Kino

»Kitty ist ein freier Mensch«

»Es ist kein Film über den Holocaust. Es ist ein Coming-of-Age-Drama über zwei Mädchen«: Ari Folman beim Interview in Berlin Foto: Marco Limberg

Herr Folman, wann haben Sie das Tagebuch der Anne Frank zum ersten Mal gelesen?
Ich war 14 Jahre alt, das Buch war in der Schule Pflichtlektüre. Aber ich habe keinerlei Erinnerungen mehr daran – wahrscheinlich, weil es Pflichtlektüre war. Außerdem wuchs ich in einer Familie mit Holocaust-Überlebenden auf, und die Geschichten, mit denen ich groß wurde, waren viel härter als das Tagebuch, was ja eher eine innere Betrachtung eines Teenagers in schrecklicher Gefangenschaft ist.

Haben Sie es danach noch einmal gelesen?
Ja, als ich das Angebot bekam, den Film zu machen, habe ich es wieder und wieder gelesen. Und ich war geschockt. Das war vor neun Jahren – mein Sohn war ungefähr in Annes Alter, meine Tochter wuchs während der Produktion zum Film auf –, ich war also geschockt über die Qualität von Anne Franks Schreiben. Unglaublich intelligent – mit 14! Als Vater liest man das Buch natürlich ganz anders.

Ist 14 das richtige Alter, um das Tagebuch zu lesen?
Nun, ich kann mir schlecht vorstellen, dass meine Kinder in diesem Alter über 300 Seiten gelesen hätten. Und heute, mit TikTok und Instagram, erst recht nicht. In Israel ist es nicht mehr Pflichtlektüre. Sie würden es ohnehin nicht durchhalten, so viele Seiten zu lesen – das schaffen sie einfach nicht.

Weil die Aufmerksamkeitsspanne zu kurz ist?
Kinder sind heute anders. Fast schon eine andere Spezies. Sie wachsen anders auf. Ich finde es nicht tragisch, dass sie »Die Brüder Karamasow« von Dostojewski nicht mehr lesen. Sie genießen auch viele Vorteile, aber sie können mit 14 nicht das Tagebuch von Anne Frank lesen. Ich sehe das irgendwie nicht. Das ist einer der Gründe für den Film.

Wie war es für Sie, als Sie das Tagebuch erneut gelesen haben?
Dazu muss ich etwas ausholen: Ich wollte ja den Film gar nicht machen, wusste nicht, ob ich einen neuen Zugang haben werde. Aber ich sagte irgendwann doch zu, obwohl ich keinen Plan hatte, als ich der Anne Frank Foundation mein »Ja« gab. Die Planlosigkeit ist aber auch ganz gut, denn auf diese Art und Weise bleibt der Geist offen. Ich hatte aber die Intuition, dass die Lösung im Text liegt. Wir hatten viele wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Unmengen von Material recherchierten. Aber darin fand ich keine Lösung. Die lag im Tagebuch selbst. Also habe ich wieder mit dem Lesen angefangen. Jeden Tag. Jeden Tag las ich etwa 30 Seiten. Immer wieder. Ich weiß nicht, wie oft ich es gelesen habe, aber eines Tages, als ich gerade an der Stelle war, an der Anne Frank ihre imaginäre Freundin Kitty beschreibt, wusste ich: Das, was sie schreibt, ist wie eine Anleitung für einen Designer, wie Kitty auszusehen hat. So genau hatte Anne Frank sie beschrieben: das Gesicht, die Lippen, die Augen, die Nase, das Lächeln, die Art, wie sie geht. Lena Gruberman fing also an, Kitty zu illustrieren, und als ich sie am Bildschirm sah, war klar: Kitty ist die Protagonistin der Geschichte. Das war der Funke, und er lag im Text.

»Wo ist Anne Frank« ist also nicht nur ein weiterer Anne-Frank-Film.
Kitty ist ein gutes Instrument, die Geschichte anders zu erzählen. Wenn man ein so ikonisches Stück Literatur nimmt, kann man sehr gefesselt sein. Aber wenn man Kittys Persönlichkeit herausnimmt, kann man ihr Leben einhauchen, damit spielen. Man kann sie befreien. Aus psychologischer Drehbuchautoren-Sicht sieht es so aus: Kitty ist das Alter Ego von Anne Frank. Sie ist alles das, was Anne Frank nicht sein konnte. Wenn Anne introvertiert ist, ist Kitty extrovertiert. Sie rebelliert. Anne konnte das nicht. Kitty ist ein freier Mensch, sie kann weglaufen, sie kann sich verlieben. Anne konnte das in den wertvollen Jahren des Heranwachsens alles nicht. Kitty gab mir die Freiheit, diesen Film so zu machen. Und das wäre mir nicht gelungen, wäre ich eng am Originaltagebuch geblieben.

