Bayreuth

Kosky, Wagner und die Juden

Aufrüttelndes Bild: NS-Fratze des »ewigen Juden« in Barrie Koskys »Meistersinger« -Inszenierung Foto: dpa

Es ist eine der Schlüsselszenen in Barrie Koskys Version der Meistersinger von Nürnberg: »Wacht auf!« schmettern die Sänger auf der Bühne dem Publikum entgegen. Auf einer Uhr im Hintergrund ist es Viertel vor zwölf. Die Zeit wird knapp. Richard Wagners einzige komische Oper bleibt bei den Bayreuth Festspielen hochpolitisch – und entwickelt sich zu seiner Art Dauerbrenner.

Auch in ihrem dritten Jahr wird die Produktion des ersten jüdischen Regisseurs auf dem Grünen Hügel bei der Wiederaufnahme am Samstagabend vom Publikum bejubelt. Minutenlangen Applaus gibt es nach der Aufführung – und nur ein einsames Buh, als am Ende der zweiten Aktes das überdimensionale, aus dem Nazi-Hassblatt »Stürmer« stammende Zerrbild eines Juden aufgeblasen wird. Es ist eine weitere Schlüsselszene in dieser beklemmenden, nachdenklich stimmenden Interpretation der Lieblings-Oper des langjährigen Festspiel-Leiters und Wagner-Enkels Wolfgang Wagner.

IDENTISCH Bei Kosky ist Wagner mit seinem Alter Ego Hans Sachs (Michael Volle) aus den Meistersängern  identisch. Er gießt auch den jüdischen Kapellmeister Hermann Levi und den Beckmesser aus der Oper in eine Figur – ebenso die weibliche Hauptfigur Eva und Richard Wagners Ehefrau Cosima. Die Inszenierung beginnt im Haus Wahnfried, wo Wagner seine kleinen Macken (Hunde-Begeisterung, eine Vorliebe für zweifelhaft riechende Parfüms) zelebriert und mit ebensolcher Vorliebe auf dem Juden Levi herumhackt – und endet im Saal der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse.

Dort wird der Jude Levi zu Beckmesser (Johannes Martin Kränzle), dem Juror im Sängerwettstreit. Für Kosky ist er die zentrale Figur in der Oper. Als Beckmesser nach zahllosen Sticheleien von Sachs schließlich von einer Menschenmenge attackiert und verprügelt wird, verpasst Kosky ihm die Maske eines Juden-Zerrbildes – und bläst es nochmal groß auf. Kosky stellt auch dem Publikum die unangenehme Frage: Wie umgehen mit diesem Gegensatz? Und wie – gerade in Zeiten wie diesen – umgehen mit dem Werk eines Antisemiten?

Bei der Besetzung der ganz großen Rollen in dem Stück hat sich seit der Premiere 2017 – mit Ausnahme der Eva (Camilly Nylund ist schon die dritte) - kaum etwas geändert. Das spricht für die Stimmigkeit dieser Inszenierung, die Richard Wagners viel zitierten und kritisierten Antisemitismus ins Zentrum der Betrachtung stellt.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

MERKEL Regisseur Kosky und sein Team zeigen sich in diesem Jahr zwar nicht auf der Bühne – so bleibt Sängern, Chor und Orchester um Dirigent Philippe Jordan mehr Zeit, sich beklatschen zu lassen. Im Publikum sitzen auch am Samstag wieder Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr Mann Joachim Sauer – dieses Mal trägt sie ein knallbuntes Cape.

Vor allem die Herren in dem Stück glänzen – allen voran wieder einmal Volle als Richard Wagner/Hans Sachs, dessen Bühnenpräsenz nur von seiner stimmlichen übertroffen wird. Auch brillant – aber eben nicht ganz so wie Volle: Kränzle als Beckmesser und Klaus Florian Vogt als Stolzing, der nahezu alles singen kann in Bayreuth – und das auch macht.

Neben den Meistersingern ist er in diesem Jahr auch noch in einigen Aufführungen als »Lohengrin« zu sehen. Dafür hat Vogt seine Parsifal-Titelrolle an Andreas Schager abgegeben.

VERSCHNAUFEN Nach den Meistersingern gibt es auf dem Grünen Hügel eine kleine Verschnaufpause. Am Sonntag und Montag standen die zweiten Aufführungen des bei seiner Premiere gefeierten und ausgebuhten Tannhäuser von Regisseur Tobias Kratzer und des Lohengrin mit einem Bühnenbild von Neo Rauch auf dem Programm.

Am Dienstag (30. Juli) wird dann der Parsifal von Regisseur Uwe-Eric Laufenberg wieder aufgenommen, am Donnerstag (1. August) folgt Tristan und Isolde von Festspiel-Chefin Katharina Wagner. Beide Inszenierungen sind in diesem Jahr zum letzten Mal zu sehen und machen 2020 Platz für den neuen Ring des Nibelungen, den der junge Österreicher Valentin Schwarz dann auf die Bühne bringen soll.

Aufgegabelt

Korkenzieher-Gurken mit Gochujang-Dressing

Rezepte und Leckeres

 14.02.2026

Berlinale

Nachdenken über Siri Hustvedt

Die Regisseurin Sabine Lidl hat eine sehenswerte Dokumentation über die amerikanische Schriftstellerin gedreht – ein Filmtipp

von Katrin Richter  14.02.2026

Berlinale

Arundhati Roy sagt Teilnahme ab

Als Begründung nannte sie die aus ihrer Sicht »unerhörten Aussagen« von Mitgliedern der Jury zum Gaza-Krieg

 14.02.2026

NS-Raubkunst

Wolfram Weimer kündigt Restitutionsgesetz an

»Eine Frage der Moral«: Der Kulturstaatsminister stimmt einem unter anderem vom Zentralrat der Juden geforderten Gesetz zu

 14.02.2026

Berlinale

Eine respektvolle Berlinale scheint möglich

Die 76. Berlinale hat mit Glamour, großen Gefühlen und einem wunderbaren Eröffnungsfilm begonnen. Respekt wurde großgeschrieben am ersten Tag. Nur auf der Pressekonferenz der Jury versuchte der Journalist Tilo Jung vergeblich zu polarisieren

von Sophie Albers Ben Chamo  13.02.2026

Potsdam

Barberini-Museum zeigt deutsche Impressionisten

Drei große Sonderausstellungen präsentiert das Potsdamer Barberini-Museum pro Jahr. 2026 werden zum Auftakt Werke von Max Liebermann und weiteren Künstlern des Impressionismus in Deutschland gezeigt

 13.02.2026

Analyse

Historiker: Dirigent von Karajan kein Hitler-Sympathisant

Opportunist oder Gesinnungsnazi? Das historische Bild des Dirigenten Herbert von Karajan leidet seit Längerem unter seiner NSDAP-Mitgliedschaft. Der Historiker Michael Wolffsohn will ihn nun von mehreren Vorwürfen freisprechen

von Johannes Peter Senk  13.02.2026

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026