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Klare Meinung, wenig Ahnung

»Israelkritiker« Jakob Augstein Foto: dpa

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Klare Meinung, wenig Ahnung

Jakob Augsteins Texte über Israel zeugen kaum von Sachkenntnis – dafür von Ressentiment

von Alex Feuerherdt  15.01.2013 14:10 Uhr

In Israel, das gibt Jakob Augstein offen zu, sei er bislang noch nicht gewesen. »Beruflich hat es sich nie ergeben«, sagte er diese Woche dem »Spiegel«, »und privat möchte ich nicht«.

Ein Eingeständnis, das erstaunt, wenn man bedenkt, mit welcher Verve und Selbstgewissheit der Herausgeber des »Freitag« und »Spiegel Online«-Kolumnist über den jüdischen Staat und dessen Politik urteilt, als kenne er sie wie seine Westentasche. So beschreibt er Gaza als »Ort aus der Endzeit des Menschlichen«, als ein »Lager«, in dem Menschen »zusammengepfercht hausen«. Nichts davon ist richtig.

Die Lebenserwartung der Bewohner des Gazastreifens etwa beläuft sich auf 74 Jahre und ist damit höher als in Ägypten, der Türkei und über 100 weiteren Staaten; die Kindersterblichkeit hat ungefähr das Niveau von Bulgarien, liegt niedriger als in den meisten süd- und mittelamerikanischen Ländern. Die Bevölkerungsdichte ist nicht wesentlich höher als die Münchens und erheblich geringer als etwa jene von Mexiko-Stadt. Eine Apokalypse steht in Gaza jedenfalls definitiv nicht bevor. Dass es sich dort gleichwohl nicht besonders angenehm lebt, ist unstrittig – aber zum allergrößten Teil die Schuld der Hamas, die, nachdem Israel sich 2005 aus diesem Gebiet zurückgezogen hatte, ein rigides, repressives Herrschaftssystem etabliert hat, in dem es so gut wie keine persönlichen Freiheiten gibt.

Regellos Auch mit seinen Ausführungen zum israelischen Einfluss auf die deutsche Politik liegt Augstein grotesk daneben. »Wenn es um Israel geht, gilt keine Regel mehr«, behauptet er zum Beispiel; »Politik, Recht, Ökonomie – wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen.« Und als Angela Merkel ausnahmsweise einmal »kurz versucht« habe, »so etwas wie eine Gegenleistung für die deutsche Großzügigkeit« zu bekommen, da hätten die Israelis nur gelacht.

Wie aber erklärt Augstein sich dann, dass Deutschland, als die Palästinenser in der Uno-Vollversammlung Ende November 2012 ihre Aufnahme als Staat beantragten, sich der Stimme enthielt, statt mit Nein zu votieren wie Israel selbst? Wie erklärt er sich die einstimmige (!) Bundestagsresolution vom Juli 2010, in der in scharfem Ton die »sofortige« und »bedingungslose« Aufhebung der Blockade des Gazastreifens gefordert wurde? Wie die halbherzigen deutschen Sanktionen gegenüber dem Iran, dessen Atomprogramm für Israel eine existenzielle Bedrohung darstellt?

pauschalurteile Nicht zu überzeugen vermag auch Augsteins Behauptung, er stelle nicht den jüdischen Staat als solchen infrage, sondern kritisiere lediglich dessen gegenwärtige Regierung. Im September 2011 schrieb er: »Als israelische Sicherheitskräfte in internationalen Gewässern das türkische Schiff ›Mavi Marmara‹ enterten und acht türkische und einen amerikanischen Staatsbürger erschossen, hatte die israelische Regierung das getan, was sie seit dem Sechstagekrieg vor 44 Jahren immer getan hat: ohne Rücksicht auf die Verhältnismäßigkeit der Mittel das durchzusetzen, was sie für die Interessen Israels hält.«

Wenn sich aber alle israelischen Regierungen der letzten fast viereinhalb Jahrzehnte – gleich, ob sie von Sozialdemokraten oder Likud-Politikern geführt wurden, und gleich, in welchem Maße sie sich auf Friedensverhandlungen und Zugeständnisse einzulassen bereit waren – angeblich falsch und brutal verhalten haben, dann liegt hier ein Pauschalurteil vor, mit dem nicht nur die Realität grob verfälscht, sondern auch Israel eindeutig dämonisiert wird.

Augstein exponiert sich also mit einseitigen Ansichten über Israel und den Nahen Osten, obwohl er von der Materie augenscheinlich recht wenig versteht. Das lässt nur einen Rückschluss auf seine Motivation zu: Seine Ablehnung des jüdischen Staates ist ideologisch motiviert.

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