Musik

»Ich nutze die Zeit schöpferisch«

Ran Nir lebt seit sechs Jahren in Berlin. Ein Gespräch über Punkrock, Wandlungen und Corona-Zeiten

von Katrin Richter  14.07.2020 16:15 Uhr

»Ich bin glücklich«, sagt der Musiker Ran Nir. Foto: Stephan Pramme

Ran Nir lebt seit sechs Jahren in Berlin. Ein Gespräch über Punkrock, Wandlungen und Corona-Zeiten

von Katrin Richter  14.07.2020 16:15 Uhr

Herr Nir, als wir uns vor der Corona-Pandemie zum Interview verabredet haben, planten Sie eine Tour. Wie können Sie als Musiker gerade arbeiten?
Alle meine Auftritte wurden abgesagt. Im August soll es langsam wieder losgehen. Das war schon sehr frustrierend und natürlich auch nicht gut fürs Geschäft und für das Einkommen. Ich habe aber die Zeit schöpferisch genutzt und meine neue Single »I Am With You« aufgenommen, zu der es außerdem noch ein ziemlich cooles Video gibt, in dem meine Mutter und ich jeweils zu Hause tanzen – ich in Berlin, sie in Jerusalem. Außerdem habe ich mich mit anderen Musikern zusammengeschlossen. Gemeinsam wollen wir eine Musikergewerkschaft in Israel aufbauen, um Künstlern dort zu helfen, mit den Auswirkungen von Corona zurechtzukommen. Denn anders als hier in Deutschland haben sie nicht diese Privilegien, die wir hier haben.

Seit vier Monaten gibt es wegen der Corona-Krise keinerlei Konzerte oder Auftritte. Wie geht es Ihnen damit?
Eigentlich geht es mir gut. Zu Beginn war es echt traurig, denn eineinhalb Jahre Arbeit wurden einfach so zum Fenster herausgeschmissen: Shows wurden abgesagt, Reisen waren unmöglich, und ich hatte kein regelmäßiges Einkommen. Dann kam vieles in Wellen: Einige Tage waren sehr euphorisch – fast so eine Art Ferien zu Hause –, andere Tage waren schwer zu bewältigen. Aber jetzt bin ich glücklich und gesund, arbeite an neuer Musik und bereite mich auf die Shows im August und für 2021 vor. Das Jahr muss doch besser als 2020 werden, oder? Dreimal auf Holz geklopft.

Wie fühlen Sie sich generell in Berlin?
Der vergangene Winter war wirklich ganz okay. Mir macht die Dunkelheit eher zu schaffen als die Kälte. Aber ich will mich nicht beschweren: In Tel Aviv war es mir immer zu warm. Es gibt wohl keinen Ort auf der Welt, an dem alles perfekt ist. Ich bin seit sechs Jahren in der Stadt.

Was hat sie in die Stadt verschlagen?
Oh, da kamen verschiedenen Dinge zusammen: Ich war in Israel nicht mehr glücklich, unsere Band von Asaf Avidan löste sich auf, ich war viel im Tel Aviver Nachtleben unterwegs, was ein bisschen selbstzerstörerisch war. Dann kam der Remix.

Wir sprechen vom »One Day/Reckoning Song«-Remix des Berliner DJs Wankelmut.
Und so kam etwas Geld rein. Von einem Tag auf den anderen war ich kleinere Schulden los und hatte die finanziellen Mittel, um nach Berlin zu kommen. Die Stadt war zuvor schon eine Art Zuhause, denn unser Co-Management war hier, unser Label, ich hatte Freunde hier, sprach auch schon ein ganz klein wenig Deutsch: Das machte alles Sinn. Also kaufte ich mir ein One-Way-Ticket nach Berlin, und das hat mein Leben komplett verändert.

Erinnern Sie sich noch an die erste Woche?
Ja, sehr genau. Ich suchte nach einer Wohnung und fand nach drei Tagen eine. Am sechsten Tag ging ich zur Besichtigung. Ich betrat die Wohnung mit ein wenig Unbehagen, denn ich hatte viele Geschichten über Besichtigungen gehört. Man braucht dieses und jenes, eine Schufa-Auskunft, irgendwelche Formulare. Ich war also etwas angespannt. Alles, was ich hatte, war ein bisschen Geld auf dem Konto und dieser Song.

Hat er Ihnen geholfen?
Ich wartete, bis alle anderen Bewerber gegangen waren, ging auf den Vermieter zu und sagte: »Hi, ich würde gern die Wohnung mieten. Das hier ist, was ich habe: Das ist der Song. Sie können meinen Namen googlen.« Er war ziemlich baff. Am nächsten Tag hatte ich die Wohnung. Ich war wohl der glücklichste Mensch auf der Welt. Ich wohne immer noch dort, meine Freundin zieht zu mir. Ich bin immer noch glücklich.

