Musik

»Ich mag Rap«

»Ich habe in Akko Konzerte für Juden und Araber gegeben. Wenigstens für diese zwei Stunden herrschte Frieden«: Zubin Mehta Foto: imago

Maestro, Sie sind sowohl Orchesterleiter, unter anderem des Israel Philharmonic Orchestra, als auch Violinist. Was ist anstrengender: Dirigieren oder Geige spielen?
Geige spielen! Weil die Koordination ganz anders ist. Bis ein Kind eine Melodie auf der Violine richtig schön spielen kann, dauert es ein, eineinhalb Jahre. Danach geht es leichter. Klavier kann man nicht so falsch spielen. Am Anfang klingt ein Anfänger am Klavier daher auch viel fortgeschrittener als ein Geiger. Nur bei Naturtalenten kann man nie wissen, wie schnell sie diese Koordination hinbekommen.

Wie war das bei Ihnen?
Ich war kein Wunderkind, ich habe schwer üben müssen. Aber Musik ist mir zugeflogen. Als ich mit 18 Jahren nach Wien kam, hatte ich mir allein durch Partiturlesen und Plattenhören schon ein großes Repertoire erarbeitet.

War es schwer, sich gegen die Geige und für das Orchester zu entscheiden?
Nein! Ich wollte immer dirigieren, schon als Kind. Das Orchester hat mich von Anfang an fasziniert – und natürlich auch die Musik, die für Orchester geschrieben wurde.

Sie betreiben eine Stiftung, die indische Kinder zu Virtuosen der westlichen Klassik ausbildet. Wie ist der Zuspruch?
Sehr groß. Wir haben eine Warteliste von 200 Kindern. Wir haben Talente in Indien, die alle nach Europa oder Amerika gehen. Ich will eine Schule bauen, damit sie in Indien bleiben und studieren können – und damit wir endlich ein Orchester für Indien haben. Mit indischen Musikern. Das ist mein Traum!

Aber es hört vermutlich nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung klassische europäische Musik.
Ganz richtig: Indien ist sehr tief in die eigene Musik eingedrungen, und grundsätzlich passen diese beiden Welten nicht zusammen. Westliche Musik ist hundertprozentig organisiert, die indische Musik improvisiert.

Sie haben doch aber gemeinsame Konzerte mit Ravi Shankar gegeben.
Ravi Shankar hat in seinem »Concerto for Sitar and Orchestra« seine Ideen für Orchester aufgeschrieben, und wir haben jedes Mal ganz genau diesen Notentext gespielt. Was er dann dazu improvisiert hat, war allerdings in jedem Konzert anders. Das sind freie Vögel. Die fliegen einfach!

Apropos Improvisation: Mögen Sie Jazz?
Ich liebe Jazz. Jazz war die Popmusik, mit der ich aufgewachsen bin. Als ich nach Wien gekommen bin, habe ich sehr viele Jazzgrößen gehört: Louis Armstrong, Duke Ellington. In der aktuellen Musik mag ich sehr gerne Rap. Rap hat in den schwarzen Vierteln der Großstädte angefangen, wo die Jungen wirklich ihre innerste Seele ausgedrückt haben. Heute ist Rap ein Geschäft, aber als es angefangen hat, war es sehr berührend.

Das ist ja oft so, dass Musikstile in ärmeren Bevölkerungsschichten anfangen und dann kommerzialisiert werden. Beim Jazz auch.
Beim Jazz ist es lange gut gegangen, weil er in kleinen Clubs gespielt wurde und damals nicht so viele Platten aufgenommen wurden. Louis Armstrong hat nicht so viel verkauft wie die Beatles, aber er war genauso talentiert. Als Musiker finde ich Rock ’n’ Roll ohnehin langweilig, weil er nicht fantasievoll ist. Die Texte sind manchmal interessant, aber der Rhythmus ist immer gleich, und die Themen sind auch nicht sehr interessant. Nur die Show: Du zupfst eine Saite und die Menschen im Publikum haben einen Orgasmus. Das ist nicht das Gitarrenspiel, das ist die Soundanlage!

Eine unmusikalische Frage: Es gibt ein legendäres Foto, auf dem Sie inmitten von Pinguinen zu sehen sind. War das eine Montage?
Nein, das Bild hat meine Frau bei einer Antarktis-Kreuzfahrt aufgenommen. Ich wollte unbedingt ein Bild mit Pinguinen haben. Wir waren auf vielen Inseln mit kleineren Pinguinen, aber ich wollte Königspinguine und habe dem Kapitän immer gesagt: »Sie müssen mir sagen, wann ich meinen Frack anziehen soll!« Eines Abends hat er dann gesagt: »Morgen kriegst du dein Bild!« (lacht) Und dann bin ich am nächsten Tag mit meinem Frack rausgegangen.

