Literatur

Kafka in der Wüste

Seelen-Wehwehchen: Autorin Nicole Krauss Foto: Ullstein

Nicole Krauss’ Roman Die Geschichte der Liebe erschien 2005 und machte die 1974 in New York geborene Schriftstellerin für eine Weile sehr berühmt. Gewidmet war das Buch, das die Biografien von Krauss’ Großeltern thematisiert, ihrem damaligen Mann, dem Autor Jonathan Safran Foer: »Für Jonathan, mein Leben«.

Inzwischen ist das Paar geschieden, und die Leser von Nicole Krauss’ soeben erschienenem Roman Waldes Dunkel erfahren auch, weshalb. Die Protagonistin Nicole, eine New Yorker Schriftstellerin mit Schreibblockade, sitzt im Tel Aviver Hilton‐Hotel und lässt ihr bisheriges Familienleben Revue passieren. Ihr Mann – ein empathieloser, für alles Metaphysische tauber Geselle, der nur ganz selten zu bezirzen vermag: »Einen Augenblick leuchtete er.« Die Leser‐Reminiszenz an Safran Foers Roman Alles ist erleuchtet ist zweifellos gewollt, doch als wirklich erleuchtet erscheint die Ich‐Erzählerin, die sich seit Längerem doppelt sieht: »Und dies nicht in einem abstrakten Sinn. Nicht als Seele oder Schwingung. Sondern mit dem ganzen Körper, genau wie ich zu Hause auf der Schwelle der Küchentür stand, nur irgendwie anderswo, oben.«

Traumwelt Im Hilton erscheint ihr dann Franz Kafka: »Seine gedankliche Vertiefung erfüllte den Raum, schwer und unheilvoll.« Fatal, dass jedoch auch in Tel Aviv die Umwelt eher prosaisch agiert und durch ein Klopfen an der Tür die fein ziselierte Traumwelt zerstört: »Es war eine Frau vom Zimmerservice, die den ganzen Weg von Eritrea oder dem Sudan hergekommen war. Sie musste alles Mögliche durchgemacht haben. Eine Frau, die die ganze Nacht mit dem Schlaf gerungen hatte, bedeutete ihr nichts. Aber sie merkte, dass sie mich geweckt hatte, und schickte sich an, wieder zu gehen.«

Die Geschichte ist schnell erzählt: Eine Autorin mit Schreibblockade blickt zurück auf ihr Leben.
Im Unterschied zum Hotelpersonal lässt sich dagegen der undurchsichtige Literaturwissenschaftler Eliezer Friedman nicht abwimmeln, wartet er doch mit einer verblüffenden Geschichte auf: Franz Kafka war nicht etwa 1924 in Österreich gestorben, sondern hatte sich unter falschem Namen nach Israel eingeschifft, wo er bis zu seinem Lebensende als Gärtner arbeitete. »Die Kinder liebten ihn wegen der kleinen Puppen und Flugzeuge, die er ihnen aus Balsaholz bastelte, und wegen seines verschmitzten Humors.«

Selbiger Humor aber kommt spätestens hier auch dem geduldigsten Leser abhanden. Kafka als possierlich gemachte Gestalt, die von Max Brods Freundeskreis mit »Saatgutkatalogen« beschenkt wird, sodass »er begann, Krokusse und kretische Schwertlilien‐Knollen anzufordern«?

Reflexion Es ist vor allem diese wortreich auftrumpfende Harmlosigkeit, welche die Lektüre zum Ärgernis macht. Leider können darüber auch jene gelungenen Passagen nicht hinwegtrösten, in denen Nicole Krauss den rauen Charme israelischen Alltagslebens beschreibt und zu einer souveränen, ironischen Präzision findet, die freilich Stückwerk bleibt. Zu penetrant schieben sich immer wieder die vagen Seelenwehwehchen der Ich‐Erzählerin samt bombastischer Reflexion zwischen den Leser und die Geschichte, die längst zu einer enervierenden Ego‐Show geworden ist.

Dabei wirbt der Verlag im Klappentext mit einem Lobpreis von Philip Roth (»ein fantastischer Roman«), der sich freilich eher als eine Art Danaergeschenk entpuppt: Setting und Assoziationen von Waldes Dunkel fordern nämlich den Vergleich zu Roth’ ebenfalls in New York und Israel spielendem Meisterwerk Operation Shylock geradezu heraus – und erinnern damit an eine Zeit, als literarischer Mutwillen tatsächlich noch mutig und provokativ war und keine prüde entsexualisierte Suada im New‐Age‐Stil.

Die anmaßende Schnurre um Kafkas Zweitleben als Gärtner aber wird dabei lediglich beglaubigt durch das hypersensible Innenleben der Protagonistin, »weil ich Kafkas Klaustrophobie, seine Sehnsucht nach einer anderen Welt in meinem eigenen Körper spüren konnte«. Der emeritierte Akademiker Friedman, über dessen Mossad‐Verbindungen ein paar raunende Sätze fallen, schleppt dann alsbald einen Koffer herbei, in dem sich womöglich unbekannte Kafka‐Manuskripte befinden.

plausibilität Nicole kommt freilich nicht dazu, den Kofferinhalt zu inspizieren, da Friedman und sie bei einer Armeekontrolle hinter Jerusalem aus ihrem Auto eskortiert werden, Friedman in einem Zahal‐Transporter verschwindet und Nicole in der Negevwüste ausgesetzt wird.

Spätestens hier geht jegliche Plausibilität verloren, denn Nicole findet sich in einer Wüstenhütte wieder, hat noch immer Kafkas Koffer bei sich, möchte diesen jedoch nicht öffnen. Gepeinigt von Hunger und geschüttelt von plötzlich einsetzendem Fieber, verlässt sie nach einigen Tagen Koffer und Hütte, kämpft sich allein durch die Wüste und landet schließlich dank eines Taxifahrers im Ichilov‐Krankenhaus in Tel Aviv.

War die ganze Geschichte, mit enormem Aufwand und schier endlosen, forciert spirituellen Einschüben erzählt, demnach nur eine Fa­ta Mor­ga­na, Resultat überreizter Sinne? Durchaus möglich bei einer Protagonistin, die sich in anderen Wachtraum‐Gespinsten nicht nur an Kafka, sondern auch an den eigenen Kindern vergriffen hatte: »Ich fand mich in Betrachtungen vertieft, wie die Persönlichkeit meiner Kinder an der Erfahrung wachsen könnte, ein paar Wochen durch einen polnischen Wald um ihr Leben zu laufen.«

idee Der Vollständigkeit halber: Die Idee, Franz Kafka unter neuem Namen ein zweites Leben am Mittelmeer beginnen zu lassen, stammt von dem israelischen Schriftsteller Alex Epstein und findet sich in seinem wunderbar konzisen Erzählband Lunar Savings Time von 2011.

Ist es womöglich eine sehr versteckte Hommage an ihn, dass der zweite Protagonist von Krauss’ Roman Jules Epstein heißt, ein wohlhabender New Yorker, der schließlich während der von ihm finanzierten Dreharbeiten zu einem König‐David‐Film in der Wüste verschwindet? Diese Frage muss offenbleiben, fest steht jedoch, dass mit Waldes Dunkel ein längst vergessen geglaubtes Genre wieder zu entdecken ist – das des ultra‐verschmockten Schmonzes.

Nicole Krauss: »Waldes Dunkel«. Rowohlt, Reinbek 2018, 384 S., 24 €

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