Sie sagten, dass Sie den Film nicht machen wollten. Warum nicht?
Weil es alles dazu schon gab, dachte ich. Und viele von uns aus der Zweiten Generation sind auf der einen Seite nun mal in und mit diesen Familien aufgewachsen, stecken da fest, sozusagen, und auf der anderen Seite will man einfach nur davon weglaufen. Wir haben genug Geschichten. Aber ich wusste damals nicht, dass ich acht Jahre für den Film benötigen würde. Ich dachte, ich brauche vier Jahre.

Es gibt diese Anekdote von Ihrer Mutter, die Sie überzeugt hat, es doch zu tun?
Meine Mutter war 90, als ich das Angebot bekam, und sie drohte damit, sich umzubringen, würde ich es ablehnen. Eine ganz klassische polnisch-jüdische Mutter eben. Das war natürlich ein Witz, aber sie versprach, dass sie bis zur Premiere leben würde. Und nun wird sie kommenden Monat 100 Jahre alt.

Hat sie den Film gesehen?
Ja, einen Tag, bevor ich zur Premiere nach Cannes gefahren bin, habe ich ihr den Film gezeigt. Und ihre Reaktion war ganz klassisch: Es sei ein guter Film, aber er habe mich doppelt so viel Zeit gekostet wie der Holocaust selbst.

Und was sagen Ihre Kinder?
Sie waren sehr in die Entstehung des Films involviert, denn ich wollte die Altersfreigabe niedrig halten. Wenn 15-Jährige die Wahl zwischen einem Marvel-Film und einem Film über Anne Frank haben, ist klar, welchen sie sehen wollen. Wenn der Film ab neun Jahren freigegeben wird, können die Eltern entscheiden, ob sie mitgehen. Meine Kinder waren also die Testgruppe für Dialoge, das Design …

… auch für die Musik?
Das war meine Entscheidung. Karen O war meine Traumpartnerin für die Musik. Ich kannte ihre Musik und die der »Yeah Yeah Yeahs« aus den frühen 2000er-Jahren – ihre Stimme war etwas rockig-punkrockig. 2009 kam Spike Jonzes Film »Where the Wild Things Are« (»Wo die wilden Kerle wohnen«) in die Kinos. Ich liebe diesen Film; er ist der vielleicht am meisten unterschätzte Film. Karen O schrieb die Musik dazu – die beste Musik aller Zeiten. Wenn ich fliege, höre ich mir ihre Musik an, und ich war mir immer sicher, dass ich eines Tages das richtige Projekt für sie finden würde. Sie sagte sofort zu, wir haben elf Songs. Dann kam die Pandemie. Karen war mit ihrem Baby zu Hause, wir alle konnten nicht weg, und ich hatte 27 Tracks und vier Songs, aus denen ich wählen konnte. Wenn die Pandemie diesem Film etwas Gutes getan hat, dann die Musik. Karen braucht nur anfangen zu singen, und »Bäm!«: Sie ist im Herzen, sie verletzt einen. Und letztendlich ist es ein Mädchenfilm – das hätte ein männlicher Musiker nicht machen können.

Pardon, ein Mädchenfilm?
Ja. Es ist kein Film über den Holocaust. Es ist ein Coming-of-Age-Drama über zwei Mädchen: Freundschaft, Ansichten. Wir mussten die Ikonisierung von Anne Frank durchbrechen. Sie ist keine Ikone – sie war eine wahre Person.

Anne Franks Gesicht ist heute auf Stoffbeuteln zu sehen, es gibt Tassen und vieles mehr. Wem gehört Anne Frank?
Ich denke, dass viel Politik dahinter steht. Die Ikonisierung von Anne Frank geschah nicht ohne Grund. Während meiner Recherche habe ich Dinge über die Niederlande gelernt, die ich nie zuvor gewusst habe. Es war der schlimmste Ort im Westen, an dem man Jude hätte sein können. 85 Prozent der Juden wurden ermordet. Die 15 Prozent, die zurückkamen, sahen ihren Besitz nie wieder. Leute, die Juden halfen, drohte ein Verhör. In Polen, wo meine Familie war, drohte Leuten, die Juden versteckten, der Tod. Als ich ein Kind war, waren die Niederlande die Schutzengel der Juden. Bei der Fußballweltmeisterschaft 1974 zwischen den Niederlanden und Deutschland standen wir zu Hause auf für die niederländische Nationalhymne – als wären wir Niederländer und Johan Cruyff Jude. Ich meine das im Ernst. Vieles hat eben mit der Geschichte von Anne Frank zu tun und mit ihrer Ikonisierung. Eine Geschichte verändert die Wahrnehmung einer ganzen Nation und dessen, was sie im Krieg gemacht hat.

Was möchten Sie mit diesem Film?
Ich wollte zeigen, dass Anne eine richtige Person war. Es gab sie. Sie war intelligent, auch eine – auf Jiddisch würde man sagen – Klafte. Sie war viel klüger als alle Erwachsenen um sie herum. Sie traf deren Schwachpunkte, sie hatte eine komplexe Beziehung zu ihrer Mutter, wie sie wohl viele Teenager haben. Ich finde es wichtig, genau das zu zeigen. Und sie eben nicht auf jeder Fahne, an jeder Ecke zu sehen.

