Deborah Feldman

Im Abseits

Von einer seriösen Autorin zur Eine-Frau-Social-Media-Hassfabrik: Deborah Feldman Foto: IMAGO/Matthias Reichelt

Gibt es eine Person im deutschen Literatur- und Medienbetrieb, die in Interviews und auf Social Media irritierender agiert als Deborah Feldman? Die Posts auf Instagram und X (ehemals Twitter) absetzt, die noch weiter von moralischen Maßstäben entfernt wären als die der Autorin, der 2012 mit ihrem eindrucksvollen Buch Unorthodox ein Weltbestseller gelang?

Gibt es eine Person im Literatur- und Medienbetrieb hierzulande, die in ihren öffentlichen Statements – man muss es so deutlich sagen – niederträchtiger und bösartiger auftritt als Deborah Feldman?

Es ist nicht gänzlich ausgeschlossen, aber sehr wahrscheinlich ist es nicht.

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Verschwörungstheorien, Menschenhass pur, »Witze« mit selbst erstellten Fake-Goebbels-Zitaten, das Markieren von Personen als Feinde, öffentliche Aufrufe zum Denunzieren und zur Demontage von israelsolidarischen Aktivisten: Was die Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen auf Social Media beobachten konnte, war die veritable Selbstdemontage einer einstmals geachteten Schriftstellerin in Echtzeit. Es ist ein beunruhigender, höchst irritierender Prozess einer Selbstradikalisierung, der sich vor aller Augen vollzogen hat und in dem Social Media eine ganz zentrale Rolle spielt.

»Deborah Feldman möchte ihre Opfer zerstören.«

Anna Staroselski

Auf X stellt sie Menschen bloß, die anderer Meinung sind als sie selbst, macht sie verächtlich, stellt sie in Trump- oder Kanye-West-Manier an den digitalen Pranger und fordert die eigenen Follower dazu auf, ihr kompromittierendes Material über in der Öffentlichkeit stehende Juden zuzuschicken. Was möchte die Publizistin mit ihren Angriffen bezwecken? Und wie ist es zu der Wandlung von einer seriösen Autorin zur Eine-Frau-Social-Media-Hassfabrik gekommen?

Auf Anfrage dieser Zeitung mochte Feldman sich nicht äußern. Doch wer Antworten auf diese Fragen will, kommt an Feldmans aktuellem Buch Judenfetisch nicht vorbei, das unlängst bei Luchterhand erschienen ist. Die Hauptaussage ihrer Einlassungen: Es gibt keine Juden in Deutschland. In der Bundesrepublik gebe es nur Nichtjuden, die Juden darstellen. Die jüdischen »Kontingentflüchtlinge«, die aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert sind? Laut Feldman zu 90 Prozent allesamt keine Juden. Der Rest: mehr oder weniger alles vom Christentum zum Judentum Übergetretene, die sich mit der Schuld ihrer Vorfahren nicht auseinandersetzen mögen.

Veritable Selbstdemontage einer einstmals geachteten Schriftstellerin in Echtzeit

Gleich einer Obsession, diese nun zu »enttarnen«, attackierte sie in jüngster Zeit zahlreiche öffentlich bekannte deutsche Juden. Feldman greift sie auf Social Media frontal an und will deren angeblich vorgespielte jüdische Identität entlarven. Es ist ein wahnwitziges Schauspiel: Vollkommen entgrenzt veröffentlicht sie in Echtzeit Nachrichten aus persönlichen Chats oder kopiert Kommentare aus Instagram und X, die sie wiederum veröffentlicht, um eine Person nach der anderen öffentlich zu demontieren. Flankiert wird dies zu allem Überfluss auch noch mit ironisch-hämischen Kommentaren.

Dabei werden Persönlichkeiten aus Politik, Nichtregierungsorganisationen und Kultur vermeintlich als »Nichtjuden« entblößt und beleidigt. Es sind Namen wie die Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD), Hanna Veiler, die Schriftstellerin Mirna Funk, die Publizietin Sarah Cohen-Fantl oder der Star-Pianist Igor Levit, die Feldman öffentlich verleumdet. Die Sache nimmt kein Ende, und hier stellt sich ernsthaft die Frage, welches Ziel Feldman damit verfolgt.

