Deborah Feldman

»Ich mag jüdische Ruhestörer«

Die Schriftstellerin über ihr neues Buch, Berlin als Ort der Freiheit – und Intoleranz innerhalb der jüdischen Gemeinschaft

von Philipp Peyman Engel  19.06.2017 18:07 Uhr

»Die Literatur hat mich gerettet«: Deborah Feldman Foto: Ullstein

Die Schriftstellerin über ihr neues Buch, Berlin als Ort der Freiheit – und Intoleranz innerhalb der jüdischen Gemeinschaft

von Philipp Peyman Engel  19.06.2017 18:07 Uhr

Freiheit, und nun? Vor dieser Frage stand Deborah Feldman, nachdem sie sich mit 23 Jahren aus der extremistischen ultraorthodoxen Satmarer‐Bewegung losgesagt hatte. Endlich war sie ein freier, selbstbestimmter Mensch. Aber sie hatte auch viel verloren: ihre Familie, ihre bisherige Identität, eine geregelte Struktur. Ihre Familie brach den Kontakt zu ihr ab. »Du bist für uns gestorben. Du existierst nicht mehr für uns«, schrieb ihr ein Onkel. In den Monaten nach dem Ausstieg bei den Satmarern gab es immer wieder Rückschläge in ihrem neuen Leben: Einsamkeit, Armut, Überforderung. Dann schrieb sie, erst einmal nur für sich selbst, ihre Geschichte auf. Das Buch mit dem Titel »Unorthodox« stürmte in den USA auf Anhieb die Bestsellerlisten. Doch auch danach merkte sie, dass die Frage nach ihrer Freiheit noch unbeantwortet blieb – und zog sich fast drei Jahre lang komplett zurück. Diese Geschichte und wie es nach dem Bruch mit den Satmarern weiterging, hat Feldman jetzt in ihrem 704 Seiten starken neuen Buch »Überbitten« aufgeschrieben, das in diesen Tagen erschienen ist.

Frau Feldman, Sie haben Ihrem neuen Buch den Titel »Überbitten« gegeben. Was bedeutet das Wort?
Der Begriff kommt aus dem Jiddischen. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war er auch im Deutschen geläufig. Es bedeutet, etwas durch Bitten zu überwinden. Bei den Satmarern wurde das Wort zur Umschreibung einer unwahrscheinlichen Eintracht gebraucht. Wenn zum Beispiel zwei Menschen, die sich überhaupt nicht ausstehen können, trotz allem übereinkommen, haben sie sich übergebeten. Oder wenn man mit etwas aus seiner Vergangenheit Frieden gemacht hat, hat man sich ebenfalls übergebeten. Es ist eine Art Versöhnungsritual.

Womit haben Sie sich versöhnt?
Im Buch beschreibe ich, dass ich mich mit meiner Vergangenheit versöhnt habe, obwohl das ziemlich unwahrscheinlich war. Bei den Satmarern habe ich Dinge erlebt, die ich niemandem wünsche. In der Satmar‐Community gibt es Unterdrückung, Gewalt und teilweise auch Misshandlungen. Nachdem ich mit 23 Jahren aus der Gemeinschaft ausgebrochen war, dachte ich: Endlich bist du frei! Ab jetzt kannst du ein selbstbestimmtes Leben führen! Tatsächlich war es noch ein sehr, sehr langer Weg, bis ich sagen konnte, dass ich mit meiner Biografie im Reinen bin. Die Vergangenheit klebte an mir und wirkte ungemein stark nach.

»Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer«, heißt es bei Heimito von Doderer. »Ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln, wie er will.«
Ja, wenn Sie 23 Jahre lang hören, dass sie schuldig und sündhaft sind, kann man das nicht so einfach loswerden. Bei den Satmarern spielen Angst, Scham und Schuldgefühle eine zentrale Rolle. Man bekommt permanent eingeredet, Urheber allen Übels in der Welt zu sein. Die Schoa etwa wird als Strafe Gottes für die Assimilation der Juden gesehen. Trotz allem bin ich fest davon überzeugt, dass wir Frieden mit uns und unserer Geschichte schließen können. Auch wenn es verdammt hart und langwierig sein kann.

