München

Im Labyrinth der dunklen Zeiten

Jüdisches Zentrum in München mit Synagoge und Jüdischem Museum am Jakobsplatz Foto: imago/imagebroker

Der sphärische Eindruck, der beim Eintritt aufkommt, mag einen anfangs etwas verwirren: Man steht in einem dunklen, labyrinthischen Raumraster, das mit seinen dünnen Metallstäben, schwarzen Spiegelflächen und sichtschützenden Folien wie eine düstere Stadtstruktur aussieht.

Diese bietet den idealen Rahmen für 18 Einzelobjekte, die sich nach und nach entdecken lassen. Sie wirken wie exemplarische Wegweiser durch 1700 Jahre deutsch-jüdische Geschichte, zu der diese Ausstellung im Jüdischen Museum München ihren Beitrag leistet.

Als Reisebegleiter durch dieses »Labyrinth der Zeiten« fungiert Mordechai W. Bernstein (1905-1966). Seit den 1930er-Jahren war er Mitarbeiter des »Jüdischen Wissenschaftlichen Instituts« (YIVO) in Vilnius, das 1941 nach New York übersiedelte. Bernstein hatte die Schoa in der Sowjetunion überlebt und kam 1948 nach Deutschland. Vom YIVO erhielt er den Auftrag, Dokumente und Materialien zu suchen, die während der NS-Zeit geraubt worden waren oder diese Jahre versteckt überdauert hatten.

Von 1948 bis 1951 besuchte er rund 800 deutsche Städte und Dörfer, immer auf der Suche nach Überresten deutsch-jüdischer Kultur. Dabei stieß er in Archiven, Bibliotheken und Museen auf viele Dinge. Seine Ergebnisse veröffentlichte er ab 1955 in drei Bänden in jiddischer Sprache. Die Bandbreite reicht dabei von der Antike bis ins 20. Jahrhundert.

Am Anfang steht das Fragment einer Öllampe aus dem 4. Jahrhundert, das 1901 in Trier gefunden wurde. Auch der erste Hinweis auf jüdisches Leben in Deutschland stammt aus dieser Zeit, nämlich aus dem römischen Köln des Jahres 321. Weiter geht es mit einem Rechnungsbuch von 1619 aus Bamberg, das in die Seiten eines hebräischen Gebetsbuchs eingeschlagen war. Solche Zerstörungen hebräischer Handschriften waren leider kein Einzelfall.

Ein Opferstock aus Holz (um 1700) ist das letzte Relikt der jüdischen Gemeinde in Thannhausen bei Augsburg. Er steht noch heute am Eingang der Kapelle, die anstelle der abgebrochenen Synagoge errichtet wurde. Das christliche Bild und die Inschrift darauf wurden wohl aus der Zeit nach der Vertreibung der jüdischen Gemeinde 1718 dort angebracht.

Eine Rarität ist auch ein Hochzeitsstein von 1765 aus einer Synagoge in Rheinland-Pfalz. Er befand sich an der Außenwand und wurde dazu genutzt, bei Hochzeitsfeiern Gläser zu zerbrechen. Solche Steine tragen oft einen Stern mit der Aufschrift »Masel Tov«.

Architektonische Zeugnisse jüdischen Lebens finden sich gleichfalls - als nachgebaute Modelle. Dazu zählt das Ritualbad aus Friedberg in Hessen. Solche vom Grundwasser gespeisten »Mikwen« gehörten zu den zentralen Einrichtungen einer jüdischen Gemeinde und entstanden im Mittelalter in Deutschland als teilweise monumentale Anlagen. In Friedberg führen 72 Stufen einer gotischen Treppenanlage zum Tauchbecken in 25 Meter Tiefe.

Ein Lindenholzmodell zeigt die Hauptsynagoge Münchens, die 1887 in der Herzog-Max-Straße eingeweiht wurde. 50 Jahre lang stand der Prachtbau im neoromanischen Stil am Rande der Altstadt neben dem Künstlerhaus als Ausdruck jüdischen Selbstverständnisses und Symbol der hart erkämpften Gleichberechtigung. Auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers wurde sie am 9. Juni 1938 abgerissen.

Das anrührendste Exponat dürfte wohl eine verbrannte Tora-Krone aus Laupheim sein. Solche Kronen wurden über die beiden Stäbe der Tora-Rolle gesteckt. Während des Novemberpogroms 1938 brannten SA-Männer die Laupheimer Synagoge nieder. Die Tora-Krone, verrußt und verbogen, wurde später aus dem Brandschutt geborgen.

Eine Überraschung stellt die spätgotische Madonna mit dem Leichnam Jesu auf dem Schoß dar, die während des NS-Zeit im steinernen Tora-Schrein der Synagoge im mittelfränkischen Schnaittach aufbewahrt wurde - denn die zuvor zwangsverkaufte Synagoge war in ein Heimatmuseum umgewandelt worden.

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