Roman

»Ich kann nicht mehr in Berlin leben«

»Was ich während des Gaza-Krieges in deutschen Medien gesehen habe, war zu viel. Danach konnte ich nicht mehr zurück«: Mirna Funk Foto: Stephan Pramme

Frau Funk, in Ihrem Buch »Winternähe« erzählen Sie die Geschichte von Lola, einer jungen Frau, die auf der Suche nach sich selbst ist. Wie autobiografisch ist der Roman?
In jedem Roman lassen sich autobiografische Züge finden, in meinem natürlich auch. Alle antisemitischen Übergriffe, die Lola widerfahren, habe ich zum Beispiel selbst erlebt. Dennoch sind die Familien- und auch Liebesgeschichten, die das Buch tragen, fiktiv. Ich wollte mit diesem Roman zeigen, dass Geschichte nicht abgeschlossen ist und bestimmte Ereignisse der Vergangenheit das Leben bis in die Gegenwart hinein verändern können.

Um Lolas Familiengeschichte herum erzählen Sie vieles aus dem israelischen Alltag und erklären dem Leser das Land. Ist der Roman auch eine Art Handbuch für Israel?
Ich wollte anhand der unterschiedlichen Charaktere verschiedene Facetten Israels zeigen. Deswegen gibt es zum Beispiel den orthodoxen Adam oder den Ex-Soldaten Shlomo, der zum Linksradikalen wurde. Mir war wichtig, mit Vorurteilen aufzuräumen und einen Einblick in eine Gesellschaft zu gewähren, die einem sonst verschlossen bliebe. Ich will eigentlich nicht lehrerhaft wirken, aber ich möchte jemandem, der Israel nicht kennt, das Gefühl vermitteln, dass man dieses Land besuchen und mit ganz unterschiedlichen Menschen in Kontakt kommen kann. Über den Pluralismus der israelischen Gesellschaft erfährt man in Deutschland in der Regel nichts.

Woran liegt das?
Ich glaube, der Mensch an sich ist zwar neugierig, aber nicht jeder setzt sich wirklich ernsthaft mit einem Land und dessen Kultur auseinander. Das ist schon in Ordnung – ich erwarte das auch überhaupt nicht. Ich finde es nur schwierig, dass Deutsche über Israel urteilen, dass jeder eine Meinung über diesen Staat hat, vielleicht sogar, ohne jemals dort gewesen zu sein. Wenn man sich ein Bild machen möchte, sollte man einmal hinfahren und den Menschen dort offen begegnen – mit all ihren Sorgen.

Lola reist von Berlin über Tel Aviv nach Bangkok und trifft dort auf eine Palästinenserin. Warum findet gerade dieses Treffen so weit weg vom eigentlichen Ort des Nahostkonfliktes statt?
Das ist eher Zufall, denn ich bin in Bangkok wirklich einer Palästinenserin begegnet. Ich dachte, es wäre toll, diese Geschichte in den Roman aufzunehmen. Es war total verrückt: Sie wollte ein Buch über ihre Familie in Hebron schreiben, ich arbeitete an meinem über Israel und die Deutschen. Und dann sitzen wir beide also in Bangkok und essen gemeinsam Suppe. Es war ein ganz toller Moment.

Sie leben schon eine ganze Weile in Israel und haben sich nun entschlossen, Alija zu machen. Warum?
Den Gedanken, nach Israel zu gehen, trage ich schon lange Zeit in mir. Das erste Mal wollte ich 2007 auswandern, blieb dann mehrere Monate in Israel, wollte aber wieder nach Berlin zurück, weil mir das Land doch zu orientalisch war. Im vergangenen Juli bin ich dorthin gereist – während des Gaza-Krieges. Obwohl ich seit mehreren Jahren regelmäßig meine Familie dort besuche, war ich zum ersten Mal während einer kriegerischen Auseinandersetzung dort. Was ich während des Gaza-Krieges in deutschen Medien und auch in meinem Facebook-Feed von deutschen Freunden und Bekannten gesehen habe, war zu viel. Ich wusste, ich kann nicht mehr nach Deutschland zurück. Trotzdem habe ich meine Wohnung in Berlin behalten.

