Frankfurter Buchmesse

Im Bann der Vergangenheit

Im Auge des Betrachters: Besucherandrang auf der Frankfurter Buchmesse Foto: dpa

Von den neuen jüdischen Romanen des Herbstes beginnen zwei mit Beerdigungen, ein weiterer endet mit einer, in zwei anderen spielen sie, wenn auch ironisch, eine wichtige Rolle. Es wird viel geweint und gelacht und nachgedacht, vor allem über das Gestern. Viel hat man so oder so ähnlich in Buchform schon vor sich gehabt. Die jüdische Literatur steckt in keiner echten Krise, aber dafür in der Vergangenheit.

Drei Affen von Stephan Mendel‐Enk etwa – ein Buch, das man schon tausendmal gelesen hat, über die neurotische Kindheit in einer neurotischen Familie, in diesem Fall die Familie des kleinen Jacob in Göteborg. Es ist eine alte Geschichte, die immer funktioniert, wenn man nur »meschugge« auf den Buchrücken schreibt.

Die einzige Zumutung sind die konsequent kursiv gedruckten jiddischen und hebräischen Worte, selbst Geläufigstes wie Barmizwa und Chanukka, damit auch niemand auf die Idee kommt, hier werde etwas anderes gezeigt als eine verrückt andere Welt. Diese Juden wieder mit ihren komischen Worten und Sitten!

klischees Das ist eben auch ein Problem jüdischer Literatur: Dass sie stets als Klischee gesehen wird. Jeder Jude schreibt wie Philip Roth, jüdische Autoren sind so arm dran, dass sie noch nicht einmal eine Schublade haben. Jedes Buch über die Schoa ist »ein wichtiges Zeugnis wider das Vergessen«, egal, wie schlecht oder gut es geschrieben ist. Jede Familiengeschichte, wie die von Mendel‐Enk, ist angeblich »wie aus einem Film von Woody Allen« – dabei hat der sich, bis auf kurze Einsprengsel, nie viel um Kindheit geschert.

Dass diese Verklezmerung der jüdischen Literatur nicht weiter fortschreitet, ist auch Autoren wie Charles Lewinsky zu verdanken, der sich mit Juden fernab der nichtjüdischen Klischees beschäftigt, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Gerron ist sein vielleicht ambitioniertester Roman bislang – die Geschichte des Schauspielers Kurt Gerron aus der Ich‐Perspektive. Gerron gehörte Anfang der 30er‐Jahre als Darsteller in Erfolgsfilmen wie Die Drei von der Tankstelle und

Der blaue Engel und vor allem als erster Interpret der Moritat von Mackie Messer zu den beliebtesten Schauspielern der Weimarer Republik. 1933 flieht er in die Niederlande, von wo aus er 1943 nach Theresienstadt deportiert wird. Hier beauftragt die SS den ehemaligen Star mit der Produktion eines Propagandafilms. Gerron soll Der Führer schenkt den Juden eine Stadt drehen. Er willigt ein, in der Hoffnung, zu überleben, und auch ein bisschen aus Eitelkeit. Gerron ist ein verstörendes Buch, weil es sehr präzise den aufgebläht‐selbstherrlichen Tonfall tatsächlicher Memoiren vieler Ufa‐Stars einfängt – dabei ist der Erzähler kein Altmime im Ruhestand, sondern Lagerhäftling. Gerron dreht den Film und wird nach Auschwitz deportiert. Während der Zugfahrt endet das Buch.

schoa Ein ähnliches Thema behandelt der Roman Die Elenden von Lodz des schwedischen Autors Steve Sem‐Sandberg über den »Judenältesten« Mordechai Rumkowski, der als Kopf des Ältestenrates das Ghetto Lodz verwalten musste. Rumkowski ist eine kontroverse Person, vielleicht wirklich nur besessen von Macht, vielleicht tatsächlich irgendwann von guten Absichten getrieben, die ihn aber zur Kollaboration mit den Nazis brachten. Sem‐Sandberg zeigt ihn als tragische und widersprüchliche Figur, vergleichbar mit der Rolle von Alec Guinness in Die Brücke am Kwai. Mit dem Satz »Gebt mir eure Kinder!« stellt sich Rumkowski vor die Ghetto‐Bevölkerung – die Jungen und die ganz Alten sollen geopfert werden, damit die anderen überleben können.

