Tagung

Kindertora und Wimmelbuch

Podiumsdiskussion mit Barbara Witting, Rachel Herweg, Doron Kiesel, Sabena Donath, Noga Hartmann und Alexa Brum (v.l.) Foto: Gregor Zielke

Auf einmal lag etwas in der Luft. Trotz einiger manchmal fast ein wenig ratlos klingender Töne machte sich Aufbruchstimmung breit. Ein erster Schritt war getan, die Lage konstatiert: »Wir brauchen mehr jüdische Bücher für unsere Kinder.« Und jetzt kann auf den ersten Schritt der zweite folgen.

Die Tagung »Lesen macht glücklich – Jüdische Kinder- und Jugendliteratur«, veranstaltet von der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland, durchgeführt und begleitet von deren Leiterin Sabena Donath und dem wissenschaftlichen Direktor Doron Kiesel, hatte ihr Ziel erreicht. Etwa 70 Teilnehmer aus rund 15 Gemeinden waren nach Berlin gekommen, die meisten aus dem pädagogischen Bereich, tätig in jüdischen Schulen, Kitas oder Kindergärten.

Aber auch ein paar »Macher« waren da – Autoren und Verleger. Das Thema »Jüdische Kinder- und Jugendliteratur« zeigte sich drei Tage lang mehr und mehr von seiner faszinierenden Seite – erforschenswert, inspirierend, motivierend. Eine Dokumentation der Vorträge ist geplant, ebenso eine Titelliste für Bibliotheken (einer der Workshops hat Kriterien für einen Kanon ausgearbeitet). Kontakte wurden geknüpft, in ausgelegten Büchern geblättert.

nischenthema Dass Informationsbedarf besteht, zeigte sich gleich zu Anfang, als sich herausstellte, dass nicht allen Teilnehmern der einzige jüdische Kinder- und Jugendbuchverlag Deutschlands, der Berliner Ariella-Verlag von Myriam Halberstam, bekannt war. Halberstam (die für das Frühjahr ein israelisches Wimmelbuch und eine Kindertora ankündigte) war es übrigens auch, die sich als »treibende Kraft« für diese Tagung zum »Nischenthema jüdisches Kinder- und Jugendbuch« im Rahmen des Bildungsprogramms des Zentralrats eingesetzt hatte.

Das Programm bot wissenschaftliche Vorträge, denen es gelang, einen Ein- und Überblick zu geben und einen Bogen zur Praxis zu schlagen, ohne an wissenschaftlichen Definitionen zu kleben. Für die Kinder- und Jugendmedienforscherin Gabriele von Glasenapp von der Universität Köln ist »spannend, was nicht in Lexika oder Literaturgeschichten zu finden ist«, und dazu gehöre die jüdische Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland.

Von Glasenapp wies auf die »Blüte« jüdischer Kinder- und Jugendbücher in Deutschland zwischen 1933 und 1938 hin. Gewaltsam isoliert vom allgemeinen Kulturbetrieb, entfaltete sich eine gezielte Kreativität innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, wo sich in ganz engem Kontakt Autoren und junge Leser gegenüberstanden. Die Bücher drängten auf Rückbesinnung, auf jüdische Identitätsfindung, versuchten, das Selbstbewusstsein zu stärken und die Auswanderung nach Palästina vorzubereiten.

Einen faszinierenden Blick auf die euphorisch gestimmte Buchproduktion in unzähligen jüdischen Verlagen während der Weimarer Republik gab Hadassah Stichnothe, die an der Universität Tübingen forscht (vgl. ihren Beitrag in der Jüdischen Allgemeinen vom 16. Januar). Jede Richtung war damals vertreten, jedes Niveau, ästhetisch auf dem Stand der Zeit. Danach kam ein »irrsinniges Loch«. Myriam Halberstam führte in ihrem Vortrag die durchgängig – »da gab es keinen Bruch« – »fantastische Auswahl« an Büchern in den USA vor Augen, in denen jüdische Identifikationsfiguren die amerikanische Geschichte als kleine oder große Helden begleiteten.

