Erinnerung

»Ich hätte ihn öfter fragen sollen«

Andrew Ranicki: »Am Ende hatte mein Vater Frieden gefunden.« Foto: Uwe Steinert

Herr Ranicki, lesen Sie zurzeit ein Buch?
Ich lese immer irgendetwas. Gerade habe ich »Filip« von dem polnischen Schriftsteller Leopold Tyrmand gelesen, und zwar auf Polnisch. Leider ist das Buch weder ins Deutsche noch ins Englische übersetzt worden.

Ein gutes Buch?

Ein fabelhafter Tatsachenbericht, als Roman getarnt. Mein Vater hatte ihn mir vor einigen Jahren ans Herz gelegt. Ich bin erst jetzt dazu gekommen, ihn zu lesen.

Worum geht es darin?
Tyrmand erzählt die Geschichte seines Überlebens. Er war polnischer Jude, und aus irgendeinem Grund hielt er es für eine gute Idee, während des Holocausts in Deutschland unterzutauchen – getarnt als französischer Kellner. Ein unglaubliches Buch!

Dabei lesen Sie sonst hauptsächlich Krimis.
Mittlerweile lese ich auch andere Bücher. Aber es stimmt schon, früher liebte ich Spionage‐Thriller, vor allem die von John le Carré. »Der Spion, der aus der Kälte kam« habe ich mit 15 Jahren atemlos gelesen. Meinem Vater hat das sehr missfallen. Dabei hatte er mir das Buch gegeben, nachdem le Carré ihm in Hamburg eine signierte Erstausgabe geschenkt hatte.

Ihr Vater Marcel Reich‐Ranicki ist vor einem Jahr in Frankfurt gestorben. Sie haben ihn beim Sterben begleitet. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?
Es waren sehr intensive drei Monate. In den letzten Wochen hat er mich immer Olek genannt, nach seinem von den Deutschen ermordeten älteren Bruder. Das war wirklich herzzerreißend.

Hat Ihr Vater in den letzten Monaten noch lesen können?
In seinen letzten beiden Lebensjahren las er nach wie vor sehr viel. Allerdings hatte sich seine Lektüre geändert. Er las fast keine Literatur mehr, dafür umso leidenschaftlicher den SPIEGEL, die Frankfurter Allgemeine und die Süddeutsche Zeitung. Und er hörte bis zum Schluss gern Musik. Die Literatur sah er immer kritisch, Musik liebte er mit Feuer und Flamme.

Gab es zwischen Ihnen eine Art letztes Gespräch?
Nein. Er merkte, dass seine Kräfte schwanden. Er war an Lungenkrebs erkrankt und wurde immer schwächer. Am Ende hatte er – der sonst so unruhig und oft auch unzufrieden war – Frieden gefunden. Übrigens, erst nach seinem Tod habe ich etwas begriffen, was er schon Jahre vorher gesagt hat.

Was genau meinen Sie?

Ihn störte die Idee, am Montag nach seinem Tod nicht den SPIEGEL lesen zu können. Ich glaube, mein Vater wollte wissen, ob er nach seinem Tod auf dem Titelblatt des SPIEGEL stehen würde. So ist es dann ja gekommen. Das hätte er zu gerne noch erlebt. Die Titelgeschichte hätte ihm geschmeichelt.

Wie haben Sie den Tag des Todes erlebt?
Viel gesprochen haben wir nicht mehr. Ich war einfach sehr darum bemüht, dass es ihm möglichst gut ging – das hat er auch gemerkt und geschätzt. Er war nicht allein. Das war wichtig: Zwei Jahre zuvor war ja bereits meine Mutter Teofila gestorben.

Gibt es etwas, dass Sie ihm im Rückblick noch hätten sagen wollen?
Ich hätte in den 70er‐Jahren öfters mit meinem Vater über seine Erlebnisse während der Schoa sprechen sollen. Da war ich Student in Großbritannien und dann Professor in den USA. Generell hätte ich ihn vielleicht öfter darauf ansprechen sollen.

Hätte sich Ihr Vater das gewünscht?

Ich glaube schon. Später, in den 90er‐Jahren, habe ich öfter Fragen gestellt. Meine Mutter und ich ermutigten ihn in dieser Zeit, seine Erinnerungen aufzuschreiben, und seine Autobiografie »Mein Leben« ist auch uns beiden gewidmet.

