Literatur

Ich – ist wer?

Literatur

Ich – ist wer?

Der Roman »Ich?« von Erich Mosse ist nach 98 Jahren neu aufgelegt worden – wieder unter Pseudonym

von Alexander Kluy  18.06.2024 11:02 Uhr

Als sich Demokratie- und Wirtschaftskrise zunehmend verschärften, trat die Weimarer Republik in eine Kriegsphase ein. Zumindest literarisch. Im Zuge der »Wiederkehr« des Endes des Ersten Weltkriegs erschien 1928/29 eine Flut von Kriegsbüchern und -romanen von Autoren, die weit links standen wie etwa Ludwig Renn, oder von hypernationalistischen Rechtsextremis­ten wie Ernst Jünger.

Nur wenige waren Humanisten wie Edlef Köppen (Heeresbericht). Der erfolgreichste unter ihnen war der Sportjournalist Erich Paul Remark alias Erich Maria Remarque. Dessen Roman Im Westen nichts Neues, der Ende Januar 1929 im Propyläen Verlag, der zum Ullstein-Konzern gehörte, erschien, wurde zum Weltbestseller. Der S. Fischer Verlag hatte im Jahr davor Teile des Manuskripts gelesen und eine Veröffentlichung abgelehnt.

Dafür hatte der Verlag in der Bülowstraße 90 in Berlin-Schöneberg im Jahr 1926 ein anderes Kriegsbuch herausgebracht. Und zwar Peter Flamms Ich?. Dessen andere Romane Heimfahrt zum Tode, 1928 im winzige Berliner Wasservogel Verlag erschienen, und der 336 Seiten lange Du? von 1929, sowie auch sein letzter Roman Ich will leben von 1931 sind dermaßen in Vergessenheit geraten, dass sie nicht einmal antiquarisch aufzuspüren sind.

Erich Mosse gehörte einer bekannten Zeitungsverlegerfamilie an

Davor hatte der 1891 geborene Flamm, der eigentlich Erich Mosse hieß, einer bekannten Berliner Zeitungsverlegerfamilie angehörte und studierter Arzt war, Feuilletons und Theaterstücke verfasst und als Bühnendramaturg gearbeitet. 1933 floh Mosse/Flamm nach Paris. 1934 entkam er aus Europa in die USA und ließ sich in New York als Psychiater nieder.

Unter seinen Patienten: William Faulkner. Unter seinen Hausgästen: Albert Einstein und Charlie Chaplin. 1959, vier Jahre vor seinem Tod, kehrte er kurz nach Deutschland zurück und hielt in Frankfurt auf einer Konferenz des PEN einen erhellenden Vortrag, der dieser Neuedition von Ich? im S. Fischer Verlag mitgegeben ist.

Bedauerlicherweise verfiel Verlagslektor Sebastian Guggolz – im Nebenberuf Verleger eines nach ihm selbst benannten Hauses, das sich seit 2014 einen Namen als Wiederentdeckungshort skandinavischer und mittelost- wie osteuropäischer kaum beachteter moderner Klassiker machte – fürs Nachwort auf folgende Idee: Er ließ Senthuran Varatharajah, Autor zweier Romane, ein pseudo-expressionistisch von sich selbst berauschtes Nachwort schreiben. Viel interessanter wäre gewesen, Ich? literarisch zu situieren, zwischen Alfred Döblin, Franz Kafka, Ernst Weiß und der Affäre Martin Guerre, einer Doppelgänger-Historie aus dem Frankreich des 18. Jahrhunderts (plus Max Frischs Mein Name sei Gantenbein).

»Nicht ich, meine Herren Richter, ein Toter spricht aus meinem Mund«

»Nicht ich, meine Herren Richter, ein Toter spricht aus meinem Mund.« Mit diesem starken Satz setzt Flamms atemlose Prosa ein. Anfang November 1918 beugt sich der Frankfurter Bäcker und Soldat Wilhelm auf den verwüsteten Feldern des nordfranzösischen Douaumont über einen Toten, stiehlt ihm die Ausweispapiere, wird ein anderer, schlüpft in die Haut des Mediziners Hans.

