Musik

»Ich will das Eis brechen«

»Wagner, den Musiker, und Wagner, den Judenhasser, muss man trennen«: Roberto Paternostro Foto: dpa

Herr Paternostro, Sie spielen am 26. Juli mit dem Israel Chamber Orchestra (ICO) in Bayreuth Werke von Mahler, Mendelssohn sowie des zeitgenössischen israelischen Komponisten Zvi Avni – aber auch Musik von Wagner. Wie kam es zu dem Auftritt?
Ich liebe und dirigiere die Musik Wagners seit vielen Jahren, und ebenso bin ich Israel sehr verbunden. Nicht nur beruflich durch meine Arbeit als Dirigent, sondern auch persönlich – viele meiner Verwandten leben in Israel. Als ich die Position als Chefdirigent des ICO in Tel Aviv antrat, war es mein Bestreben, beides irgendwie miteinander zu verbinden. Ich war mir klar darüber, dass es nach wie vor sehr schwer ist, in Israel Wagner zu spielen. Aber ich wollte einen Weg finden, das Eis zu brechen.

Auf Bayreuther Seite war es vor allem Katharina Wagner, die dem Konzert den Weg geebnet hat.
Ja. Ich kenne Katharina Wagner wie auch ihren Vater schon seit Längerem. Es war ein glücklicher Zufall, dass ihre neuen offenen Ideen für Bayreuth mit meinem Plan zusammenfielen. Ich habe mit ihr darüber gesprochen, und sie war sofort von der Idee angetan und hat mich als Schirmherrin des Konzertes – das die Stadt Bayreuth veranstaltet – sehr unterstützt.

In Israel gab es zum Teil heftige Kritik an dem Konzertprojekt. Sie haben trotzdem an Ihrer Entscheidung festgehalten.
Ich muss zunächst sagen, dass es vor allem eine künstlerische Entscheidung war, das Konzert zu machen. Ich bin kein Politiker. Und ich will sehr klar betonen, dass ich die Vorbehalte der Menschen verstehe, die dagegen sind. Ich möchte niemanden verletzen. Ich habe die Idee auch mit meiner Familie besprochen, die selbst viele Opfer der Schoa zu beklagen hat. Noch vor meiner Entscheidung habe ich in vielen Gesprächen mit Musikern in Israel Neugier und Offenheit gespürt, sich auch mit dieser Musik zu beschäftigen. Im Übrigen: Wir zwingen niemanden, Wagner zu hören. Und es war natürlich auch den Musikern des Orchesters freigestellt, zu fahren und zu spielen. Aber alle werden fahren.

Trotzdem: Kann man, darf man den Musiker Wagner vom Antisemiten Wagner trennen?
Ja. Ein Stück wie das sehr zarte und sanfte »Siegfried Idyll«, das wir spielen werden –ist das antisemitisch? Wagner ist aber in Israel für manche zu einem Symbol geworden, für alles Schreckliche, das man – zu Recht oder auch nicht – damit verbindet. Interessanterweise gibt es kein Problem mit Komponisten, die zu Lebzeiten Hitlers sehr aktiv in Deutschland waren, Orff oder Léhar zum Beispiel.

Bleibt Wagners antisemitische Hetzschrift »Das Judentum in der Musik«.
Ja, die ist schrecklich. Und ich kann nicht verstehen, dass dieser Mann, aus welchen Gründen auch immer, es nötig gehabt hat, so etwas zu schreiben. Da gibt es nichts zu beschönigen. Vielleicht kann man gegen eine antisemitische Schrift wie diese nur mit jüdischer Präsenz im Musikbetrieb angehen – eine Position, die auch Zvi Avni vertritt. Vielleicht sollte man hoffen, dass künstlerisches Talent– in diesem Falle Wagners Genie – unabhängig von der Person des Künstlers beurteilt und genossen werden darf. Der unlängst angekündigten Freigabe des im Familienbesitz befindlichen Wagner-Archives durch Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier kommt im Kontext dieser lange überfälligen Diskussion eine wichtige Rolle zu.

Das Gespräch führte Ilona Oltuski.

Roberto Paternostro wurde 1957 in Wien geboren. Er studierte unter anderem bei György Ligéti und war Assistent von Herbert von Karajan. Von 1991 bis 2000 war Paternostro Generalmusikdirektor der Württembergischen Philharmonie, 1997 bis 2007 künstlerischer Leiter der Gustav-Mahler-Festtage Kassel. Seit Januar 2009 ist er Chefdirigent des Israel Chamber Orchestra in Tel Aviv.

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