Geburtstag

»Judentum heißt Wärme«

»Wie man durch Zufall aus Fürth bei Nürnberg in Johannesburg landet, so den Holocaust überlebt, aber politisiert bleibt, genauso wie man im Exil bleibt, im ewigen Exil des Außenseiters«: Ruth Weiss Foto: Wilfried Hiegemann

Als sich meine Welt erweiterte, wurde mir nach und nach bewusst, dass ich nicht nur ein Fürther Kind war, sondern auch ein jüdisches Kind.» Diese Zeilen Robert Schopflochers können auch für seine jüngere Quartiersnachbarin Ruth Weiss gelten.

Vor 90 Jahren, am 26. Juli 1924, in der fränkischen Stadt geboren, emigrierte sie mit ihrer Familie 1936 aus Nazideutschland nach Südafrika. Auf die Erfahrung des Antisemitismus folgte die der Apartheid. Ruth Weiss wurde Journalistin und schrieb dagegen an.

Ihre Nominierung für den Friedensnobelpreis durch eine Schweizer Fraueninitiative 2005 fasst es treffend zusammen: «Mit ihrer Schreibmaschine lehnt sie sich gegen das System auf, ruhig und entschlossen ... Sie recherchiert, berichtet, gründet Freundschaften, nimmt an Projekten zur Überwindung des Rassismus teil.

Ihre stärkste Fähigkeit: Sie hört zu. Zuhören ist die Grundlage für Verstehen, Verständnis ebnet den Weg zur Versöhnung, ein Rezept für den Frieden weltweit. Ruth Weiss, Journalistin und Autorin, wandert ruhelos zwischen verschiedenen Welten und Kulturen in Afrika und Europa, ein lebendes Geschichtsbuch.»

Für die vergangenen zwölf Jahre muss Weiss’ Biografie noch um die Erzählerin einnehmender wie exemplarischer Fiktionen ergänzt werden. In Meine Schwester Sara (2002) schildert sie den Lebensweg einer Jüdin von Ravensbrück nach Pretoria. In jüngster Zeit sind es weiter zurückliegende Zeiträume, denen ihr Interesse als Romanautorin gilt – den jüdischen Welten der vergangenen Jahrhunderte.

glaube
Fürth, wo die 1924 Geborene aufwuchs, nannte man damals das «fränkische Jerusalem». Ruth Löwenthal wohnte in der Theaterstraße, eine Verlängerung der Mohrenstraße. Das Viertel beschrieb sie später als eine enge, aber heile Welt, ein Häuserblock, in dem das Mädchen sich zwischen Zuhause und Bäckerei, Synagoge und den Wohnungen der Freundinnen bewegte.

Die Eltern waren assimiliert. Der Vater, ein Kaufmann, hatte sich im Ersten Weltkrieg freiwillig gemeldet und wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Die religiöse Prägung erhielt Ruth vom Großvater. Er vermittelte ihr die Gesetze und Riten, der Glaube wurde für sie zum Selbstverständlichen, zu Lebensmittel und «Wärme», wie sie es einmal nannte. In ihrem Kinderbuch Sascha und die neun alten Männer beschreibt sie diese spirituelle Geborgenheit in zwei Kurzgeschichten, in denen kindliche Entdecker ins Judentum eintauchen. «Es gibt eben viele Häuser in Gottes Welt.»

Dann kam 1933, zwei Jahre darauf folgten die nach der benachbarten Stadt Nürnberg benannten Gesetze. 1936 flüchtet die Familie vor der alltäglichen Drangsalierung nach Südafrika. «Für mich ... bedeuteten diese drei Jahre Kindheit und Judentum, das gehört zusammen, das hat einen Eindruck hinterlassen, der fürs Leben blieb.»

exil
Weiss nennt es Zufall, dass sie und ihre Familie der Schoa entkommen waren. Sie zogen weg, weil der Vater seinen Job verloren hatte. Ihr sei «bewusst, dass ich diesem Schicksal aus keinem logischen Grund entronnen war – There but for the grace of God go I.» Die zeitlebens gefühlte Schuld, ohne eigenes Zutun überlebt zu haben, begleite sie ständig, sagt sie. Bei jeder Zugfahrt etwa kämen ihr Gedanken an die Züge, Schienen und Rampen aus Claude Lanzmanns Film Shoah.