Mit dem Waffenstillstand zieht es ihn nach Berlin, zu Grete, Hans’ Frau. Es entwickelt sich zu einer Schauergeschichte à la E. T. A. Hoffmann zuzüglich zweier Teile Sigmund Freud. Denn alle akzeptieren ihn als Hans – nur er selbst nicht. Oder war er immer Hans gewesen – und Wilhelm eine Fiktion? Wer war der Tote bei Verdun?

Bedrängend ist Flamms gehämmerte, vor Panik vibrierende Sprache. Angesichts des Schlachtfelds heißt es: »Hier liegt Europa, hier liegt die Menschheit, hier bin ich, hier liege ich, hier liegt mein Leben.« Psychoanalyse und Pathologisches, beliebt in den 1920er Jahren – man denke an Roberto Arlt –, Identität und Verstörung, all das findet sich in diesem seinerzeit hochgelobten, erstaunlich aktuell anmutenden Roman.

Peter Flamm: »Ich?«. Roman. Mit einem Nachwort von Senthuran Varatharajah. S. Fischer, Frankfurt 2023, 160 S., 22 €

Thüringen

Doppelkonzert eröffnet Jüdisch-Israelische Kulturtage

Nach stornierten Flügen gelingt dem israelischen Sharon-Mansur-Trio aus Haifa doch noch die Anreise nach Deutschland. Jetzt starten die Jüdisch-Israelischen Kulturtage Thüringen gemeinsam mit israelischen und iranischen Künstlern

 04.03.2026

Berlin

Tricia Tuttle bleibt Berlinale-Chefin

Die Amerikanerin muss sich allerdings an Auflagen halten

 04.03.2026

Shkoyach!

Eine Begegnung vor dem Krieg Oder Frieden. Schalom. Saleh.

Die Mullahs mit ihrem rasenden Hass auf Israel als Staatsdoktrin haben bei vielen Iranern genau das Gegenteil bewirkt. Eine Begegnung vor dem Krieg

von Sophie Albers Ben Chamo  04.03.2026

Lebende Legende

Wolf Biermann feiert 90. Geburtstag mit drei Festkonzerten

Vor 50 Jahren wurde der Liedermacher aus der DDR ausgebürgert. Zudem feiert er seinen 90. Geburtstag. Mit Konzerten blickt er auf ein bewegtes Leben voller Musik und politischer Haltung zurück

 04.03.2026

Berlin

Nächste Krisensitzung: Wie geht es weiter bei der Berlinale?

Lebhaft wurde in den vergangenen Tagen über die Zukunft des Filmfestivals und Intendantin Tricia Tuttle diskutiert. Nun trifft sich der Aufsichtsrat erneut

 04.03.2026

Programm

Kleine Großstadtdektive, ein musikalischer Golem und Gespräche: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 5. bis zum 12. März

 03.03.2026

Kult-Comics

80 Jahre Lucky Luke: Der Cowboy mit dem smarten Pferd

Zwar trägt Lucky Luke keinen Davidstern. Der jüdische Autor René Goscinny trug aber entscheidend zum Witz und dem großen Erfolg der Serie bei

 03.03.2026

Berlin

Tuttle will bei Berlinale bleiben - ist der Streit vorbei?

Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle leitet das renommierte Filmfestival seit 2024. Nach Vorwürfen und Kontroversen legt sie sich fest: Sie will weitermachen. Aber längst nicht alle Fragen sind geklärt

von Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat  03.03.2026

Berlin

Weimer: »Auf gutem Weg« zu zukunftsfester Berlinale

Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle will Leiterin des Filmfestivals bleiben. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien reagiert knapp

 03.03.2026