Personen zu diskreditieren, die sich im Dienste der jüdischen Sache für einen kons­truktiven Dialog einsetzen oder sich im Kampf gegen Antisemitismus engagieren: Was bringt der Deutsch-Amerikanerin diese sadistisch anmutende Spielerei, die ihr sichtlich Spaß zu machen scheint?

Hetzaufrufe an die eigene Followerschaft

Eine Jüdin, die von dem hasserfüllten Furor der reichweitenstarken Autorin betroffen ist, ist Anna Staroselski. Die ehemalige JSUD-Vorsitzende und heutige Sprecherin des Vereins »WerteInitiative. jüdisch-deutsche Positionen« geriet unvermittelt in Feldmans Visier. Zitiert werden sollen an dieser Stelle nicht die unhaltbaren Aussagen Feldmans, um diese nicht zu reproduzieren. Wohl aber soll erzählt werden, was dieser Furor des Hasses mit Staroselski macht.

»Hetzaufrufe an die eigene Followerschaft kannte ich bislang nur von Antisemiten und Rassisten. Deborah Feldman artikuliert Menschenhass in Reinform, greift öffentlich ihr unliebsame Personen unter der Gürtellinie an und scheint sich dabei köstlich zu amüsieren«, sagt die 28-Jährige auf Anfrage. »Wo das Argument fehlt, zieht sie in persönliche Rachefeldzüge mit dem Ziel, ihr gewähltes Opfer zu zerstören.« Ihre Sprechposition nutze sie, um Antisemitismus zu bagatellisieren.

Die einstmals hoch geachtete Autorin radikalisiert sich in Echtzeit – vor aller Augen.

Wie eine solche Person von Medien und Gesellschaft zur Ikone der Humanität stilisiert werde, sei ihr unerklärlich, so Staroselski. »Ich bin entsetzt. Nicht nur davon, dass Frau Feldman wirre Meinungen und Anschuldigungen verbreitet, sondern dass Medien und andere Akteure sich geradezu voyeuristisch an den Äußerungen dieser Frau laben.«

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Mindestens ebenso irritierend: Seit Monaten behauptet die Autorin, die »Jüdische Allgemeine« habe davon fantasiert, dass Feldman eine Geisel in Gaza sein solle, ja, dass ihr die Zeitung gewünscht habe, tödliche Gewalt erfahren zu sollen.

Wahr ist, dass ein freier Autor dieser Zeitung in einem privaten Facebook-Post etwas über eine Gruppe von Menschen – deren Teil Feldman ist – geschrieben hat, was verletzend war. Von dem Post des freien Autors hat sich diese Zeitung öffentlich distanziert. Seitdem wird diese Zeitung überflutet von Hass-Nachrichten, die die Follower Feldmans an uns richten.

Emanzipation von der »angeborenen« Identität

So funktioniert das Prinzip Fake News: Es bleibt immer etwas hängen. Die Wahrheit bleibt auf der Strecke.

Feldman hat zumindest in jener Hinsicht recht, wenn sie all diejenigen verurteilt, die mittels gezielt eingesetzter Lüge schneller an ihr Ziel kommen wollen. Das ist moralisch verwerflich. Doch das betrifft nur einige wenige. Ihr Ausbruch aus der Satmarer Orthodoxie und ihre Emanzipation von der »angeborenen« Identität sollten kein Persilschein sein, um mit dem Finger auf die jüdische Identität von anderen zu zeigen, und sei sie auch so komplex wie Feldmans eigene. Argumente sollten in wohlüberlegten Gedanken formuliert werden, nicht in einer regelrechten Jagd auf Personen.

Deborah Feldman täte gut daran, ihren Status als Meinungsmacherin in Deutschland so zu nutzen, dass die innerjüdische Debatte seit dem 7. Oktober mit reflektierten Argumenten befeuert würde und nicht mit persönlichen Verunglimpfungen und Verleumdungen. Auch Feldman trägt eine Verantwortung dafür, dass mit ihrer willkürlichen und substanzlosen Infrage­stellung der Identität anderer Juden in Deutschland letztlich gerade jetzt Munition für Judenhasser geliefert wird.

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