In einem der anschließenden Workshops fiel der bemerkenswerte Satz: »Auch jüdische Kinder in Deutschland haben das Recht, sich als Protagonisten in Büchern wiederzufinden.« Und zwar in einer glaubwürdigen, jüdischen Alltagswelt und nicht nur »zur Belehrung der Mehrheitsgesellschaft«, ergänzte ein anderer Teilnehmer. Gute Manuskripte müssten her. Und die Finanzierung müsse gesichert sein.

Empfehlungen Die Stichworte »Pluralität« und »Identifikation« waren längst gefallen. Um sie kreiste auch die Diskussion der Leiter jüdischer Schulen und Kitas, aus der man vor allem die Empfehlung für einen entspannten Umgang mit der Pluralität innerhalb der jüdischen Gemeinschaft mitnahm. Bücher könnten dabei helfen.

Es gebe verschiedene jüdische Identitäten, und die dürften sich getrost auch im authentischen jüdischen Kinderbuch wiederfinden. Sonst werde es für die Autoren langsam schwierig, warf die an der Tagung beteiligte Schriftstellerin Eva Lezzi ein. »Die Nische wird dann immer nischiger und nischiger.« Erzieher sollten, so hieß es von Pädagogenseite, in der Lage sein, bei der Vermittlung der Buchinhalte auf fundiertes Wissen zurückzugreifen. Umso besser »kommen die jüdischen Werte rüber«.

Dass sich ein Blick auf den »Schatz« der jüdischen Kinder- und Jugendliteratur aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion lohnt, demonstrierte die Literaturwissenschaftlerin Tanya Smolianitski in dem von ihr geleiteten Workshop.

Mirjam Pressler war so etwas wie der »Stargast« der Tagung, wäre dieses Wort nicht etwas unpassend für diese bemerkenswerte Schriftstellerin. Eindrücklich las sie aus ihrem Buch für Hanna vor und unterhielt mit informativen Geschichten hinter ihren Geschichten. Pressler erwähnte auch Abraham Teuter und seinen Alibaba-Verlag.

Teuter habe sie nämlich als Erster dazu aufgefordert, Kinderbücher aus dem Hebräischen zu übersetzen. »Erst so kamen ja Bücher aus Israel zu uns.« Mit dem Begriff »jüdisches Kinderbuch« tue sie sich allerdings ein wenig schwer, sagte sie, was nicht heiße, dass sie keine jüdischen Kinderbücher schreibe. Zum Literaturkanon der jüdischen Schulen und Kindergärten, betonte Pressler, gehörten die jedenfalls längst.

Musik

Stargeiger Daniel Hope verlängert Vertrag bis 2026

Der südafrikanisch-britische Musiker bleibt Künstlerischer Leiter der Dresdner Frauenkirche

 17.09.2020

Porträt

Emmy für Esty?

Die israelische Schauspielerin Shira Haas erobert die Welt. Nächster Halt: die Nominierung für ihre Hauptrolle in der Netflix-Serie »Unorthodox«

von Sophie Albers Ben Chamo  17.09.2020

Psychologie

Einblicke in die Seele

Manfred Lütz im Gespräch mit dem jüdischen Analytiker Otto Kernberg – eine Rezension

von Gerhard Haase-Hindenberg  17.09.2020

Vorabdruck

Meine Freundin, du bist schön

In »Hannah und Ludwig« schreibt Rafael Seligmann seine Familiensaga fort

von Rafael Seligmann  17.09.2020

Finale

Der Rest der Welt

Mehr Honig in den Kuchen oder Warum niemand Null-Tage-Jude werden muss

von Ayala Goldmann  17.09.2020

Zahl der Woche

Das Jahr 5781

Fun Facts und Wissenswertes

 17.09.2020

Samy Molcho

»Es war eine andere Welt«

Der Pantomime über seine Kindheit in Israel, die Anfänge in Deutschland und warum ihn das Judentum bis heute prägt

von Louis Lewitan  17.09.2020

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 17.09.2020

Team Israel Start-Up Nation

»Eine Tour ohne Paris ist keine Tour«

Radprofi André Greipel hofft auf gutes Ende der Tour de France

 17.09.2020