Avishai Cohen

Israel im Herzen

»Jeder von uns sollte tun, was in seiner Macht steht, um mitfühlend zu sein – auch in politischer Hinsicht«: Avishai Cohen

Politisch, engagiert, eine Art Soundtrack zur Kritik an der Situation in Nahost: In den meisten Besprechungen von Avishai Cohens neuem Album Cross My Palm With Silver wird das Werk des Tel Aviver Ausnahmetrompeters als sein bislang politischstes beschrieben. Doch halt: politisch? Ein rein instrumentelles Werk, das ohne jeden Gesang auskommt?

Avishai Cohen selbst bejaht die Frage. Unbedingt sogar, wie er im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen verrät. »Es bewegt mich, was in meinem Land und in der Welt passiert. Und wie Politik uns als Menschen auseinanderdividiert. Letztlich wirft meine Musik auch die Frage nach unserem politischen Handeln in Israel auf«, sagt Cohen. »Es gibt eine schöne Redewendung im Jüdischen: Wenn du eine Seele rettest, ist es, als hättest du die ganze Welt gerettet. An diesem Punkt sollte die Politik ansetzen. Jeder von uns sollte tun, was in seiner Macht steht, um mitfühlend zu sein. Ich weiß nicht, wie sehr meine Musik das widerspiegelt, aber genau das fühlte ich, als ich sie schrieb.«

Dream-Team Für Cross My Palm With Silver hat sich der Trompeter neben Nasheet Waits (Drums) und Yonathan Avishai (Piano) mit Barak Mori (Double Bass) einen weiteren alten Freund ins Studio des Labels La Buissonne in Südfrankreich geholt, den er schon seit seinen Highschool-Tagen kennt. Cohen selbst spricht von seinem »Dream-Team«. Und die Harmonie zwischen den Musikern hört man.

Jeder bekommt Raum für eigene Improvisationen. Trotzdem ist am Ende ein homogenes Album entstanden, das Cohens Worten zufolge auch das ganze Chaos im Nahen Osten einfängt. Behutsam entwickelt sich das Zusammenspiel, als würde jeder der Musiker suchend nach einem Ausweg tasten.

Titel wie »Will I Die, Miss? Will I Die?« oder das zwölfminütige »Shoot Me In The Leg«, das mit elegischem Trompetensolo ausufert, unterstreichen Cohens kontemplativen Ansatz. Wie ein Requiem aus einer anderen Welt schallt seine Trompete am Ende einsam herüber, bevor sie ganz verstummt.

Als »Miles Davis der Gegenwart« wurde der Mann mit dem Hipster-Bart einmal bezeichnet. Mag das auch etwas hoch gegriffen erscheinen: Zu den besten Trompetern seiner Zeit zählt Avishai Cohen ohne Frage. Politik hin oder her.

Avishai Cohen: »Cross My Palm With Silver«. Ecm Records (Universal Music) 2017

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