mit der UNESCO‐Entscheidung erwachte das Bewusstsein für das kulturelle Erbe, auch wenn die Entscheidung der Organisation nicht mit einer finanziellen Förderung einherging, erklärt Sharon Golan Yaron.

»Wir sind ja noch ein relativ junges Land, deshalb ist auch das physische Erbe noch jung«, sagt die Denkmalarchitektin. »Außerdem ist diese Moderne vielleicht nicht jedermanns Geschmack: Man muss diese neue Sachlichkeit erst verstehen, bevor man sie schätzen kann.«

Zionismus Dabei stehen die schlichten Fassaden nicht nur für einen Fokus auf Funktionalität, sondern auch für eine Idee, die den Zionismus prägte: »Man wollte nicht an die arabische Bauweise anknüpfen, weil es damals schon Probleme mit der arabischen Gesellschaft gab«, erklärt Golan Yaron. »Man wollte aber auch nicht europäisch bauen, weil man von dort ja gerade geflohen war. Die Architekten wollten die Utopie einer besseren Gesellschaft ausdrücken, die in die Zukunft schaut, die Vision eines neuen, modernen Menschen. Manche bezeichnen diese Architektur sogar als physische Manifestation des Zionismus.«

Das White City Center hat es zu seiner Mission erklärt, die Gebäude zu renovieren und dabei ihren Charakter zu erhalten. Im kommenden Jahr, wenn sich die Gründung der Bauhaus‐Kunstschule durch Walter Gropius in Weimar zum 100. Mal jährt, soll das City Center im Liebling‐Haus eröffnen, einem Gebäude im strandnahen Herzen Tel Avivs, das derzeit von einem Wohnhaus in ein Kulturzentrum verwandelt wird. Mit drei Millionen Euro will die Bundesregierung das Projekt in den kommenden zehn Jahren fördern; derzeit sucht Golan Yaron nach weiteren Partnern.

Deutschland sendet außerdem Denkmalarchitekten und Handwerker nach Israel, um die »gesammelten langjährigen Erfahrungen mit denkmalschutzgerechter Sanierung und Restaurierung des Bauhauserbes weiterzugeben«, wie es in einer Erklärung heißt.

Denkmalschutz Bei der Sanierung der Bauwerke müssen die Experten eine sensible Balance zwischen Denkmalschutz, Funktionalität und Wirtschaftlichkeit finden. In Tel Aviv herrscht notorischer Wohnungsmangel, die Immobilienpreise, die heute schon zu den höchsten weltweit gehören, sind weiter im Steigen begriffen. Viele der Gebäude im Bauhausstil liegen zudem in begehrten Vierteln Tel Avivs. Deshalb erlaubt die Stadt es Investoren in vielen Fällen, neue Stockwerke auf die alten zu bauen, unter der Voraussetzung, dass die Immobilienbesitzer bestehende Gebäude auf eigene Kosten sanieren.

Auf diesem Wege spart die Stadt die hohen Kosten der Instandhaltung und ermöglicht zugleich die Schaffung neuen Wohnraums. Kritiker fürchten jedoch, dass das kulturelle Erbe auf diese Weise zu stark verändert wird.

»Aber in diesem Bauhaus leben Menschen, das ist kein Museum«, sagt Sharon Golan Yaron. »Vielleicht ist dieses Denkmal gerade deshalb so besonders, weil es nicht nur in die Vergangenheit gerichtet ist, sondern sich mit der zeitgenössischen Art, wie wir leben möchten, auseinandersetzt.«

Sanierung Andere fürchten, dass die Aufstockungen die Gentrifizierung beschleunigen. Die Experten des White City Center beschäftigen sich unter anderem mit der Frage, wie die Gebäude trotz Sanierung und Erweiterung bezahlbar bleiben können. »Wir haben als Forschungszentrum noch viel zu tun«, stellt Golan Yaron fest.

Dazu zählt auch, das Wissen über das architektonische Erbe sowie die Wertschätzung dafür an junge Menschen weiterzugeben. Zu diesem Zweck entwickelt das Zentrum Kurse für Schulklassen.
»Wir wollen, dass auch die nächste Generation versteht, in welchem Kulturerbe sie wohnt«, sagt Golan Yaron. »Damit auch in Zukunft bedachte Instandsetzungen vorgenommen werden – und nicht nur radikale Sanierungen.«

Im kommenden Jahr wird das 100. Gründungsjubiläum des Bauhauses deutschlandweit und international gefeiert. Das 1919 in Weimar von Walter Gropius (1883–1969) gegründete Bauhaus revolutionierte als Hochschule für Gestaltung zwischen 1919 und 1933 die architektonischen und ästhetischen Auffassungen.

Mit über 4000 Gebäuden findet sich in Tel Aviv die größte zusammenhängende Sammlung von Bauhaus‐Architektur weltweit. Die meisten Häuser wurden von jungen europäischen Architekten errichtet, die nach der Machtergreifung der Nazis ins damalige Palästina flüchteten. 2003 erklärte die UNESCO die sogenannte Weiße Stadt zum Weltkulturerbe.

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