Machen Pinguine Geräusche?
Ja. Sie machen Geräusche. Und sie stinken! Och! (lacht)

Ich kenne einen Dirigenten, der unbedingt einmal auf einem Eisberg ein Konzert geben möchte. Wäre das auch etwas für Sie?
Warum nicht? Händels Wassermusik! (lacht) Manche Eisberge sind so groß, da könnte man sogar die Achte von Mahler spielen.

Manche Ihrer Dirigentenkollegen machen Werbung für Luxusprodukte. Sie auch?
Werbung mache ich derzeit für »meinen« Nahen Osten. Dafür, dass Juden und Araber endlich friedlich zusammenleben. Das gelingt nicht, weil die Politiker es irgendwie wollen und doch nicht wollen. Das ist meine dringendste Priorität. Und auch der Frieden in meinem eigenen Land: Ich bete, dass dieses Kaschmir-Problem endlich gelöst wird, damit Indien und Pakistan wirklich in Frieden leben. Im Nahen Osten gibt es sehr viele Probleme, aber in Indien und Pakistan geht es wirklich nur um Kaschmir.

Kann Musik da wirklich helfen?
Musik kann Menschen zusammenbringen, auf jeden Fall. Das habe ich bewiesen, als ich nach dem Bosnienkrieg das erste Mal ein serbisches Orchester nach Kroatien gebracht habe. Wir haben mit den Belgrader Philharmonikern in Dubrovnik gespielt, und ich habe symbolisch einen serbischen Bariton und eine kroatische Sopranistin »La cidarem la mano« aus Mozarts Don Giovanni singen lassen: Serbien hat Kroatien entführt, und am Ende des Duetts sind sie gemeinsam von der Bühne gelaufen.

Und haben danach geheiratet!
Nein, in der Oper haben sie ja auch nicht geheiratet! (lacht) Aber es war symbolisch wichtig. Man sollte nie unterschätzen, was Musik kann. Auch in Israel: Ich habe in Akko Konzerte auf der byzantinischen Mauer gegeben. Juden und Araber saßen zusammen, haben Beethoven und Tschaikowsky gehört, und wenigstens für diese zwei Stunden herrschte Frieden.

Das Gespräch führte Ann Kathrin Bronner.

Kino

»Disclosure Day«: Steven Spielberg bringt neuen Alien-Film ins Kino

Der jüdische Regisseur legt mit seinem neuen Sci-Fi-Drama ein geheimnisvolles Werk vor, das einen ganz neuen Ansatz verfolgen soll

 02.02.2026

Meinung

Antisemitismus auf Sendung

RTL zeigte ein Video zu einem »Betrüger-Gen« von Gil Ofarim – ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag. Das muss Konsequenzen haben

von Ayala Goldmann  02.02.2026

TV

»Stefan Raab Show« unterstellt Gil Ofarim »Betrüger-Gen«

In seiner »Dschungelcamp«-Nachlese greift der Showmaster in einem Einspieler auf antisemitische Stereotype zurück

von Ralf Balke  02.02.2026

Los Angeles

Jack Antonoff gehört zu den jüdischen Grammy-Gewinnern

Der Sänger, Songschreiber und Produzent aus New Jersey war mehrfach nominiert. Welche Juden gewannen noch?

von Imanuel Marcus  02.02.2026

Fernsehen

»Du bist ein kranker Lügner«

Ariel attackiert Gil Ofarim und Mirja muss raus: So war die zehnte Folge des Dschungelcamps

von Martin Krauß  01.02.2026

"Dschungelcamp"

Gil Ofarim: »Auch ich will ’ne Antwort - vom deutschen Justizsystem«

Musiker Gil Ofarim steht wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit

von Britta Schultejans  01.02.2026

Musik

»Ich werde alles geben«

Noam Bettan, Israeli mit französischen Wurzeln, vertritt sein Land beim Eurovision Song Contest in Wien

von Sabine Brandes  01.02.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Veränderung oder Die Welt von gestern ist nicht mehr

von Nicole Dreyfus  01.02.2026

TV

Was der Dschungel mit den Primaries zu tun hat

»Ich habe halt seeehr wenig Follower«, sagt Nicole Belstler-Boettcher als sie das Camp verlassen muss. Das Dschungelcamp serviert uns in ungewöhnlichem Rahmen einiges zur Demokratietheorie

von Martin Krauß  01.02.2026