Israel

In Salz erstarrt

Sigalit Landau arbeitet dort, wo andere Urlaub machen – ausgerechnet zur denkbar ungünstigsten Jahreszeit: Im Hochsommer, wenn das Thermometer am niedrigsten Ort der Welt selbst im Schatten weit über 40 Grad anzeigt, steigt die Künstlerin mit ihrem Team in das aufgeheizte Salzwasser des Toten Meeres, wo ihre Kunstwerke unter Wasser entstehen.

Schuhe, Kleider, ein Cello und Kinderfahrräder hat sie bereits auf Zeit dort versenkt. Nach Tagen und Wochen im salzhaltigen Gewässer verwandeln sie sich in prachtvolle weiße und besonders schwere Kunstwerke. Die Salzkristalle, die sich an ihnen ablagern, wirken wie eine dicke, gefrorene Schneeschicht. Seit 2005 kommt Landau jeden Sommer für ihre Arbeit ans Tote Meer. Nun hat sie Bilder der Verwandlungsprozesse und der fertigen Werke in ihrem Buch Salt Years zusammengestellt, das demnächst auf Hebräisch erscheint.

vorbereitung Dass Landau ausgerechnet im Sommer ans Tote Meer fährt, hat chemische Gründe. »Für die Kristallisation wird eine bestimmte Temperatur benötigt. Wir kochen fast im Wasser«, erklärt sie. Spontan arbeiten, improvisieren, was sie sonst gerne tut, sei daher nicht drin: »Wir kommen sehr gut vorbereitet.«

Gewichte und Schnüre halten die Objekte unter Wasser, die sonst aufgrund des hohen Salzgehaltes an der Oberfläche treiben würden. Es entstehen außer den Skulpturen auch Fotografien und Videoinstallationen. Ein kristallisiertes Paar Schuhe hat Landau zum Beispiel im Winter in Danzig auf einen zugefrorenen See gestellt und gefilmt, wie diese nach einiger Zeit das Eis schmelzen, bis sie in den Tiefen des Sees verschwinden – eine Metapher für die Vergänglichkeit und tödliche Schönheit der Kunst. Das Video war Teil ihrer Ausstellung im Israel-Pavillon auf der Biennale in Venedig und machte sie schlagartig berühmt.

Sigalit Landau, die 1969 in Jerusalem geboren wurde und die meiste Zeit dort aufwuchs, hat viele Wochenenden ihrer Kindheit mit der Familie am Toten Meer verbracht. 2005 kam sie für ihr erstes Kunstprojekt an den Ort zurück, ließ sich für eine Videoinstallation nackt auf einem Teppich aus Wassermelonen treiben. Dabei kamen ihr neue Ideen. Die Arbeit 428 Meter unterhalb des Meeresspiegels wurde zu einem jährlichen Ritual.

Transporter Mit dabei: Fotograf Yotam From sowie Kunststudenten, die helfen, die Objekte zu versenken, wieder aus dem Wasser zu ziehen und auf einen Transporter zu laden. Vorsichtig, denn die Werke wiegen mehrere Kilo und sind nicht sonderlich robust – manchmal sogar zu fragil und schwer, um das Tote Meer überhaupt wieder zu verlassen: So ist von dem Kleid Crystal Bride aus dem Jahr 2016 nur ein zehn Kilogramm schwerer Ärmel übrig geblieben.

Die Idee war, den Verwandlungsprozess in acht Unterwasser-Bildern darzustellen. Der Rest des Kleides liegt heute irgendwo am Grund, überdeckt von Salzkristallen. Das Werk war eine Replik jenes Kleides, das die Schauspielerin Hanna Rovina in ihrer Rolle als besessene »Leah« in Der Dibbuk in den 20er-Jahren trug. Eine Schneiderin hatte das Kleidungsstück nachgenäht. Später hat Sigalit eine Kinderversion des Kleides versenkt, die leichter war – und heute Teil einer neuen Installation ist.

Landaus temporäres Atelier ist das untere Becken des Toten Meeres, dort, wo der Pegel nicht sinkt, sondern steigt, und wo der Zugang zum Wasser nicht durch sogenannte Sinklöcher erschwert wird. Jene Löcher, die aufgrund des fallenden Wasserspiegels an den Rändern entstehen und lebensgefährliche Fallen bilden, haben im nördlichen Teil bereits zur Schließung einiger Strände geführt.

Niemandsland Im Süden aber, dort, wo Chemieunternehmen Magnesium und Pottasche gewinnen, steigt der Pegel – und der Salzgehalt. »Das Tote Meer und die Umgebung haben sich seit meiner Kindheit sehr verändert. Die Lage im nördlichen wie im südlichen Becken ist dramatisch und unausgeglichen«, erzählt Landau. »Durch die Arbeit bin ich mit der Region verbunden. Überhaupt beeinflusst es den Körper und das Sein. Dort unten, am tiefsten Punkt der Erde, in diesem kolossalen Graben, einem symbolischen Ort, zu sein und zu kreieren, erweckt in mir ein Gefühl und neue, endlose Fantasien.«

Noch etwas macht das Wasseratelier so besonders: Es liegt sehr nah an der Grenze zu Jordanien. »Dort, wo ich arbeite, bin ich etwa gleich weit vom israelischen und vom jordanischen Ufer entfernt. Ich bin in einer Art Exterritorium, im Niemandsland, ich kann beide Länder in der Ferne sehen«, erklärt Sigalit Landau. Die beiden Seiten zu verbinden, Israel und Jordanien – diese Idee schwebt ihr schon seit einigen Jahren vor. »Es könnte eine Fußgängerbrücke werden, eine symbolische Brücke oder eine Friedensinsel. Meine Entwürfe und Modelle entwickeln sich ständig weiter«, erklärt Landau.

Vor einigen Jahren hat der frühere israelische Staatspräsident Schimon Peres Sigalit Landau bei der Idee einer Brücke unterstützt. Nun, sagt sie, muss sie nur noch die Gelegenheit finden, den derzeitigen Präsidenten Reuven Rivlin von dem Projekt zu überzeugen.

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026

Cannes

Hüller als Erika Mann, Eidinger als Gestapo-Chef

Das Programm der Filmfestspiele ist vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Ein Beitrag außerhalb des Wettbewerbs sorgte für Überraschungen

von Patrick Heidmann  21.05.2026

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026

Aufgegabelt

Schawuot: Käse-Bourekas

Rezepte und Leckeres

 21.05.2026

Berlin

Daniel-Ryan Spaulding: Pro-israelischer Comedian aus Kanada in Deutschland

»Wenn wir Freiheit, Demokratie und säkulare Werte verteidigen wollen, dann sollten wir alle an der Seite Israels stehen«, sagt der Künstler, der auch zum Aktivisten wurde

von Imanuel Marcus  21.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  21.05.2026

Würdigung

»Wo andere laut schweigen, lässt sie sich nicht unterkriegen«

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland würdigt in seiner Laudatio auf die Jüdische Allgemeine die Verdienste der Redaktion - und ihren Mut

von Abraham Lehrer  21.05.2026

Leipzig

Ausstellung zu jüdischem Leben und Bach

Johann Sebastian Bach hat sehr wahrscheinlich keine persönlichen Kontakte zu Jüdinnen und Juden gepflegt. Doch seine Werke wurden schon im 18. Jahrhundert von der jüdischen Community aufgeführt und verbreitet

von Katharina Rögner  20.05.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 21. Mai bis zum 3. Juni

 20.05.2026