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Nazistische Schmierereien – nur eine der Ausdrucksformen des Hasses, die in Berlin wissenschaftlich untersucht werden. Foto: dpa

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Um die künftige Leitung des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung gibt es Streit

von Philipp Gessler  03.05.2010 18:41 Uhr

»Man weiß gar nicht: Soll man lachen oder weinen?« Angelika Königseder versucht, die Angelegenheit mit Humor zu nehmen. Die Historikerin am Institut für Vorurteils- und Konfliktforschung e.V. an der Technischen Universität Berlin ist Attacken ausgesetzt, die zugleich das dortige Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) in ein trübes Licht rücken – oder rücken sollen.

hürden Das ZfA sucht einen Nachfolger für seinen langjährigen Leiter Wolfgang Benz, der im Herbst in den Ruhestand tritt. Um die Stelle haben sich viele Wissenschaftler beworben, sieben – darunter der Londoner Holocaust-Forscher Peter Longerich und der Bochumer Historiker Constantin Goschler – bekamen Mitte Februar die Möglichkeit, sich mit Vorträgen näher vorzustellen. Dieses im Uni-Deutsch sogenannte Vorsingen hat auch Königseder absolviert. Und hier beginnt der Streit. Der Publizist Matthias Küntzel warf dem ZfA auf seiner Website vor, es habe Königseders Hintergrund im Berufungsverfahren verzerrt dargestellt, um ihr Vorteile zu sichern. So sei sie nur als Mitarbeiterin ihres Instituts vorgestellt worden, obwohl sie de facto langjährige Mitarbeiterin des ZfA sei. Der Grund dafür laut Küntzel: Als externe Bewerberin wären die Hürden für Königseder niedriger denn als interne. Würde sie die Benz-Nachfolge antreten, wäre dies sonst eine Hausberufung. Die aber befürwortet die Universität nur in Ausnahmefällen.

hausberufung Königseder hält dagegen, ihre Bewerbung sei von den Juristen der Universität »auf Herz und Nieren geprüft« worden. Sie habe auch »nie ein Hehl aus meiner Nähe zu Herrn Benz gemacht«. Seit 1986, damals als studentische Hilfskraft im Institut für Zeitgeschichte in München, arbeite sie mit ihm zusammen. Aber sie sei nicht »der verlängerte Arm von Benz«. TU-Sprecherin Stefanie Terp betont, dass Hausberufungen »grundsätzlich möglich« seien. Bedingung: Der Bewerber oder die Bewerberin müsse nachweislich »um Längen besser sein als alle anderen Kandidaten«. Allerdings sei Königseder kein Mitglied der Universität, daher handle es sich formal auch um keine Hausberufung.

Dieser Meinung ist auch Juliane Wetzel, mit der Königseder seit Jahren im ZfA forscht. Das Institut für Vorurteils- und Konfliktforschung sei zwar räumlich im ZfA angesiedelt, auch sei Benz der Erste Vorsitzende des Vereins. Diese Nähe liege aber daran, dass diese Institution vor allem zu dem Zweck gegründet worden sei, gute Leute zu halten, die sonst aus rechtlichen Gründen nicht länger am ZfA angestellt werden könnten. Die Forscherinnen ärgert zudem, wie Küntzel zu seinen Informationen kam: Er habe sich beim »Vorsingen« eingeschlichen – eigentlich seien diese Vorträge nur »universitäts-öffentlich«, keineswegs aber für jeden zugänglich. Man habe sich gegenüber Küntzel aber »leider so kulant« gezeigt, so Wetzel, ihn im Saal zu lassen. Jedoch nur nach der Zusicherung, dass er nichts von dem Gehörten veröffentliche.

Ende 2008 hatte Küntzel das ZfA schon einmal öffentlich attackiert. Es ging um eine Tagung des ZfA über die Vergleichbarkeit von Juden- und Muslimfeindschaft. Viele, darunter Küntzel und der Publizist Henryk M. Broder, griffen das ZfA und Benz wegen dieses Tagungsthemas scharf an. Damit werde, so der Vorwurf, der Antisemitismus bagatellisiert.

motivforschung Königseder hält die Kritik an ihrer Person für eine »politische Strategie« Küntzels, der verhindern wolle, dass am ZfA auch über Muslimfeindschaft geforscht werde. Sie werde, falls sie die Stelle erhielte, daraus zwar »keinen Schwerpunkt« machen. Die Muslimfeindschaft sei es aber wert, behandelt zu werden. »Dafür stehe ich«, sagt sie klar.

Küntzel weist den Vorwurf zurück, er habe unerlaubt etwas veröffentlicht. Er habe lediglich zugesichert, die Vorträge inhaltlich nicht öffentlich zu bewerten. Und was die mögliche Hausberufung angehe, da gehe es nicht nur um das »scheinbar Formale«. Das ZfA sei ihm »äußerst wichtig«, deshalb befürchte er, dass aufgrund von möglichen »Tricksereien« »nicht die beste Qualität nach vorne kommt«.

Der Frankfurter Pädagogik-Professor Micha Brumlik sagt, es sei zwar »ein Unding«, dass Königseder als externe Bewerberin laufe: »Das geht einfach nicht.« Klar sei aber auch, so Brumlik, dass sich Benz seit dem Muslimfeindschaft-Kongress »unbeliebt gemacht« habe. Nun hätten Küntzel und Co. eben versucht, ihn »an anderen Stellen zu treffen«.

Verfahren Derweil geht das Auswahlverfahren seinen Gang. Wenn sich die Berufungskommission unter Leitung von Werner Bergmann, Professor am ZfA, auf drei Favoriten geeinigt hat, durchläuft die Liste mit deren Namen die Universitätsgremien und wird schließlich Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) vorgelegt. Falls der die Liste absegnet, steigt das ZfA in Verhandlungen mit den entsprechenden Kandidaten ein. Das Verfahren könne sich, betont Wetzel, noch »über den Herbst hinaus« hinziehen, wenn Wolfgang Benz bereits im Ruhestand ist. Namen, die bereits jetzt in der Öffentlichkeit kursieren, seien »reine Spekulation«, so Wetzel. Die Affäre, so scheint es, ist jedoch noch lange nicht ausgestanden. Küntzel hat angekündigt, das Verfahren weiter genau zu beobachten.

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