»Überbitten« setzt da an, wo »Unorthodox« aufgehört hatte: wie es nach dem Ausstieg bei den Satmarern weiterging. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?
Damals merkte ich, dass ich frei war, und doch auch wieder nicht. Die Ängste und Schuldgefühle, die die Satmarer mir Zeit meines Lebens eingepflanzt hatten, waren immer noch in mir. In gewissem Sinne befand ich mich in einem leeren Raum. Ich hatte das Gefühl, keinen Schritt in die neue Welt machen zu können, weil ich immer noch so stark in der alten Welt gefangen war. Ich fühlte mich wie in einem Gefängnis. Nur eines wusste ich: Es gibt keinen Weg zurück.

Gab es jemanden in dieser Situation, der Ihnen geholfen hat?
Leider nicht. Nach dem Ausstieg war ich absolut allein. Und weil ich in gewissem Sinne von einem anderen Planeten kam, gelang mir auch kein Anschluss an andere Menschen. Ich war anders, das hat viele abgeschreckt. Es war wirklich eine extreme Zeit. Ich war vereinsamt und lebte mehr oder weniger von der Hand in den Mund.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie in dieser Situation mit dem Schreiben angefangen haben, um Klarheit über Ihr Leben zu bekommen. Eine Veröffentlichung war am Anfang nicht geplant. Hatten Sie damit gerechnet, dass das Buch einen solchen Erfolg haben könnte?
Überhaupt nicht. Ich hatte das Buch ja eigentlich nur für mich geschrieben, um mein Leben zu ordnen. Und auf einmal sitze ich bei Barbara Walters in der Talkshow und erzähle vor einem Millionenpublikum meine Geschichte. Der Erfolg kam viel zu früh. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich, wer ich früher war. Aber noch nicht, wer ich nun sein wollte. Hinzu kam, dass ich vollkommen naiv war, auch in geschäftlichen Dingen.

Inwiefern?
Ich habe jedem blind vertraut. Ich war vollkommen arglos. Der Verlag hat mir alles vorgeschrieben, mich wie ein Produkt von einer Talkshow in die nächste geschoben. Irgendwann habe ich mich nur noch wie ein Interviewautomat gefühlt. Ich selbst blieb auf der Strecke. Ich war 24 Stunden am Tag nur noch Deborah Feldman, die bei den Satmarern aufgewachsen ist und diese totalitäre Gemeinschaft verlassen hat.

Wie sind Sie aus dieser Krise wieder herausgekommen?
Ich bin aufs Land gezogen und zog mich radikal zurück. Dazu muss man sagen, dass man in den USA auf dem Land anders als in Deutschland wirklich abgeschieden leben kann. In den Berkshire Mountains zwischen Massachusetts und Connecticut passiert es, dass man wochenlang keinen Menschen sieht. Abgeschnitten von der Welt wollte ich herausfinden, wer ich wirklich bin. Wenn man auf sich selbst zurückgeworfen ist, ohne Einflüsse von außen, findet man das früher oder später heraus.

»Überbitten« ist auch eine Geschichte über die Kraft der Literatur. Welche Rolle haben Bücher in dieser Zeit für Sie gespielt?
Ich habe alles gelesen, was ich bekommen konnte. In meinem früheren Leben waren weltliche Bücher ja verboten. Ich las teilweise 15 Bücher parallel. Wenn ich in einem Werk einen Verweis auf einen anderen Autor gelesen habe, habe ich in dessen Buch weitergelesen und bin dann wieder zu anderen Büchern gesprungen.

Welche Autoren lasen Sie?

Vor allem Jean Améry, Primo Levi, Czeslaw Milosz und Gregor von Rezzori. Diese Autoren haben es mir ermöglicht, ein Gespräch mit meinen Großeltern zu führen, das so nie möglich war. Durch diese Bücher habe ich meine Großeltern besser verstehen können, die ebenfalls Schoa‐Überlebende waren. Als Primo Levi über die Lager geschrieben hat, hatte ich das Gefühl, meine Großeltern zu hören und sie vor allem besser zu verstehen. Erst durch Primo Levi verstand ich, woher ich komme und was die Menschen wirklich erlebt haben, die mich erzogen haben.

Haben Ihre Großeltern mit Ihnen über den Holocaust und ihre Zeit im Konzentrationslager gesprochen?
Fast nie. Und wenn, dann nur sehr allgemein. Sie haben nie von ihren Erfahrungen berichtet. Durch Primo Levis Bücher habe ich ein Gefühl dafür bekommen, was meine Großeltern durchlebt haben und warum sie die Menschen waren, die sie waren. Die Literatur hat mich gerettet. Nach fast drei Jahren habe ich mich stark genug gefühlt, um draußen in der Welt zu bestehen.

