Kino

»Judentum heißt Weiterleben«

Regisseurin Rama Burshtein Foto: Lea Golda Holterman

Frau Burshtein, Sie haben mit Fill the Void einen Film gedreht, der im charedischen Milieu spielt. Wie kamen Sie dazu?
Burshtein: Ich bin selbst ultraorthodox und hatte immer das Gefühl, dass wir keine kulturelle Stimme haben. Wir sind ziemlich laut, wenn es um Politik und Finanzen geht – aber sehr leise in allem, was Kultur betrifft. Ich war nicht immer religiös, ich habe vorher das Handwerk der Regisseurin gelernt und erfahren, dass man auch von außen einen Film machen kann, der sich anfühlt, als wäre man mittendrin. Ich dachte, es wäre Zeit, die Stimme ein wenig zu erheben.

In ihrem Film geht es um die großen Themen Tod, Heirat, Liebe. Die 18-jährige Shira soll, nachdem ihre Schwester Esther gestorben ist, mit ihrem Schwager verheiratet werden. Was fasziniert Sie an der Geschichte?
Burshtein: Ich beschäftige mich seit jeher mit der Mann-Frau-Beziehung und möchte das Geheimnis dahinter verstehen. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte: Ich war mit Freunden auf einer Hochzeit, und plötzlich kam eine junge, wunderschöne Frau an unseren Tisch. Sie hatte sich gerade verlobt. Meine Freundin gratulierte ihr auf sehr eigenartige Weise, und ich wunderte mich darüber. Dann sagte sie: Sie wird den Mann ihrer verstorbenen Schwester heiraten. Ich rannte der jungen Frau hinterher, war fasziniert von diesem Thema und wollte wissen, wie ihr zumute ist angesichts dessen, was ihr bevorstand. Sie war viel jünger als ihre Schwester – und jetzt sollte sie ihren Schwager lieben?

Klingt befremdlich.
Burshtein: Nun ja, ich habe viel nachgefragt, und irgendwann war es für mich das Natürlichste der Welt. Sehen Sie: Er ist älter, die kleine Schwester hat ihn vorher bewundert, die ältere Schwester hat ihn geliebt. Viele Leute aus allen Teilen der Welt sind zu mir gekommen und haben gesagt, es sei auch ihre Geschichte – und das waren nicht nur Juden.

Sie waren nicht immer religiös. Warum haben Sie sich entschlossen, es zu werden?
Burshtein: Ich war immer eine Suchende. Dinge in der modernen Welt stimmten irgendwie nicht. Besonders in der Mann-Frau-Beziehung. Frauen wurden nicht respektiert, und ich habe auch Männer nicht respektiert. Die Tatsache, dass man jemandem etwas von sich gibt und er ruft am kommenden Tag nicht an, das war nichts für mich. Durch dieses Frau-Mann-Tor näherte ich mich der Religion. Das Judentum hat zu mir gesprochen. Über Geheimnisse der Leidenschaft, der Hingabe und des Respekts. Es ist nicht so, dass man ab einem Moment plötzlich religiös wird. Alles ist eine lebenslange Suche. Die Orthodoxie zu entdecken, war für mich, als ob ich nach Hause käme.

Frau Sheleg, Sie spielen in »Fill the Void« Rivka, die Mutter von Shira. Wie war es für Sie, eine Mutter zu spielen, die ihre ältere Tochter verliert und ihre jüngere mit deren Schwager verheiratet?
Sheleg: Mit dieser Rivka in Berührung zu kommen, war schwer. Rama Burshtein hat mir dabei sehr geholfen.

Inwiefern?
Sheleg: Ich bin eine geduldige und nicht so strenge Mutter. Aber wenn es darum geht, meine Kinder zu beschützen, bin ich eine Tigerin. Es gab einen Moment, von dem ich Rama noch gar nicht erzählt habe. Ich saß am Strand mit meinem Text, mein Kopf war komplett leer. Plötzlich sah ich, wie eine Frau ins Meer lief. Ich habe sie mit meinen Blicken verfolgt. Und auf einmal war sie weg. Dieses Gefühl, sie vor allem bewahren zu wollen, das war der Augenblick, in dem ich Rivka emotional begegnet bin.

Sie und Rama Burshtein sind beide Mütter. Würden Sie Ihre Kinder auch auf diese Art verheiraten?
Burshtein: Für eine Mutter ist es immer schwer, sich vorzustellen, dass ihre Tochter oder ihr Sohn eine Beziehung zu einem fremden Menschen führt. Es gibt da jemanden, der bekommt Seiten deines Kindes zu sehen, die du niemals gesehen hast.

Aber würden Sie ihre Tochter auch wieder verheiraten?
Burshtein: Im Judentum nimmt die Rolle der Mutter einen großen Raum ein, wenn es darum geht, Dinge zusammenzuhalten, das Leben zu suchen und nach dem Tod eines Kindes nicht mitzusterben. Manchmal macht jemand während der Schiwa ein Angebot. Das Hemd ist noch zerrissen, und plötzlich steht da jemand vor dir. Man denkt: Ist er verrückt? Aber: Wenn man nicht weitermacht, ertrinkt man.

Sheleg: Wir haben darüber gesprochen, das Rivka nach Esters Tod nicht mehr leben möchte. Und plötzlich hat sie diese Idee, durch die sie lebt.

Burshtein: Das Weiterleben ist das Motto des Judentums. Irit Sheleg hat es mal gut beschrieben: Auf Hawaii surft man, in Paris liebt man die Mode, und im Judentum hält man am Leben fest. Als ich auf der Hochzeit war, von der ich zu Beginn erzählt habe, traf ich auch die Brautmutter. Sie sagte mir, dass, als ihre ältere Tochter tödlich verunglückte, sie ihren Sohn zwei Wochen später verheiraten sollte. Und Hochzeiten sagt man nicht ab. Während sie bei der Beerdigung ihres Kindes mit ins Grab wollte, wusste sie, in 14 Tagen würde es eine Hochzeit geben. Eine Nacht zuvor hatte sie zu ihrem Mann gesagt: »Ich kann nicht tanzen und fröhlich sein.« Ihr Mann antwortete ihr: »Es ist dein Sohn, und du wirst ihn glücklich machen. Er ist am Boden zerstört, weil seine Schwester gestorben ist, und du wirst ihn diesen Hochzeitstag unvergesslich machen.« Zwei Wochen später tanzte sie und war glücklich. Das ist die Kraft des Judentums. Man muss auf jede Szenerie reagieren können.

Sheleg: Du hast mal gesagt, dass die Kraft des Judentums darin besteht, Glück und Trauer in Balance zu halten.

Mit der Regisseurin und mit der Schauspielerin sprach Katrin Richter.

Rama Burshtein wurde 1967 in New York geboren. Sie absolvierte die Sam Spiegel Film and Television School in Jerusalem, unterrichtet Regie und Drehbuch in Film- und Fernsehproduktionen Institutionen wie an der Ma’ale Film School, Yad Benjamin Film School for Woman oder der Ulpena Arts School. »Fill The Void« ist ihr erster Spielfilm.

Irit Sheleg wurde 1958 in Israel geboren und wuchs in Tel Aviv auf. Sie studierte am Nissan Nativ Acting Studio und spielte in vielen israelischen Serien mit. Sheleg gewann für ihre Rolle der Rivka den israelischen Oscar, Ophir, als beste Nebendarstellerin.

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