Der Film beginnt mit der Besucherschlange vor dem Anne-Frank-Haus in Amsterdam. Haben Sie sich da auch schon einmal angestellt?
Ich mag diesen Ort überhaupt nicht. Ich fuhr zu Beginn des Films hin, und es war sehr hart für mich. Es ist eine Touristenmaschine und ein zynischer Ort auf so vielen Ebenen. Wir wollen Gefühle erschaffen, Empathie. Die Geschichte des Holocaust wird sterben, wenn es keine Emotionen mehr gibt. Wenn es nur noch Zahlen und Fakten sind, dann war’s das. Deswegen dieser Film. Er soll zu den Herzen der Jugendlichen sprechen.

Es gibt viele Lehrmaterialien rund um den Film, eine Graphic Novel – auch eine App?
Weiß ich nicht. Ich bin da raus.

Komplett?
Ich hatte noch ein anderes Holocaust-Projekt, aber ich habe es aufgegeben. Ich bin draußen.

Wie sah denn der letzte Tag im Projekt »Wo ist Anne Frank« aus?
Das wollen Sie wirklich wissen?

Ja.
Also, es gibt zwei Geschichten. Am allerletzten Produktionstag waren wir in unserem Studio in Jaffa. Wir hatten 14 Studios auf der ganzen Welt, aber mein Studio in Jaffa war der Ort der Schlussproduktion. Ich gehe also aus dem Studio. Wir haben Mai, am 13. Mai sollte der Film in Cannes Premiere feiern. Mein Sohn kam überraschend vorbei, wir gingen in ein Restaurant. Wir aßen. Ich bestellte ihm ein Taxi, ich fuhr mit meinem ganz neuen Motorrad hinter dem Taxi her. Plötzlich sah ich, dass alle Menschen um mich herum am Boden lagen, unter oder nah bei ihren Autos. Ich hatte meinen Helm auf – und nichts gehört. Ich setzte den Helm ab, schaute zum Himmel, und der war voller Raketen und Abfanggeschossen. Ich versuchte, meinen Sohn zu erreichen, was mir nicht gelang, wollte das Motorrad wieder anlassen, aber es sprang nicht an. Ich war allein auf der Kreuzung, konnte nirgendwo hin. Ich rief den Motorrad-Typen an und schrie ihn an, dass die Batterie leer sei. So.

Und die zweite Geschichte?
Zwei Wochen später waren wir in Cannes. Roter Teppich, die Lichter gehen aus, und Yoni Goodman, mein Animationsdirektor, sagte zu mir: Wir haben den Fluch des Films gebrochen. Fluch, weil alles ziemlich anstrengend war. Die ersten beiden Zeilen liefen über die Leinwand, und plötzlich schrie jemand. Es war ein Herzinfarkt. Die Frau wurde wiederbelebt, wir gingen alle raus, dann wieder rein, Applaus, Film. Dieser Film ist nie vorbei, das will ich damit sagen.

Geht Ihnen das mit all Ihren Filmen so?
Nichts war so wie dieser Film. Dieser Film begann mit einer Koproduktion von fünf Ländern und endete in einer mit 14 Ländern, wegen der Pandemie. Wir suchten während der Pandemie nach Animationsdesignern. Wir haben vier französische Animationsdesigner gefunden, die auf Martinique festsaßen und haben sie vom Fleck weg eingestellt. Jeden, der das konnte, haben wir genommen: Leute aus Toronto, von den Philippinen, aus Malaysia.

Wie sehen Sie Israel gerade aus der Sicht eines Regisseurs?
Ich bin am Boden zerstört. In den vergangenen Tagen haben wir als Gruppe von Regisseuren eine Petition vorbereitet, gegen die neuen Gesetze im israelischen Kino. Die neue Regierung droht nicht nur damit, Subventionen zu streichen, sondern sie auch von denen zurückzuverlangen, die sie bereits erhalten haben, wenn sie herausfinden, dass der Film ihrer Meinung nach den jüdischen Staat verletzt. Der neue Kulturminister wurde kürzlich gefragt, ob er einen Film wie »Waltz with Bashir« unterstützt hätte, und er sagte: höchstwahrscheinlich nicht. Wir befinden uns in einer schrecklichen Zeit. Wenn der Oberste Gerichtshof außer Kraft gesetzt werden sollte, ist Israel tot. Dann wird es dort keine Demokratie mehr geben. Das war’s dann. Wenn sie alles, was sie planen, umsetzen, dann ist Israel keine Demokratie mehr, dann hat das auch wirtschaftliche Folgen, denn wer möchte dann noch investieren?

Was machen Sie dann?
Ich werde dieses Jahr 60. Für mich ist es zu spät, ein neues Leben in Paris zu beginnen. Meine Kinder wollen hier nicht bleiben. Sie werden studieren gehen.

Mit dem Regisseur sprach Katrin Richter.

Der Film »Wo ist Anne Frank« läuft am 23. Februar in den deutschen Kinos an. www.farbfilm-verleih.de

Im S. Fischer Verlag ist das Buch »Wo ist Anne Frank – Eine Graphic Novel« erschienen.

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