In Südafrika erlebt Ruth Löwenthal wieder Diskriminierung. Diesmal sind nicht Juden, sondern «Nichtweiße» Menschen zweiter Klasse. «Wie man durch Zufall aus Fürth bei Nürnberg in Johannesburg landet, so den Holocaust überlebt, aber politisiert bleibt, genauso wie man im Exil bleibt, im ewigen Exil des Außenseiters», hält sie die Erfahrung in ihrem biografischen Entwurf Ein Lied ohne Musik (1981) fest. Nach verschiedenen Jobs wird die junge Frau Journalistin. Das verdankt sie der (später gescheiterten) Ehe mit Hans Weiss. Der ist eigentlich der Journalist in der Ehe, aber schickt immer, wenn er keine Lust hat, seine Frau zu Aufträgen. Ruth Weiss berichtet für internationale Zeitungen und Radiosender über das Apartheidregime, wird zur Stimme der Ungehörten.

Mitte der 60er-Jahre weist das Apartheidregime die unbequemen Chronistin von Ungerechtigkeit und Diskriminierung aus Südafrikas aus. Mit ihrem 1965 geborenen Sohn Sacha führt Ruth Weiss danach 25 Jahre lang ein ruheloses Leben über viele Stationen: Großbritannien, Sambia, Simbabwe, drei Jahre lang auch Deutschland, wo sie von 1975 bis 1978 in Köln für die Deutsche Welle arbeitet. Auf der Isle of Wight setzt sie sich 1992 zur Ruhe, bleibt aber mit Lesungen und Vorträgen ihren großen Themen Rassismus, Afrika und Judentum treu.

romane Im Alter entdeckt sie das literarische Schreiben für sich und beschäftigt sich als Geschichtenerzählerin mit der jüdischen Historie. In ihrem gerade erschienenen Roman Der jüdische Kreuzfahrer erzählt Weiss das Schicksal eines von Christen seinen Eltern geraubten jüdischen Jungen.

Erst Kreuzfahrer, dann Arzt, entdeckt er nach langer Verlusterfahrung seine eigentliche Herkunft. Hier ist der jüdische Glaube am Ende von jener Art Wärme, die Ruth Weiss als Kind erfuhr. Es ist ein im guten Sinne leicht naiver Ton, der ihre späten Geschichten umgibt, wenn neben Pogromen und Terror in stillen Bildern so etwas wie kindliche Geborgenheit eingefangen wird, die Menschen ganz bei Gott und beieinander sind.

2002 ist Ruth Weiss nach Deutschland zurückgekehrt, nach Lüdinghausen in der westfälischen Provinz zu Freunden gezogen. «Im Grunde empfinde ich mich als heimatlos», sagte sie jüngst in einem Spiegel-Interview: «Ich habe so viele Jahre im Exil verbracht, dass Freunde mir Heimat bedeuten.»

Ihr letztes autobiografisches Buch trägt den Titel Eingeladen war ich nicht. Man solle den Juden wenigstens für den Schabbat dankbar sein, schreibt sie darin nur halbironisch. Ein Ruhetag habe vor Moses schließlich nicht existiert.

«Ich habe nicht mehr den Glauben meiner Kindheit; ich habe zweifeln gelernt, ich habe gelernt, den Glauben wie Aberglauben anderer zu achten. Aber durch diese Kindheit, verbunden mit dem Geruch der Kerzen, die meine Großmutter am Freitagabend anzündete, dem Duft der frischgebackenen Berches, dem geflochtenen Brot für den Schabbat, der Erinnerung an den leeren Platz an der Tafel des Pessach-Festes – durch diese Kindheit weiß ich, dass ich eine Jüdin bin. Es hat etwas zu tun mit Wärme und Liebe, mit Geborgenheit und Tradition.»

Ruth Weiss: «Der jüdische Kreuzfahrer». André Thiele, Mainz 2014, 304 S., 19,90 €

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