Ihre Single heißt »Obsession«, und im Text heißt es: »I need to find a new obsession.« Wovon reden Sie?
Es geht um die Jagd nach einer Sache. Diese Suche, die einen Sinn in die Welt bringt. Eine Welt, in der es sehr schwer ist, einen Sinn zu finden. Speziell für Musiker ist es auch dieser Moment, in dem man sich darüber klar wird, dass man eben Musiker ist und einem Traum nachgeht. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte, wie es so schön heißt. Aber in dem Song geht es auch darum, etwas Neues zu finden, von dem man besessen sein kann. Deswegen »New Obsession«.

Wie hören Sie Musik?
Ich versuche immer, den Künstler von der Musik zu trennen. Vielleicht ist der Mensch ja ganz anders als seine Songs. Und mir ist es wichtig, ausschließlich die Musik wahrzunehmen.

Welche Musik hat sie geprägt?
Ich war ein Punk-Rock’n’Roll-Kind. Ich habe viel Nirvana gehört, Offspring. Dann stieß ich auf die Ramones, Sex Pistols, Dead Kennedys oder Green Day. Wenn Kurt Cobain in einem Interview jemanden erwähnte, hörte ich mir diese Künstler an. Es war eine Art musikalische Reise in die Vergangenheit. Heute ist das anders: Heute suche ich Musik für die Zukunft. Wenn mir früher jemand auf die Frage »Was hörst du für Musik?« »Irgendwie alles« antwortete, dann war ich immer etwas genervt. Wie kann man denn »alles« als Musikgeschmack bezeichnen? Heute, mit dem eigenen Label, höre ich vieles. Musik ist großartig – egal, was es ist.

Verbinden Sie mit Berlin einen bestimmten Song?
Als ich ankam, war es »Feels Like We Only Go Backwards« von Tame Impala. Heute ist es wahrscheinlich mein eigener Song.

Muss ein Lied politisch sein?
Das sollten die Künstler entscheiden, finde ich. Manchmal denke ich: Klar, man bräuchte mehr Bob Dylans. Also Künstler, die mit ihrer Musik zu einer bestimmten Zeit die Gesellschaft geprägt haben. Die Frage, um die sich alles letztendlich dreht, ist doch aber: Wollen wir die Welt verbessern? Und da hoffe ich immer, dass man darüber in eine Diskussion und nicht in einen Streit gerät.

Sie haben vorhin Nirvana angesprochen: Dave Grohl, der Drummer der Band, hat einen ähnlichen Schritt wie Sie gewagt: Er wurde vom Schlagzeuger zum Frontman. Sie vom Bassisten zum Solokünstler. War das schwer?
Sehr. Ich freue mich, dass Sie Dave Grohl nennen, denn ich habe mir ihn ein wenig zum Vorbild genommen. Um diesen Schritt zu gehen, muss man so lange so tun als ob, bis man ein Profi ist. Als ob es das Normalste der Welt wäre, da ganz vorn auf der Bühne zu stehen. Das dauert einige Zeit. Ich trete mittlerweile auch als Ran Nir auf – mein eigener Name. Auf der Bühne fühle ich mich am wohlsten, das ist klar, aber als ich Bass spielte, hatte ich meinen gemütlichen Platz da hinten und stand eben nicht ganz vorn. Ein Frontman zu sein, hat so viele Facetten: Was will man darstellen? Was sagt man? Wie sieht man aus? Welche Bandmitglieder hat man? Das alles spielt eine Rolle. Es war ein Lernprozess. Ich habe viel über mich erfahren.

Wie hat sich Ihr Blick auf Israel verändert?
Die ersten beiden Male, die ich zurück in Israel war, waren nicht sehr angenehm. Aber das hatte nichts mit Israel zu tun, sondern eher mit mir, vermute ich. Danach habe ich das Land als Tourist entdeckt. Und das macht richtig Spaß: Man muss sich nicht mit der Politik auseinandersetzen, das Wetter ist toll, das Essen vorzüglich, Tel Aviv hat so vieles zu bieten. Und heute denke ich: Ach, ich bleibe in Jerusalem, im Haus meiner Eltern, treffe Freunde, meine Familie. Das gefällt mir am Älterwerden: Mir ist egal, was andere über mich denken. Ich fühle mich wohl.

Wie war Ihr Zuhause in Israel?
Ich bin in einer Siedlung aufgewachsen. Es war eine kleine Stadt, eine von denen, in denen es keine Konflikte gibt. Wir hatten dort keine Probleme. Als Kind wächst man da so rein, ohne die Sachen wirklich zu verstehen. Warum muss man durch den Checkpoint, und warum gibt es Demons-trationen? Dann kamen die 90er-Jahre mit vielen Anschlägen in Bussen. Rückblickend klingt das schwierig, und es gab eine ganz schöne Menge an Dingen, die ein Kind wegstecken muss. Aber damals war das meine Realität. Vielleicht habe ich auch deswegen Punkrock gehört.

Mit dem Musiker sprach Katrin Richter.
Ran Nir: »Obsession«, IMU Records

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