Künstliche Intelligenz

Kann der neue Golem auch Bach?

Zu einem höheren Wesen verklärt: der Roboter, der in der Golem-Legende als gescheiterter Diener des Menschen dargestellt wurde Foto: Getty Images/iStockphoto

Künstliche Intelligenz

Kann der neue Golem auch Bach?

Es widerspricht jüdischen Werten, wenn das Schöpferische in Gefahr gerät

von Jascha Nemtsov  13.08.2023 13:16 Uhr

In der Hebräischen Bibel wird der Zustand der Welt vor dem Schöpfungsakt mit dem Begriff »Tohuwabohu« umschrieben. Dabei handelt es sich um eine Art Wortspiel mit zwei ähnlich klingenden hebräischen Wörtern, und zwar »tohu« und »wohu«. Der Religionsphilosoph Martin Buber versuchte, dieses Wortspiel in seiner Übertragung der Bibel ins Deutsche nachzuahmen, und übersetzte es mit »Irrsal und Wirrsal«.

Dieser chaotische, formlose Zustand der Welt wurde von Gott geordnet und mit einem Sinn erfüllt – und das war sogar für den Allmächtigen offensichtlich ein ziemlicher Kraftakt, denn nach sechs Tagen Arbeit musste Gott sich einen Tag lang ausruhen.

Materie Nach jüdischem Verständnis ist die Schöpfung der Welt keinesfalls ein einmaliges Ereignis – ganz im Gegenteil: Sie wird nie abgeschlossen. Der Mensch, der laut dem 1. Buch Mose 1,26 nach dem Bilde Gottes erschaffen wurde, ist bei dieser Aufgabe Gottes Mitarbeiter und Partner.

Als Musiker ist man gezwungen, gegen die Beschränkungen der Natur anzukämpfen.

Die permanente Neuschöpfung der Welt ist insofern notwendig, weil die Materie eine immanente Tendenz zum Zerfallen, zum Verlust der Form und zum Zurückfallen in den Zustand »Tohuwabohu« hat. Das kennen wir aus unserer alltäglichen Erfahrung. Jeder weiß, dass ein Schuh gelegentlich kaputtgehen kann. Ein kaputter Schuh wird aber nicht von selbst wieder intakt – dafür ist eine geistige und physische Anstrengung notwendig.

In der jüdischen Philosophie wird dafür der Ausdruck »Tikkun Olam« gebraucht, was wörtlich »Reparatur (oder Heilung) der Welt« heißt und einen permanenten Prozess der Wiederherstellung der gestörten Harmonie der Welt und eine Art geistigen Widerstand gegen die destruktiven Tendenzen der Materie bezeichnet.

Denken Der Ausdruck »Tikkun Olam« taucht erstmals im Talmud auf und prägte danach die gesamte Entwicklung des jüdischen Denkens. Aber es geht in diesem Kontext nicht etwa um die Angst vor der göttlichen Bestrafung oder die künftige Belohnung in dieser oder der kommenden Welt. Vielmehr rücken das eigene Handeln, aber vor allem die persönliche Verantwortung für die Schöpfung – nach jüdischem Verständnis das wohl wichtigste Motiv des ethischen Verhaltens der Menschen – ins Zentrum.

Was hat nun aber im Judentum die Musik mit Gottes Schöpfung und der von ihm geschaffenen Harmonie zu tun? Eigentlich nichts. Der menschliche Gesang, der in der traditionellen jüdischen Musik stets im Mittelpunkt steht, wird nicht als Abbild der göttlichen Harmonie wahrgenommen, sondern in einem zutiefst humanistischen Sinne als Ausdruck des widersprüchlichen, oft qualvollen menschlichen Innenlebens.

Die Welt mag von Gott noch so perfekt geplant sein, der Mensch ist es eben nicht. Vielmehr wurde er mit einem freien Willen beschenkt und muss ständig um das Gute und den richtigen Weg ringen – ohne jedoch irgendwann einmal Vollkommenheit erreichen zu können.

Bereits in einem frühmittelalterlichen jüdischen Traktat wird der Gegensatz zwischen menschlichem Gesang und der perfekten Engelsmusik thematisiert: »Gesegnet sei Israel – um wie viel ist es Gott lieber als die Dienstengel! Denn sobald die Dienstengel gedenken, mit ihren Liedern in den Höhen fortzufahren, umschließen Feuerflüsse und Flammenberge den Ehrenthron, und der Heilige spricht: Mögen alle Engel, Cherubim und Seraphim, die ich erschuf, vor mir schweigen, bis ich den Klang des Gesanges und Lobpreises Israels, meiner Kinder, vernommen habe.«

Stoff Als Musiker ist man ständig gezwungen, zumindest in seinem Beruf unmittelbar gegen das Stoffliche, gegen die Hindernisse und Beschränkungen der Natur anzukämpfen. Jeder muss dabei vor allem mit seiner eigenen materiellen Unvollkommenheit fertigwerden. Überhaupt kann der Mensch seine geistigen Fähigkeiten oft erst entwickeln, wenn er herausgefordert wird, wenn er innere und äußere Schwierigkeiten überwinden muss.