Die Elenden von Lodz
gibt sich als moderner Klassiker. Ob er tatsächlich ein Erfolg wird, ist fraglich. Er bietet, anders als Die Wohlgesinnten von Jonathan Littell oder jüngst Der Friedhof von Prag von Umberto Eco, keinen Aufreizer, keinen Sex oder irritierende Nähe zu antisemitischer Verschwörung, der ihn zum Skandalerfolg machen könnte. Das Thema der jüdischen Verstrickung ist bekannt – schon Hannah Arendt hat Rumkowski in Eichmann in Jerusalem zum Holocaust‐Ermöglicher ge‐
macht, während sie Eichmann als banalen Schreibtischtäter präsentierte – und in seiner ganzen Brisanz vielleicht auch nur für eine auserwählte Leserschaft nachvollziehbar oder interessant. Die Startauflage von 80.000 Exemplaren ist mehr als mutig.

ironie Mit weniger Hype kommt Die Finkler‐Frage von Howard Jacobson nach Deutschland. Der Roman wurde mit dem Man Booker Prize 2010 ausgezeichnet. Jacobson eilt der Ruf eines britischen Philip Roth voraus. Und tatsächlich, es geht um Männer. Der gojische BBC‐Redakteur Treslove wird bei einem Überfall für einen Juden gehalten und ist darauf mächtig stolz, während der Populärphilosoph Finkler gerne zum Kulturestablishment gehören möchte und sich deswegen als glühender Antizionist gibt und die »ASHamed Jews« gründet – ASH natürlich wegen Asche und KZ. Lustiger und treffender als Die Finkler‐Frage kann ein Roman kaum sein.

Noch weiter aber geht Mischehe von Marc Weitzmann. Das Buch beginnt als Tatsachenroman, mit beängstigender erzählerischer Nähe zum wohlhabenden Tierarzt Jean‐Christophe Cottard, der von seiner Frau für den jüdischen Bohemien Gluckstein verlassen wird – der auch, so Cottards Vermutung, der wahre Vater des gemeinsamen Sohns ist. All das ist für den christlichen Cottard unerträglich. Er beschneidet sich selbst und lässt den »verweichlichten« Sohn mit Hakenkreuzbinde am Arm Sport treiben. Dann verschwindet das Kind plötzlich und ward nicht mehr gesehen. Cottard wird des Mordes angeklagt, der Fall wird zur Cause Célèbre in Frankreich. Die Namen sind geändert, aber sonst wird hier die reale »L’affaire Turquin« nacherzählt.

Dann schaltet sich der Erzähler Weitzmann ein. Der kommt gerade von der, natürlich, Beerdigung eines Onkels, auf der ihm der gesamte Hass seiner Familie zuteil wurde, die sich von seinem letzten Roman beleidigt fühlt, als er im Fernsehen Bilder vom Cottard‐Prozess sieht. Der Fall fasziniert ihn, wird zur Obsession – und zur großen Story: »Der Zweifel an seiner Vaterschaft war ihm unerträglich, er hat das Kind verurteilt, hat die Leiche seines jüdischen Sohnes verbrannt, in den Ofen gesteckt. Hier, in Frankreich, kurz vor Anbruch des 21. Jahrhunderts. Fantastisch! (frohlockte ich).«

parodie Das ist eine bittere, böse, bemerkenswerte Pointe. Hier ohrfeigt sich ein Autor dafür, dass er von Tod und Grauen fasziniert ist, weil sie ihm doch nur Antrieb für die eigene Literatur und die ewig gleiche Selbstreflexion sind. Es geht in Mischehe nicht, wie in einer Deutschlandfunk‐Rezension behauptet, um »das schleichende Gift des Philosemitismus« (als ob Antisemitismus dann das Antidot wäre!), sondern um Erinnerung. Von »vergrabener Vergangenheit« hält Weitzmann nicht viel – bei ihm ist sie verbrannt, zu Staub und Asche geworden, für immer verschwunden. Mischehe ist eine finstere Parodie auf das Genre »jüdische Literatur«. Weitzmann schafft es, vom Schreiben und vom Leben gleichzeitig zu erzählen – und von der Schnittstelle, die für ihn den Namen »Judesein« trägt.

Stephan Mendel‐Enk: Drei Affen. Ullstein, Berlin 2011, 192 S., 18 €

Charles Lewinsky: Gerron. Nagel & Kimche, Zürich 2011, 544 S., 24,90 €


Steve Sem‐Sandberg: Die Elenden von Lodz. Klett‐Cotta, Stuttgart 2011, 651 S., 26,95 €


Howard Jacobson: Die Finkler‐Frage. DVA, München 2011, 448 S., 22,99 €


Marc Weitzmann: Mischehe. Schoeffling, Frankfurt 2011, 296 S., 19,95 €

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