100. Geburtstag

Jenseits des Mainstreams

George Tabori in seinen New Yorker Jahren Foto: ZDF/Martha Holm

Hollywood bezeichnete er als »Puff«, und auch in New York gelang ihm nicht der große Durchbruch. Erst in Deutschland fand George Tabori (1914–2007) endlich das große Theaterpublikum, das seinen schwarzen Humor und seinen von Stereotypen befreiten Umgang mit der Schoa würdigen konnte.

Zum 100. Geburtstag des in Ungarn geborenen Dramatikers und Schriftstellers, dessen Vater 1944 in Auschwitz ermordet wurde, zeigt 3sat am Samstagabend die Dokumentation Der Spielmacher – George Tabori in Amerika von Norbert Busè.

Schwarze Liste Taboris Leben in den USA, wohin er 1948 emigrierte, war alles andere als einfach. Dass ihn der republikanische Senator Joseph McCarthy wegen angeblich unamerikanischer Umtriebe auf die berüchtigte Schwarze Liste setzte, ist bekannt.

Doch viele Zuschauer werden wohl nicht in allen Details gewusst haben, dass der renommierte Regisseur Elia Kazan nach einer Aufführung in New York Tabori und seine Schauspieler denunziert hatte. Für Tabori ein Grund, Kazan jahrelang nicht mehr zu grüßen – auch nicht, als der ein Haus direkt neben Taboris Wohnung in Manhattan bezog. Norbert Busès Dokumentation präsentiert aber auch den ersten Einblick in Taboris FBI-Akte, die dessen Engagement als Friedensaktivist belegt. Wegen Schwärzungen der Akte bleibt allerdings im Dunkeln, wie weit die Spitzel des FBI wirklich gingen.

privatleben Fast noch interessanter sind neue Einblicke in Taboris Privatleben: Für seine große Liebe, die schwedische Schauspielerin Viveca Lindfors, verließ er seine erste Frau und zog mit ihr in eine kleine gemeinsame Wohnung in Manhatten. Trotz der Bekanntschaft mit Bert Brecht in Hollywood und dem Besuch des berühmten »Actors Studio« konnte er vom Theatermachen in den USA nicht leben – jedenfalls nicht dauerhaft.

Sein Privatleben aber verlief glücklich, zumindest in den ersten Jahren. Über Nacht war Tabori Familienvater geworden – Viveca Lindfors hatte drei Kinder aus drei früheren Beziehungen mit in die Ehe gebracht. Und Vater zu sein, war für ihn nicht nur eine Rolle: In sehr persönlichen Gesprächen berichten sein Stiefsohn und seine Stieftochter erstmals vor der Kamera von ihrer Beziehung zu Tabori, der –auch wegen der beruflichen Misserfolge – viel Zeit für alle drei Kinder hatte und den sie wie einen eigenen Vater liebten.

»Die Kannibalen«
Die Verbindung zu den Kindern, die seinen Familiennamen tragen, riss auch nicht ab, nachdem Tabori 1971 endgültig nach Deutschland übersiedelte und damit die Beziehung zu Viveca Lindfors beendete. 1969 hatte die deutsche Fassung seines grotesken Auschwitz-Stücks Die Kannibalen am Schillertheater in Berlin das deutsche Publikum erschüttert, das einen solchen Umgang mit dem damaligen Tabu-Thema Schoa nicht gewöhnt war. Die Dokumentation zeigt Auszüge aus der Inszenierung von 1969 und Interviews mit den Zuschauern.

Ausgerechnet in Deutschland, das ihm den Vater genommen hatte, feierte Tabori die großen Erfolge seines Theaterlebens – von 1999 bis zu seinem Tod 2007 war er Hausregisseur des Berliner Ensembles.

Dass der Spielmacher, wie er sich nannte, vielen deutschen Theaterbesuchern mit Stücken wie Mein Kampf jahrzehntelang bei der Vergangenheitsbewältigung half, ist hinreichend bekannt. Doch die Dokumentation beleuchtet eine Zeit aus Taboris Leben, die nicht minder interessant ist: den steinigen Weg eines Dramatikers in den USA, der nicht bereit war, Zugeständnisse an den Geschmack des Mainstreams zu machen.

3sat sendet die Dokumentation »Der Spielmacher – George Tabori in Amerika« am Samstagabend um 20.15 Uhr.
Um 21.00 Uhr folgt der Theaterfilm »Mein Kampf« nach Taboris gleichnamigem Stück.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  08.09.2026

Philosophie

Zwischen Mensch und Maschine

Vor rund 100 Jahren kam Hilary Putnam 1926 in Chicago zur Welt. Der amerikanische Denker revidierte regelmäßig seine Positionen. Seine Philosophie ist überraschend dialogisch – was eine wenig bekannte judaistische Perspektive eröffnet.

von Richard Blättel  08.09.2026

Jubiläum

60 Jahre »Star Trek«: Faszinierend!

Vor 60 Jahren landete das Raumschiff »Enterprise« in den US-Wohnzimmern - und damit auch ein jüdischer Segen

von Alexander Brüggemann  08.09.2026

Kino

Wie ein Holocaust-Überlebender in Ostfriesland Frieden fand - Doku über die letzten Lebensjahre von Albrecht Weinberg

Albrecht Weinberg überlebte den Holocaust und wollte Deutschland für immer den Rücken kehren. Doch zum Ende seines Lebens fand er in seine Heimat Friedland zurück. Ein neuer Dokufilm zeigt seine letzten Jahre

von Kira Taszman  08.09.2026

Literatur

Shortlist für Deutschen Buchpreis veröffentlicht

Dana Vowinckel und Shida Bazya sind für die Auszeichnung nominiert – der Preisträger wird am 5. Oktober bekanntgegeben

 08.09.2026

Kommentar

Warum der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nie wieder »Nie wieder!« sagen sollte

Wer Antisemitismus nur dort bekämpft, wo es bequem ist, bekämpft ihn nicht – und wer wie im Fall Maha El Hissy konkrete Vorwürfe nicht ernsthaft prüfen will, sollte aufhören, zu erklären, wie ernst er diesen Kampf nimmt

von Andreas Büttner  08.09.2026

Deutschland

Schoa-Überlebende und Antisemitismusbeauftragte rechnen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Maha El Hissy ab

Die Hintergründe

 08.09.2026

»Imanuels Interpreten« (24)

Stan Getz: Der Saxofon-Poet

Wenn Getz live spielte, wollten alle da sein und zuhören. Der Vollblutmusiker kämpfte jedoch über Jahrzehnte hinweg mit Dämonen, die ihn zerstörten

von Imanuel Marcus  08.09.2026

Der deutsch-brasilianische Philosoph Carlos Fraenkel

Potsdam

Philosoph Fraenkel neuer Direktor des Potsdamer Einstein-Forums

Das Einstein-Forum in Potsdam hat mit dem Philosoph Carlos Fraenkel einen neuen Direktor. Für seine Zeit formuliert er deutliche Ziele

von Benjamin Lassiwe  07.09.2026