Mental Health

»Ich wollte das Stigma loswerden«

Bei ihrer Chuppa am 11. Juli 2019: Eleanor Segall und Robert Mandelstam Foto: privat

Frau Segall Mandelstam, Sie haben ein Buch über Ihre bipolare Störung veröffentlicht – eine Diagnose, die Sie mit 16 bekamen. Sie haben Hochschulabschlüsse in Theaterwissenschaft und Literatur, arbeiten als Journalistin, sind Bloggerin und haben vergangenes Jahr geheiratet. Wollten Sie andere Menschen ermutigen?
Ja, das war einer der Gründe, warum ich damit an die Öffentlichkeit gegangen bin. In den Medien gibt es immer noch dieses Bild von psychisch Kranken, die nicht in der Lage sind, etwas zu erreichen oder ihr Leben so zu führen, wie sie wollen. Es gibt viele Menschen mit bipolaren Störungen, mit Depressionen oder Angstattacken, die angesichts meiner Geschichte über ihre eigenen Erfahrungen reflektieren können. Ich wusste immer, dass ich meine Story eines Tages mit anderen teilen würde, um dieses Stigma loszuwerden. Es ist nämlich einfach nicht wahr, dass jemand, der an einer psychischen Erkrankung leidet, die ganze Zeit krank ist. Man kann sich wieder erholen, und es gibt auch gute Zeiten.

Ihr Buch heißt »Bring me to Light« – das passt zu Chanukka. Was verbinden Sie mit dem Lichterfest?
Ich liebe Chanukka, weil es eine Zeit für die Familie ist, für Freunde, eine Zeit der Hoffnung und Freude, in der wir das Licht in der Dunkelheit leuchten lassen. Ich liebe Latkes, Sufganiot und das Anzünden der Chanukkakerzen.

In Corona-Zeiten fühlen sich viele Menschen einsam und verzweifelt. War das der Grund, warum Sie in London das Corona Cards Project gestartet haben?
Ja, das war schon im März, als Großbritannnien im ersten Lockdown war. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt meinen Job aufgegeben, ich hatte Panikattacken und war zu Hause. Ich hatte also Zeit, und die Karten waren für mich ein Weg, nicht nur mir, sondern auch anderen zu helfen. Zusammen mit einem kleinen Team habe in fünf Monaten Hunderte von selbstbemalten Karten an Menschen geschrieben, die sich im Lockdown alleine fühlten, zum Beispiel für ältere Menschen und für Kinder, das Interesse war sehr groß. Inzwischen habe ich wieder einen Job gefunden, aber es könnte sein, dass ich dieses Projekt wieder aufnehme. Es war für mich sehr erfüllend.

Wo arbeiten Sie heute?
Ich habe einen Job bei »The Body Shop« als unabhängige Beraterin, betreibe mein blog und arbeite als freie Journalistin.

Sie sind in einer jüdischen Familie aufgewachsen. Hat Ihnen die Tradition in schwierigen Zeiten Halt gegeben?
Meine Familie ist traditionell, wir haben zu Hause Schabbat gefeiert. Als ich 20 war, habe ich mich von meinem Freund getrennt. Damals bin ich religiöser geworden und habe angefangen, mehr zu beten und mich an die Gebote nach orthodoxer Auslegung zu halten. Der Glaube hat mir definitiv geholfen, schwierige Zeiten zu überstehen. Mit 16 war ich zum ersten Mal in einem psychiatrischen Krankenhaus und hatte meinen Siddur dabei. Wenn man weit weg von der Familie ist, und alles so düster und beängstigend erscheint, ist das Gebet eine große Hilfe. Ähnlich war es auch im Jahr 2014, als ich noch einmal mehrere Monate im Krankenhaus war. In dieser Zeit hat mich mein Rabbiner jede Woche besucht, das war wirklich großartig, er hat mir auch Hühnersuppe vorbeigebracht. So viele Menschen aus der Gemeinde haben mich unterstützt, und das war sehr wichtig für mich, denn das Krankenhaus ist in einem Vorort von London, wo es kein koscheres Essen gibt. Meine Familiengeschichte während der Schoa lässt mich außerdem der Überzeugung sein, dass unser Überleben ein Wunder war. Ich habe aus diesem Grund einen sehr starken Glauben. Aber ich weiß, dass nicht jeder das hat, das ist eine persönliche Angelegenheit.

