»Dirty Dancing«

Koscher in den Catskills

Schauplatz von »Dirty Dancing« war ein jüdisches Resort im Feriengebiet Catskills, das in den USA bis heute nur »Borscht Belt« genannt wird. Foto: dpa

Die Kritiker sprachen von einer seichten, biederen Story, doch an den Kinokassen war Dirty Dancing ein Überraschungserfolg. Der für mickrige sechs Millionen Dollar produzierte Spielfilm spielte bereits im ersten Jahr 170 Millionen Dollar ein – und wurde Kult. Die Geschichte des 17-jährigen wohlbehüteten jüdischen Teenie-Mädchens Frances »Baby« Houseman (Jennifer Grey), die sich in den attraktiven »Bad Boy« und Tanzlehrer Johnny Castle (Patrick Swayze) verliebt, prägte mehrere Generationen.

Am 17. August 1987 lief der Film in den amerikanischen Kinos an; wenig später kam der Film in die westdeutschen und dann auch in die DDR-Kinos. Der Titelsong »Time of My Life« von Bill Medley und Jennifer Warnes erhielt 1988 einen Oscar als bester Filmsong. Mambo-Tanzkurse boomten. Es folgte ab 2004 ein Musical, das auch in Deutschland zu sehen ist. Der US-Fernsehsender ABC strahlte in diesem Frühjahr ein Remake aus.

vielschichtig Die Autorin des Drehbuchs, Eleanor Bergstein, die in den Film eigene Erlebnisse einfließen ließ, wurde kürzlich im NBC-Fernsehen gefragt, warum Dirty Dancing noch immer so beliebt ist. Weil er eine Liebesgeschichte sei, antwortete Bergstein, und weil die »moralischen, politischen und ethischen Dinge im Film in den Herzen der Menschen bleiben«.

Denn bei genauem Hinsehen geht es nicht nur um Tanz und eine Ferienliebe, sondern auch um einen gesellschaftlich vielschichtigen Hintergrund. Es ist Sommer 1963. Familienoberhaupt Jake Houseman (Jerry Orbach), Ehefrau Marjorie (Kelly Bishop) und die Töchter Lisa (Jane Brucker) und Baby, die – wie sie im Film sagt – nichts dagegen hat, dass man sie Baby nennt, verbringen den Urlaub in einem jüdischen Resort in den Catskills-Bergen nördlich von New York City.

Dort verliebt sich Baby in den Tanzlehrer Johnny. Doch der Graben ist tief und letztendlich zu tief: Frances kommt aus einem wohlhabenden und liberal eingestellten jüdischen Elternhaus. Sie geht demnächst an eine Eliteuniversität, um Wirtschaftsfragen in Entwicklungsländern zu studieren, will etwas verändern in der Welt. Auf Johnny wartet eine Zukunft als Anstreicher. Er verdient im Sommer Geld als Tanzlehrer für Frauen mittleren Alters, die von ihm zum Teil mehr wollen als nur Tanzstunden.

schmutzig Bei Partys der Resort-Arbeiter wird nicht der zahme Foxtrott getanzt, sondern »Wildes« wie der neu in Mode gekommene Mambo: Erotik, Körperkontakt, Schweiß – im Amerika Anfang der 60er-Jahre ist es »dirty dancing«, schmutziges Tanzen.

»Ich habe mit 14 Jahren zum ersten Mal in den Catskills gespielt. Die Juden waren versessen auf afrokubanische Musik, sie sind nach Havanna gefahren und haben sich angeschaut, wie man den Mambo tanzt«, erinnert sich die Salsa-Legende Larry Harlow über diese Zeit in den 60er-Jahren. »In die Catskills kamen die wohlerzogenen jüdischen Mädchen, da brauchtest du drei Wochen, um deine Hand in den Büstenhalter zu bekommen. Wir waren Mambonicks, verrückte College-Kids, die die Musik liebten und Mädchen kennenlernen wollten.«

Babys Welt kommt angesichts der neuen Erfahrungen durcheinander. Sie ist schockiert, kann aber nicht widerstehen. Doch ihre vermeintlich toleranten Eltern hegen Vorurteile gegen Leute wie Johnny. Aber als dessen Tanzpartnerin beinahe an den Folgen einer illegalen Abtreibung stirbt, kümmert sich Babys Vater, ein Arzt, um sie.

Kennedy Hoffnungsträger in den realen USA war 1963 der junge Präsident John F. Kennedy. »Es war eine Zeit, in der man das Gefühl hatte, man könnte die Hand ausstrecken und die Welt verändern«, erinnerte sich die 1938 geborene Eleanor Bergstein. Die Studenten-, Frauen- und Anti-Vietnamkriegsbewegung konnte man in diesem Sommer erahnen. Bald jedoch würde sich alles verändern. Kennedy wurde im November 1963 ermordet.

Noch etwas betont Bergstein: »Dirty Dancing ist ein durch und durch jüdischer Film, wenn man versteht, was man sieht.« Das Resort Kellerman’s, wie es im Film heißt, war eines von vielen Hotels in den Catskills für jüdische Amerikaner aus der gehobenen Mittelklasse. Eleanor Bergstein selbst verbrachte mit ihren jüdischen Eltern und ihrer Schwester viele Sommer in einem solchen Resort in den Catskills – die Teil der amerikanisch-jüdischen Erfahrung sind und in den USA auch heute noch nur »Borscht Belt« genannt werden – und tanzte dort Mambo. Bergsteins Vater war Arzt, genau so wie Vater Jake Houseman im Film.

Wie viele Juden hatten es die Bergsteins weit gebracht in den USA, doch die wohlhabende protestantische Oberschicht hielt gesellschaftlich Distanz. Jüdische Einwanderer hatten sich Anfang des 20. Jahrhunderts in den Catskills niedergelassen und in diesen »jüdischen Alpen« Hotels eröffnet, in denen Juden aus New York City koscheres Essen fanden und ihre Existenz nicht rechtfertigen mussten.

Assimilation Wehmut stellt sich ein im Sommer 1963. Bei Kellerman’s geht die »heile Welt« der Sommerurlaube zu Ende. Junge Menschen wollten reisen, klagt der Eigentümer. Juden assimilierten sich zusehends, kämen leider immer weniger in die Resorts.

Vorbild für Kellerman’s war das Resort Grossinger’s, rund zwei Autostunden von New York City entfernt. Eröffnet im Jahr 1911 von jüdischen Einwanderern aus der österreich-ungarischen Doppelmonarchie, musste es wie viele Urlaubshotels in den Catskills in den 70er- und 80er-Jahren schließen. Die Gäste blieben weg. Laut Lokalzeitungen in den Catskills werden die letzten verfallenen Gebäude von Grossinger’s gerade abgerissen. Ein Investor habe sich gefunden für ein modernes – mitnichten koscheres – Wellness-Hotel.

Johnny und Baby werden sich wohl nie wiedersehen, muss man am Ende des Films annehmen. Die Housemans kehrten nach dem Abschlusstanz nach New York zurück.

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