Wie ging es dann weiter?

Bei den Satmarern hieß es immer, dass Europa wegen der Schoa und der Assimilation der schlimmste Ort in der Welt ist. Also bin ich nach Berlin gereist. Ich wollte mich bewusst meinen Ängsten stellen: Nur so wird man sie los. Seitdem bin ich in Deutschland zu Hause. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Weshalb?
Berlin ist der Ort in der Welt, an dem alle Heimatlosen zu Hause sind. Es ist meiner Ansicht nach die freieste Stadt, die man sich denken kann. Und für einen Menschen wie mich, der nie wieder sinnlose Vorschriften wie bei den Satmarern auferlegt bekommen möchte, ist hier der richtige Ort. Hier fühle ich mich nicht fremd. Hier ist es in Ordnung, anders zu sein.

Was ist mit den No‐go‐Areas in Wedding, Neukölln oder Marzahn, wo man sich besser nicht als Jude zu erkennen geben sollte?
Natürlich ist das ein Problem. Wenn ich in Neukölln bin, verschweige ich meine Jüdischkeit. Dort sage ich nicht, dass ich Jüdin bin. Aber im Vergleich zu allen anderen Orten ist es dennoch der für mich geeignetste Ort. Selbstverständlich gibt es hier Antisemitismus, aber den gibt es leider überall.

Welche Erfahrungen haben Sie in dieser Hinsicht gemacht?
Die Erfahrungen sind wie bei jedem Juden in Deutschland sehr unterschiedlich. Es reicht von antisemitischen Bemerkungen von Deutschen oder Arabern über Philosemitismus bis hin zu völliger Unkenntnis von Menschen, dass es auch heute noch Juden gibt. Nur eines ist es nie, wenn man sich in Deutschland als Jüdin zu erkennen gibt: gewöhnlich.

Haben Sie gelegentlich den Eindruck, als Ex‐Satmarerin eine Art »gebrauchte Jüdin« zu sein? Nach dem Motto: Endlich dürfen wir Deutsche mal etwas gegen Juden sagen! Immerhin sind die Satmarer nur ein sehr, sehr kleiner Teil des Judentums.
(Überlegt lange) Ich glaube nicht, dass ich eine solche Erfahrung schon einmal gemacht habe.

Was sehen die Deutschen in Ihnen?

Die Menschen, die zu meinen Lesungen kommen, haben wie ich in ihrer Kindheit oft auch etwas Traumatisches erlebt. Sie sind selbst nicht jüdisch, aber durch meine Geschichte können sie ihre Kindheit noch einmal erleben, und am Ende gibt es eine Art kathartischen Effekt. Dass ich Jüdin bin, ist für viele gar nicht so relevant. Viel bemerkenswerter sind meiner Erfahrung nach die Reaktionen aus der jüdischen Gemeinschaft.

Wie meinen Sie das?
Bei Lesungen wurde ich mehrmals als Nestbeschmutzerin bezeichnet. Und zwar von jüdischen Lesern. Es wird mir vorgeworfen, den Antisemiten einen Grund für ihre Abneigung zu liefern. Das ist natürlich irrsinnig! Die Antisemiten hassen uns so oder so. Haben wir viel Geld, sind wir die bösen reichen kapitalistischen Juden. Sind wir arm, beschimpft man uns als Schmarotzer. Wir können es den Antisemiten nicht recht machen. Wir sollten es deshalb auch gar nicht erst versuchen. Es wird nie ganz normal sein, in Deutschland Jude zu sein. »Die einen werfen mir vor, dass ich ein Jude sei; die andern verzeihen mir es; der dritte lobt mich gar dafür; aber alle denken daran«, wusste schon Ludwig Börne. Mir imponieren diese jüdischen »Ruhestörer« wie eben Börne, Spinoza oder Arendt. Und dass Spinoza und Arendt bei ihren eigenen Leuten nicht gut angekommen sind, ist klar. Aber wer will nur dafür leben, um es anderen Menschen recht zu machen?

Mit der Autorin sprach Philipp Peyman Engel.

Deborah Feldman: »Überbitten«. Secession, Berlin 2017, 704 S., 28 €

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