Ihr Urgroßvater kommt aus Iasi in Rumänien, wo 1941 ein verheerendes Pogrom an mehr als 13.000 Juden verübt wurde. Ihr Großvater wuchs in Berlin auf und kam 1939 nach England. Hat er über seine Geschichte gesprochen?
Ich habe ihn vor acht Jahren danach gefragt und alles aufgeschrieben, was er mir erzählt hat. Damals begann er, dement zu werden, und ich habe befürchtet, dass die Geschichte sonst verlorengeht.

Wie hat die Familiengeschichte Sie geprägt?
Meine Eltern sind beide aschkenasische Juden, und wir haben viele Familienangehörige in der Schoa verloren. Ich denke oft daran, dass wir eigentich gar nicht hier sein sollten. Aber es gibt uns trotzdem, und ich war immer sehr stolz auf mein Judentum und wollte selbst eine jüdische Familie gründen. Es gibt Leute, die behaupten, dass psychische Erkrankungen auf ein Trauma zurückzuführen sind. Aber ich weiß nicht, ob das stimmt.

Zurück zu Ihrem Buch: Sie beschreiben Ihre Arbeit als Freiwillige bei JAMI, der »Jewish Association for the Mentally Ill« in London, und Ihre Beteiligung an einem »Mental Health Awareness Shabbat«. Was genau ist das?
Ich bin immer noch auf der Freiwilligenliste von JAMI, aber ich war dort schon eine Weile nicht mehr aktiv. Den »Mental Health Awareness Shabbat« habe ich im Jahr 2017 mitbegründet, um mehr Bewusstsein für seelische Gesundheit zu schaffen. Er wurde ursprünglich von Rabbiner Daniel Epstein von der Cockfosters & N Southgate Synagogue in London ins Leben gerufen. Meine Aufgabe war es, andere Synagogen und Gemeinden in Großbritannien zu kontaktieren und die Rabbiner zu überzeugen, eine Drascha über seelische Gesundheit zu halten. Mehr als 100 Synagogen haben schließlich teilgenommen. Und ich habe danach mehrere Vorträge zusammen mit meinem Vater gehalten, der auch an einer bipolaren Störung leidet – einmal hatten wir 150 Zuhörer in einer Gemeinde. Das war ziemlich beängstigend, vor allem für jemanden wie mich, die auch an Panikattacken leidet, aber es war die Sache auf jeden Fall wert.

Ihr Vater Mike Segall hat einige Passagen zu Ihrem Buch beigesteuert. Er berichtet, dass er jahrelang an manischen und depressiven Episoden litt, die aber nicht diagnostiziert wurden. Glauben Sie, er hätte weniger gelitten, wenn er die richtigen Medikamente bekommen hätte?
Das waren damals andere Zeiten. In den 90er-Jahren war das Bewusstsein für bipolare Störungen bei Allgemeinärzten wenig entwickelt. Die Krankengeschichte meines Vaters dauerte neun Jahre, bis er zum ersten Mal einen Psychiater sah – das war nach drei schweren Manien und drei schweren Depressionen. Vorher gab man ihm Valium, und seine Diagnose wurde komplett übersehen. Er war wirklich sehr krank. Einmal saß er im Auto und wäre am liebsten gegen eine Wand gefahren. Meine Mutter wusste damals nicht viel über bipolare Störungen, aber sie hat dafür gesorgt, dass er – das war im Jahr 2000 – endlich zu einem Psychiater überwiesen wurde. Sie hat sich schreckliche Sorgen gemacht und gesagt: »Jetzt reicht es.« Der Psychiater hat meinem Vater Lithium verschrieben, ein stimmungsstabilisierendes Medikament. Aber natürlich wäre es besser gewesen, wenn es nicht so lange gedauert hätte.

