Geschichte

In letzter Minute

Bordeaux 1940: Juden hoffen, Frankreich verlassen zu können. Foto: picture alliance / ullstein bild

Am Ende, als die allerletzten Möglichkeiten ausgereizt scheinen, findet der Menschenretter doch noch einen Ausweg: Aristides de Sousa Mendes, im Sommer 1940 portugiesischer Konsul im französischen Bordeaux, auf das die Wehrmachtstruppen unaufhaltsam vorrücken, vergibt im Stunden-, später dann im Minutentakt rettende Transitvisa.

Diplomaten An seiner Seite, unter dem Kruzifix an der Konsulatswand unermüdlich Pässe einsammelnd und dem Diplomaten zur Unterschrift vorlegend: Rabbi Chaim Krüger, der mit seiner Familie aus Warschau nach Antwerpen geflüchtet war und nun mit Tausenden anderen europäischen Juden in Bordeaux gestrandet ist. Nicht nur ihm und seiner Familie, sondern allen vom Tod Bedrohten müsse geholfen werden, hatte Rabbi Krüger gefordert.

Und der konservative Senhor Sousa Mendes, der zum wiederholten Male aus Diktator Salazars Lissabon per Telegramm den Befehl erhalten hatte, keine Flüchtlingsvisa mehr auszustellen, und dessen volles schwarzes Haar am 16. Juni, dem Tag der französischen Kapitulation, schneeweiß geworden war? Unterschreibt weiter, Pass für Pass. Für die Verzweifelten ohne gültige Dokumente gibt’s ein weißes Papier, darauf der lebensrettende Stempel.

Gegen den Befehl von Diktator Salazar stellte Sousa Mendes Visa aus.

Als er hört, dass sich im südlich gelegenen Bayonne weitere Flüchtlingskolonnen stauen, vor allem Juden, rast er in seinem Dienstwagen auch dorthin. »Sousa Mendes stellte einen Tisch auf die Rue du Pilori in Bayonne. Mit Regenmantel und Hut bekleidet, stempelte und unterschrieb er Visa unter freiem Himmel. Er setzte das sogar noch in seinem Hotelzimmer fort ... Später nennt das Yad-Vashem-Archiv eine Zahl von 1575 Visa, die Sousa Mendes allein in den Tagen vom 15. bis zum 22. Juni 1940 ausgestellt hatte.«

Von Diktator Salazar abgestraft und aus dem diplomatischen Dienst entfernt, starb Aristides de Sousa Mendes völlig verarmt 1948 in einem Franziskaner-Hospiz in Lissabon. 1961 aber wurde zu seinen Ehren, auch auf das Zeugnis des geretteten Rabbi Krüger hin, in der Jerusalemer »Allee der Gerechten unter den Völkern« ein Baum zu seiner Erinnerung gepflanzt; seit 1994 gibt es in Bordeaux ein Sousa-Mendes-Denkmal.

Pyrenäenroute Diese aufwühlende Geschichte, eingerahmt von anderen, nicht minder emotional bewegenden Flüchtlingshelferbiografien, findet sich in Dierk Ludwig Schaafs Buch Fluchtpunkt Lissabon. Der ehemalige ARD-Korrespondent setzt hier die Arbeit des Historikers Patrick von zur Mühlen fort, dessen Pionierarbeit Fluchtweg Portugal vor 26 Jahren erschienen war – ebenfalls im traditionsreichen Dietz-Verlag. Schaaf gelingt ein Meisterwerk anschaulicher Geschichtsschreibung, wie man es sonst eher aus angelsächsischer Provenienz kennt: eine überzeugende Kombination aus Zeitzeugenberichten und deren erinnerten Dialogen, biografischer Einordnung und politischer Hintergrundanalyse.

Aristides de Mendes Sousa war nämlich nicht der Einzige; es gab auch jenen Mann, der als »Professor Whitacker« in Anna Seghers’ wohl bestem Roman Transit verewigt ist, und den Hans Sahl in seinen Memoiren als »Schutzengel der Flüchtlinge von Marseille« würdigt: Varian Fry, der im Auftrag des amerikanischen Emergency Rescue Committee vor allem bedrohte Intellektuelle aus dem zur tödlichen Falle gewordenen Frankreich rettet – im Wettlauf mit der Zeit sowie gegen das State Department in Washington und das Konsulat in Marseille, deren Neutralismus in den meisten Fällen nur schlecht kaschierter Antisemitismus ist.

Der Amerikaner Varian Fry rettete zahlreiche Intellektuelle.

Und auch hier sind es jüdische Flüchtlinge, die dem Fluchthelfer beistehen, unter anderem Hans und Lisa Fittko, deren klandestine »Pyrenäenroute« bald Berühmtheit erlangen sollte. Max Ernst, Anna Seghers, das Ehepaar Werfel, Heinrich und Golo Mann, die Feuchtwangers, Varian Frys junger Mitarbeiter Hans Sahl – sie alle werden dank Frys geradezu tollkühnem Improvisationsgenie gerettet. Anderen dagegen, wie Walter Benjamin und den SPD-Politikern Rudolf Hilferding und Rudolf Breitscheid, misslingt die Flucht.

»Der Einzige, auf den Fry im amerikanischen Generalkonsulat rechnen konnte, war sein Freund Hiram Bingham. Dessen Vater, der Archäologe Hiram Bingham III, hatte in Peru die ehemalige Hauptstadt des Inka-Reichs, Machu Picchu, wiederentdeckt. Hannah Arendt, ihre Mutter sowie ihr Ehemann Heinrich Blücher erhielten US-Visa von Bingham, ohne dass die Voraussetzungen stimmten. Auch Bingham handelte klar außerhalb der Legalität.«

Denunziation Alsbald zwangsversetzt nach Buenos Aires, machte sich Bingham nach dem Krieg erneut mit der Forderung unbeliebt, alte Nazis aufzuspüren – er wurde danach Farmer und starb, ebenso wie der in den Nachkriegs-USA als »Kryptokommunist« denunzierte Varian Fry, vergessen und in Armut. Auch die Geschichte der tschechoslowakischen und niederländischen Konsule Vladimir Vochoc und Joop Kolkmann zeigt, dass Ethik sich gerade dann bewähren muss, wenn das sogenannte Machbare gar nicht mehr vorhanden ist: Obwohl ihre beiden Länder längst von den Nazis besetzt sind, stellen sie weiter Visa aus – und retteten wiederum das Leben Hunderter Menschen. Kolkmann bezahlte dafür mit seinem Tod im KZ Buchenwald.

Fluchtpunkt Lissabon lässt nun zahlreiche dieser tapferen und gleichzeitig völlig unprätentiösen Menschen in der Erinnerung wiederauferstehen – uns allen zur konkreten Mahnung, mit der gängigen Rechtfertigungsfloskel der »Sachzwänge« sehr, sehr vorsichtig umzugehen.

Dierk Ludwig Schaaf: »Fluchtpunkt Lissabon. Wie Helfer in Vichy-Frankreich Tausende vor Hitler retteten«. Dietz, Bonn 2018, 423 S., 32 €

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