Als Sicherheit?

Ich brauche beide Städte – Tel Aviv und Berlin – als Ausgleich. Ich werde immer mit Deutschland und Berlin verbunden sein. Ich schreibe in deutscher Sprache, ich bin Deutsche, ich kann nur nicht mehr in Berlin leben. Mein Hauptwohnsitz ist Israel. Dort lebe ich mit meinem Verlobten.

Fehlt Ihnen etwas?
Ja. Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Ordnung. Ich bin nun einmal Deutsche. Und was das Erstgenannte angeht, ist das Leben in Israel schon ein Albtraum. Früher bin ich nur als Touristin ins Land gekommen. Aber in dem Moment, in dem man sich eine Wohnung sucht und vielleicht mal einen Klempner benötigt, wird klar, was Israel auch sein kann.

Wäre die politische Situation für Sie ein Grund, wieder nach Berlin zurückzukommen?
Nein. Ich könnte mir vorstellen, nach Los Angeles zu gehen, wenn es noch schwieriger würde. Aber jetzt sind wir hier. Ich habe große Probleme, mich mit der aktuellen israelischen Regierung abzufinden. In Israel zu sein, bedeutet, diese Politik zu unterstützen. Doch das will ich nicht.

Sie sind nicht nur Deutsche, sondern auch Ostdeutsche in Israel. Wie war Ihre Jugend in der ehemaligen DDR?
Ich war acht Jahre alt, als die Mauer fiel. Trotzdem verändert sich eine Gesellschaft natürlich nicht von heute auf morgen. Das erste Jahr nach dem Mauerfall hatte ich einen Kinderreisepass und musste über Grenzübergänge nach West-Berlin. Unser erstes Festnetztelefon bekamen wir, da war ich 14 Jahre alt. Generell war es in unserer Familie so, dass der Holocaust präsenter als das Judentum war. Man darf nicht vergessen, dass man sich in der DDR mit der Schoa aus antifaschistischer, nicht aus jüdischer Sicht befasste. Die DDR war ein großer Gegner Israels.

Wie war Ihre erste Reise nach Israel?
Mein Vater ist mit mir 1991 das erste Mal nach Israel gefahren, damit ich meine Wurzeln kennenlerne. Er selbst hat sich nach der Wende sehr mit seinem Judentum beschäftigt. Ich war zehn Jahre alt, alles war total aufregend und schön. Mein Vater und ich waren eine Weile in Tel Aviv, sind etwas herumgereist. Ich wollte unbedingt von meiner Tante adoptiert werden und nicht mehr weg. Ein prägendes Erlebnis.

Interessieren sich die Israelis auch für Ihre Geschichte?
Mein Verlobter nennt mich immer »his crazy East German«. Er kommt aus Haifa, und die Stadt war lange eine sozialistische Hochburg. Es ist schon so, dass ich mich mit meiner Ostsozialisierung im Land wiederfinde. Ich bin gerade schwanger und daran merke ich, dass es in Israel Dinge gibt, die in der ehemaligen DDR gang und gäbe waren: Nach der Schwangerschaft gleich wieder arbeiten zu gehen, ist hier total normal. In Israel gibt es ein dichtes Netz, das Frauen, wenn sie schwanger sind, auffängt. Das kommt mir sehr entgegen, und ich bin froh, hier zu sein. Ich unterhalte mich mit meinem Verlobten sehr oft über die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Israelis finden auch meine Geschichte interessant. Wie war es hinter der Mauer? Wie ist man mit dem Holocaust umgegangen, wie mit Israel?

Wenn Sie sich das Beste aus Tel Aviv und Berlin heraussuchen könnten, was wäre das?
Ich würde das Europäische mit der Wärme und der spannenden Geschichte Israels verbinden.

Mit der Autorin sprach Katrin Richter.

Mirna Funk: »Winternähe«. S. Fischer, Frankfurt 2015, 343 S., 19,99 €

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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