Die Musik – so wie die Kunst im Allgemeinen – kann oft erst in einem solchen Ringen entstehen. Ein extremes Beispiel dafür sind die Werke des jüdischen Komponisten Viktor Ullmann, die während seiner Haft im Ghetto Theresienstadt geschaffen wurden.

Er selbst notierte dazu 1944 in einem Essay, den Ullmann mit dem Wortspiel »Goethe und Ghetto« betitelte: »Hier, wo man auch im täglichen Leben den Stoff durch die Form zu überwinden hat, wo alles Musische in vollem Gegensatz zur Umwelt steht. Hier ist die wahre Meisterschule, wenn man mit Schiller das Geheimnis des Kunstwerks darin sieht: den Stoff durch die Form zu vertilgen – was ja vermutlich die Mission des Menschen überhaupt ist, nicht nur des ästhetischen, sondern auch des ethischen Menschen.«

Transhumanismus In letzter Zeit verbreiten sich in der westlichen Welt die Ideen des Transhumanismus. Der Mensch wird demnach fast schon als eine Art Auslaufmodell betrachtet. Er sei unvollkommen und könne mit der Maschine, mit der Künstlichen Intelligenz nicht mithalten, heißt es. Daher gehört er von ihr abgelöst oder sollte durch sie ergänzt werden und so zu einem Mischwesen, einem Cyborg, mutieren.

Auf jeden Fall brauche der Homo sapiens dringend ein »Upgrade«, das ihn zu einer anderen biologischen Art machen würde, sagen die Vordenker des Transhumanismus, beispielsweise der Google-Chefentwickler Ray Kurzweil (Menschheit 2.0) oder der Historiker Yuval Noah Harari (Homo Deus). Politische Eliten und Technologiekonzerne sehen darin eine vielversprechende Entwicklung, die angeblich bereits als Zukunftsvision feststehe und unvermeidbar sei. Der Roboter, der in der jüdischen Golem-Legende einst als gescheiterter Diener des Menschen dargestellt wurde, wird nun zu einem höheren und besseren Wesen verklärt.

Der Mensch wird fast schon als eine Art Auslaufmodell betrachtet.

Auch die menschliche Musik hat in dieser »schönen neuen Welt« der Transhumanisten keinen Platz mehr. Sie soll durch die »perfekte« Computermusik ersetzt werden. So schwärmte Harari in einem Fernsehinterview – entgegen allen bisherigen Erkenntnissen – bereits von den Fähigkeiten der Künstlichen Intelligenz. Diese sei angeblich imstande, »an einem Tag 5000 Choräle im Stil Johann Sebastian Bachs« zu komponieren, die man von der Musik Bachs »nicht unterscheiden« könne.

Harari zufolge werden Künstler künftig nicht mehr gebraucht, denn die KI könne diese Aufgabe am besten erfüllen. Unsere Kultur, die auf freier menschlicher Interaktion gründet, soll also durch eine neue ersetzt werden, die sich überwiegend oder sogar vollständig in einem kontrollierten digitalen Raum abspielen würde.

individuen Unsere Gesellschaft, die durch menschliche Begegnungen und Beziehungen unterschiedlichster Art geprägt ist, würde so zu einer losen Ansammlung von atomisierten und gesteuerten Individuen, bei denen es einzig um Rationalität und Effektivität geht.

Die transhumanistische Ideologie, die pseudoreligiöse Züge aufweist, suggeriert unbegrenzte Möglichkeiten und verspricht eine bessere Welt, indem sie nicht nur Gott als Schöpfer, sondern auch den Menschen mit seiner natürlichen Unvollkommenheit und seinen schöpferischen Fähigkeiten abschaffen will.

Es muss nicht eigens betont werden, dass diese Ansichten frei von jeder Spur jüdischen Denkens sind, sondern fundamental allen jüdischen – wie auch christlichen und muslimischen – Wertvorstellungen grundlegend widersprechen.

Gewissheit Es sollte daher unsere gemeinsame Aufgabe sein, dieser neuen Form des Totalitarismus, der unterschwellig immer mehr um sich greift und immer stärker auch tatsächlich unser Leben beherrscht, mit geistigem Widerstand zu begegnen. Wie jede neue Technologie kann auch die KI in verschiedenen Bereichen des Lebens dem Wohle des Menschen dienen. Sobald es aber darum geht, das Menschliche im Menschen durch KI zu ersetzen, wird dieser digitale Golem gewiss – genauso wie einst der legendäre Golem aus Lehm – kläglich scheitern.

Offen bleibt nur die Frage, wie viel »Tohuwabohu« dabei am Ende verursacht wird.

Der Autor ist Pianist und Musikwissenschaftler.

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