Sie haben gemeinsam mit Ihrem Vater Ihre Geschichte auch 2019 beim Limmud-Festival in England erzählt. Ist es schwierig, einen Vater zu haben, der an derselben Störung leidet?
Ich denke, wir haben beide Glück – mein Vater und ich –, weil Lithium bei uns wirkt und unsere Stimmungen stabilisiert. Natürlich sorgen wir uns umeinander, aber wir hatten auch schon immer eine enge Beziehung. Ich bin in sehr jungem Alter erkrankt, und es hat mir geholfen, dass mein Vater wusste, wie ich mich dabei fühle. Manchmal hat er auf mich aufgepasst, wenn ich krank war. Er hat mir Halt gegeben. Früher hat er sich immer sehr viele Gedanken darüber gemacht, was die Leute wohl über ihn denken. Seit er angefangen hat, offen über seine Erkrankung zu sprechen, hat er herausgefunden, dass es die Leute gar nicht besonders kümmert. Niemand hat ihn als Aussätzigen behandelt, wie er zunächst befürchtet hatte.

Glauben Sie, dass psychische Erkrankungen in der orthodoxen jüdischen Gesellschaft besonders tabuisiert sind? Sie schreiben über Ihre erste hypomane Phase während einer Israel-Reise. Anschließend warf man Ihnen vor, hinter jedem Jungen her zu sein …
Ich war damals erst 16 und wurde von anderen Jugendlichen als viel zu anhänglich, überkanditelt und arrogant wahrgenommen. Aber meine guten Freunde haben gemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmte. Sie haben meine Mutter kontaktiert und ihr gesagt: »Ellie muss zurück nach Hause. Das ist nicht ihr normales Verhalten.« Ich musste die Reise vorzeitig abbrechen und habe mich hinterher sehr geschämt. Denn als Teenager möchte man einfach nur so sein wie alle anderen. Ich habe nicht versucht, anderen im Nachhinein etwas zu eklären. Ich habe es einfach weggepackt.

In Ihrem Buch stellen Sie die Frage, wie sehr Ihre Persönlichkeit von den Stimmungsschwankungen beeinträchtigt wird – und wer Sie sind, wenn Sie manische oder depressive Episoden »abziehen«. Ist das schwer zu beantworten?
Ich hatte in meinem Leben glücklicherweise nur zwei manische Episoden. Die depressiven Episoden sind viel dominanter, aber beide Male, als ich manische Episoden hatte, endeten sie in einer Psychose und dann im Krankenhaus. Ich habe Glück, weil meine Medikamente wirken und diese Zustände nicht zu meinem Alltag gehören. Seit sechs Jahren war ich nicht mehr in einer Klinik.

Haben Sie trotzdem Angst, dass es sich wiederholen könnte?
Ich habe sowieso oft Angst. Als mir eine Krankenschwester 2014 sagte, dass die Medikamente nicht helfen könnten, dachte ich: Oh Gott, das darf auf keinen Fall passieren. Ich mache mir aber auch Sorgen wegen der Nebenwirkungen der Medikamente, ich habe deswegen viel zugenommen, ich fürchte mich vor Diabetes oder Nierenversagen. Ich mache mir auch Sorgen, weil mein Mann mich noch nie in einem wirklich kranken Zustand gesehen hat. Ich hoffe, es wird nie soweit kommen. Aber bei einer bipolaren Störung weiß man das nie.

Sie sind jetzt 32. Trete ich Ihnen zu nahe, wenn ich Sie frage, ob Sie Kinder haben wollen?
Nein, ich spreche gern darüber. Natürlich weiß ich, dass es in unserer Familie eine genetische Disposition für die bipolare Störung gibt. Mein Vater hat sie, ich habe sie, und wir haben auch Cousins in den USA, die ebenfalls daran leiden. Ich glaube, die Chance, die Störung zu vererben, liegt zwischen elf und 25 Prozent, und natürlich ziehe ich das bei meinen Überlegungen in Betracht. Ich hätte sehr gerne Kinder, aber unter Medikation ist das komplizierter als normalerweise, und ich möchte nicht wieder krank werden. Aber Kinder hätte ich trotzdem gerne ….

Mit der britischen Autorin sprach Ayala Goldmann. Eleanor Segall: »Bring Me to Light: Embracing My Bipolar and Social Anxiety«, Trigger Publishing, London 2019, 190 S., £ 5,99

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