Interview

»Ich lege die Waffen nicht nieder«

»Wir dürfen Europa nicht den antisemitischen Schweinen überlassen«: Bernard-Henri Lévy Foto: dpa

Herr Lévy, bis zur Europawahl touren Sie mit dem Ein-Personen-Drama »Looking for Europe« über den Kontinent. Was ist die Idee Ihres Theaterstücks?
Das Idee ist ganz einfach: Wir müssen Europa verteidigen! Jene Kräfte angreifen, die es untergraben. Diese Kräfte sind Populismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus. Und natürlich Antisemitismus. Ich bin entsetzt über den allgegenwärtigen Anstieg des Antisemitismus.

Inwiefern?
Die Gefahr des Judenhasses scheint immer mehr stärker zu werden. In Deutschland natürlich, aber auch in Frankreich und generell in Mitteleuropa. Damit bin ich bei jedem Schritt dieser Tour konfrontiert: mit diesem schrecklichen Aufstieg des Antisemitismus, wie es ihn seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gab. Das ist ein neuer Antisemitismus, einer, der häufig von der Linken kommt. Ein Antisemitismus, der oft auf Antizionismus beruht. Aber es ist immer noch Antisemitismus. Darüber spreche ich in meinem Stück, das sage ich auf der Bühne.

Wie würden Sie den gegenwärtigen Zustand Europas beschreiben?
Als Konfrontation zweier Blöcke. Ich sage nicht wie Macron: der progressive Block gegen den nationalistischen Block. Weil mir das Wort »progressiv« eigentlich nicht gefällt. Ich habe das seit meinem Buch Die Barbarei mit menschlichem Gesicht kritisiert, und daran werde ich auch nichts ändern: An dem Wort »progressiv« missfällt mir das übertrieben Optimistische, das viel mit der christlichen Idee der Vorsehung zu tun hat.

Welcher Begriff erscheint Ihnen passender?
Es gibt diese zwei Blöcke, den nationalistischen und fremdenfeindlichen auf der einen und den republikanischen oder demokratischen Block auf der anderen Seite. Sicher ist jedenfalls, dass es einen Zusammenstoß gibt. Und zwischen diesen beiden Polen herrscht eine ziemlich ungleiche Beziehung. Die Nationalisten haben eine Bewegung gestartet. Sie werden von Putin und von Steve Bannon instrumentalisiert. Sie befinden sich im geräuschvollen Kampagnenmodus, während die Demokraten oder die Republikaner eigentümlicherweise  schweigen.

Was ist Ihre persönliche Motivation, mit diesem Stück durch Europa zu reisen?
Es gibt bestimmte Momente in der Geschichte, die man als »historisch« bezeichnet. Oder mit anderen Worten, in denen man den Eindruck hat, dass das Schicksal sozusagen auf der Kippe steht. In solchen Situationen haben wir keine Wahl, wir müssen uns entscheiden und alles in unserer Macht Stehende tun. Das ist eine Frage der Würde. Und es geht auch um die Frage, was für eine Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen. Das ist meine Motivation.

Was genau bedeutet Ihnen Europa?
Ich bereue nichts an all meinen früheren Lebensphasen, es gibt nichts, für das ich mich schämen müsste. Das einzige, was ich vielleicht ein bisschen bedaure, ist, dass ich nicht genug für Europa getan habe. Es ist wohl so, dass ich Europa für selbstverständlich gehalten habe. Es ist, als hätte ich mich von diesem Ort, an dem ich geboren bin, entfernt, um zu den entlegensten Orten der Welt zu gehen – ohne mir klarzumachen, dass in Europa vielleicht ein Feuer ausbrechen könnte. Jetzt ist es mir klargeworden, und ich habe mich sozusagen selbst mobilisiert. Ich komme mir selbst ein wenig verrückt vor: Ich bin der einzige Mensch, der eine Art Wahlkampftour startet, ohne für ein politisches Amt zu kandidieren – mit einer Intensität, die eigentlich ziemlich unvernünftig ist. Aber so ist es nun mal.

Die jüdische Bevölkerung sieht sich durch den zunehmenden Populismus bedroht. Wie sehen Sie die Zukunft der Juden in Europa?
Diese Frage wird mir oft gestellt. Ich antworte darauf immer, dass ich einigermaßen optimistisch bin. Genauer gesagt antworte ich immer, dass es nicht infrage kommt, den Rückzug zu erklären, dem Pöbel das Feld zu überlassen oder zu kapitulieren. Ich bleibe meiner Idee treu, es bleibt meine grundlegende Position. Es stimmt aber, dass ich bisweilen Zweifel habe.

An der Zukunft jüdischen Lebens in Europa?
Diese Tour durch das Herz Europas, meine Reisen von Stadt zu Stadt, haben mir klargemacht, wie allgemein verbreitet dieser zunehmende Antisemitismus ist. Das wusste ich zwar schon, aber eher theoretisch. Jetzt bin ich direkt dran, egal wo ich bin. In Spanien ebenso wie in Italien. In den Niederlanden wie in Dänemark. In Mittel- wie in Osteuropa. Überall. Und natürlich in Frankreich. Und egal, wie schwer es fällt, ich lege die Waffen nicht nieder. Ich glaube immer noch, dass wir kämpfen müssen. Das schlimmste, was passieren könnte, wäre, diese europäischen Länder, zu deren Aufbau wir, die Juden, so leidenschaftlich beigetragen haben, den antisemitischen Schweinen zu überlassen. Aber es stimmt schon, dass ich manchmal Angst habe. Es mag nicht so aussehen, aber ja, ich habe Angst.

Das Interview mit dem französischen Philosophen führte Detlef David Kauschke.

»Looking for Europe«: Bernard-Henri Lévy. Montag, 15. April, in Berlin

www.urania.de/looking-europe

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