Raubkunst

Im Auftrag Görings

Es sei der größte Fall, der die Limbach‐Kommission je beschäftigt hat. Mel Urbach, selbst Sohn von Schoa‐Überlebenden und seit fast 20 Jahren auf Restitutionsfragen spezialisiert, ist sich da sicher. Der New Yorker Rechtsanwalt ist gemeinsam mit seinem Marburger Kollegen Markus Stötzel Bevollmächtigter der Erben der Kunsthändler Issak Rosenbaum, Saemy Rosenberg, Julius Goldschmidt und Zacharias Max Hackenbroch.

Sie hatten im Juni 1935 dem preußischen Staat für 4,2 Millionen Reichsmark den früheren Kirchenschatz des Braunschweiger Doms verkauft, obwohl er damals bis zu sieben Millionen wert gewesen sein soll. Von den 82 Braunschweiger Preziosen sind heute 42 im Besitz des Berliner Kunstgewerbemuseums, das zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) gehört. Diese Teile des Schatzes – 40 weitere Stücke wurden von US‐Museen und amerikanischen Privatleuten erworben – machen kunsthistorisch den Löwenanteil des Konvoluts und fast 100 Prozent seines Wertes aus.

preisdrückerei Die achtköpfige Kommission, die mit Raubkunst und deren Rückgabe an die Erben befasst ist, wird sich am Dienstag, den 17. September, unter dem Vorsitz der ehemaligen Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes Jutta Limbach zu der strittigen Frage äußern, ob die als Welfenschatz bekannte Sammlung als NS‐Raubgut zu gelten hat und deshalb an die Erben zu restituieren ist. Nachdem der Fall im Jahr 2009 zugunsten der SPK entschieden schien, zeichnet sich nach intensiven Recherchen nun eine überraschende Wende ab.

Ein Archivfund der Dresdner Bank, an die der Schatz 1935 formal verkauft worden war, förderte die kompletten Unterlagen der Transaktion zutage, darunter auch eine persönliche Anweisung Hermann Görings, der die Kunstgegenstände »aus völkischen Gründen« haben wollte und sein spezielles Interesse am Erwerb intern mit Nachdruck kommunizieren ließ.

Schon 2009 war bekannt, dass beim Welfenschatz‐Geschäft Strohmänner eingesetzt worden waren und die Identität der wahren Kaufinteressenten den jüdischen Verkäufern bis zum letzten Moment verschwiegen wurde. »Ihnen wurde ein Tuch vor die Augen gehalten«, sagen die Rechercheure und sprechen von Manipulation.

strohmänner Ziel der Strohmann‐Strategie war es offenbar, den Preis radikal zu drücken, um schließlich im letzten Moment einen erheblichen Nachlass förmlich abzupressen. Mit jenen 40 Prozent Museumsrabatt, die öffentlichen Sammlungen wie Privatsammlern schon mal eingeräumt werden, hatte das nichts zu tun. »Nachweislich griff der Preußische Staat massiv in die Kaufpreisfestsetzung ein«, sagt Urbachs Marburger Kollege Markus Stötzel.

Erst kurz vor Abschluss des Geschäftes erfuhren die Welfenschatz‐Anbieter, die bis Anfang 1935 von ihrer Kaufpreisvorstellung nicht abgerückt waren, dass sie es mit Göring zu tun hatten – seit 1933 Ministerpräsident von Preußen und Erfinder der Konzentrationslager –, mithin der Macht, die sie verfolgte. Die Notlage der jüdischen Geschäftsleute, das scheinen die jüngsten Rechercheergebnisse zweifelsfrei zu ergeben, wurde besonders skrupellos ausgenutzt. Taktische Spielchen Görings trieben die vom Berufsverbot bedrohten Familienväter, »die vorm Scherbenhaufen ihrer beruflichen Existenz standen«, wie Stötzel es formuliert, in die Enge.

Seit 2009 beschäftigt der Welfenschatz die Öffentlichkeit. Im April 2008 bekam die Stiftung Preußischer Kulturbesitz das Rückgabeersuchen auf den Tisch. Nicht restlos geklärt werden konnte damals, ob das Kunsthändlerkonsortium sein Geld erhielt. »Der Abgang der Mittel ist nicht belegt«, sagte SPK‐Präsident Hermann Parzinger in einem Interview mit dem Tagesspiegel im Mai 2009.

Eine »Kette von Indizien« spreche indes »sehr stark dafür«, dass sie »tatsächlich geflossen sind«. Die Kaufsumme hatte der Preußische Staat an die Dresdner Bank überwiesen. Dort verlor sich die Spur des Geldes. Freilich hat sich auch der vermutlich auf acht Millionen Reichsmark für den gesamtem 82‐teiligen Schatz lautende Kaufvertrag nicht erhalten, 1929 geschlossen zwischen den Konsorten und dem herzoglichen Haus Braunschweig‐Lüneburg, das damals aus einer finanziellen Schieflage heraus verkaufen musste, was den Wert des Schatzes von Anfang an zum Gegenstand von Spekulation machte.

kommission Verliert Berlin nun möglicherweise Kuppelreliquiar, Welfenkreuz, Eilbertus‐Tragaltar und andere Preziosen? Mel Urbach will nicht spekulieren. Aus Respekt vor der Limbach‐Kommission wäre jeder Kommentar vor dem 17. September unangemessen, so der amerikanische Jurist. Überzeugt ist er aber schon jetzt, dass ein belastbares Ergebnis in Sicht ist: »Ich glaube, dass dieses renommierte Gremium zu einer gerechten Entscheidung finden wird. Die Mitglieder behandeln derartige Fälle mit großer Ernsthaftigkeit und mit dem nötigen geschichtlichen Hintergrundwissen.«

Schließlich sei die Limbach‐Kommission die Adresse für Restitutionsangelegenheiten schlechthin. Auch Markus Stötzel ist sich sicher: »Ich habe volles Vertrauen, dass die Kommission zu einem Urteil gelangen wird, das den seit 2009 mittlerweile sehr gut erforschten Umständen, unter denen der NS‐Preußenstaat unter Hermann Göring 1935 in den Besitz der Sammlung gelangte, Rechnung trägt.«

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gab sich bislang »eisenhart«, so Stötzel. Das dürfte sich nächste Woche ändern.

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