Darin schreibt er, dass Sie mit 13 Jahren über Goethes »Wahlverwandtschaften« voller Enttäuschung gesagt haben: »Und? Was beweist das über Zahl und Maß? Nichts!« War Ihr Vater traurig, dass Sie Mathematiker wurden und nicht Schriftsteller oder Kritiker?
Überhaupt nicht. Tatsächlich forderte er von mir und meinem Leben nur zwei Sachen. Erstens: Er wollte, dass ich um jeden Preis berühmt werde. Den Gefallen konnte ich ihm nicht tun. Meine Mutter hingegen wollte, dass ich um jeden Preis glücklich werde. Ich habe mich für den Mittelweg entschieden: Ich bin ein guter Mathematikprofessor geworden – und ziemlich zufrieden mit meinem Leben.

Und zweitens?

Er legte immer großen Wert darauf, dass ich gut angezogen war. Damit hat er mir jahrelang in den Ohren gelegen. Wie die meisten Mathematiker ist mir Kleidung absolut unwichtig. Kleidung muss bequem sein, ich trage am liebsten Pullover. Diese Modetipps nervten mich wirklich. Als er dann in den 90er‐Jahren seine Autobiografie veröffentlichte hatte, verstand ich, warum ihm das so wichtig war: Im Warschauer Ghetto hatte er beobachtet, dass gut angezogene Menschen eine bessere Überlebenschance hatten.

Spielte das Thema Holocaust bei Ihnen zu Hause eine große Rolle?
Ich wuchs in Polen auf, damals wurde viel darüber gesprochen. Als meine Mutter einmal mit mir durch Warschau ging, sagte sie: Hier war früher das Ghetto. Hier haben dein Vater und ich überlebt. Da war ich gerade einmal acht Jahre alt.

Gab es viele solcher Momente?

Eigentlich nicht. Meine Eltern erzählten mir sehr früh, dass die Deutschen meine Großeltern ermordet hatten. Um mich nicht zu belasten, haben sie nicht zu viel darüber gesprochen. Sie waren bemüht, mich zu schützen.

Für viele Kinder von Überlebenden war es das oberste Gebot, ihre Eltern glücklich zu machen. Wie war das bei Ihnen?
Ich habe mich viel mit dem Thema Zweite Generation beschäftigt. Auch mit der Frage, ob die Traumata weitervererbt werden. Ich habe immer versucht, ein guter jüdischer Sohn zu sein, außer dass meine Frau nicht Jüdin ist. Gleichzeitig versuchte ich, einen Kompromiss zwischen den Erwartungen meiner Eltern und meinen eigenen zu finden.

Konnte es angesichts dessen, was Ihre Eltern erlebt haben, überhaupt so etwas wie eine normale Kindheit geben?

Von anderen jüdischen Familien weiß ich, dass die Erinnerung an die Schoa alles überlagerte. Das war bei uns zu Hause nicht der Fall. Ja, ich wusste von klein auf, was meinen Eltern, Großeltern und anderen Familienmitgliedern widerfahren war. Und eine Art Pessach‐Haggada in unserer Familie war die Geschichte der Hochzeit meiner Eltern am 22. Juli 1942, dem Tag, an dem die »Aussiedlung« des Warschauer Ghetto befohlen wurde, und mein Vater diesen Befehl übersetzte. Wir haben aber auch über viele andere Sachen gesprochen – und viel und gerne gelacht. Auf jeden Fall waren meine Eltern sehr herzlich und haben mir gezeigt, dass sie mich lieben.

Wundern Sie sich im Nachhinein, dass Ihre Eltern 1958 aus Polen ausgerechnet in die Bundesrepublik gingen?
Sie hatten eigentlich keine andere Wahl. In Polen konnten und wollten sie nicht bleiben. Und mein Vater wollte unbedingt als deutscher Literaturkritiker arbeiten. Das hätte er aufgrund der Sprache sonst nur in der Schweiz oder Österreich gekonnt, was nicht realistisch war. Israel war meinen Eltern zu orientalisch, zu heiß, und Hebräisch sprach mein Vater auch nicht. Als meine Eltern 1958 beschlossen, Polen zu verlassen, blieb nur Deutschland übrig.

Welche Erinnerungen haben Sie an die ersten Jahre in Deutschland?
Nun, mein Vater hat damals ungeheuer viel gearbeitet. Wir lebten zuerst in Hamburg. Dort versuchte er, sich bei der »Welt« und der »Zeit« einen Namen zu machen. Sein Ziel war es, hervorragende Literaturkritiken zu schreiben und dennoch von allen verstanden zu werden. Meiner Mutter sagte er einmal, dass dieses Experiment entweder krachend scheitern oder ihn ganz an die Spitze des Literaturbetriebs katapultieren würde. Zum Glück ist es Letzteres geworden!

Sie waren neun Jahre alt, als Sie von Warschau über London nach Hamburg kamen. Eine Art Kulturschock?
Ja, aber ich konnte es vertragen. Meine Eltern wussten nicht, ob sie in Deutschland bleiben würden, deswegen lebte ich zuerst ein Jahr allein bei der Schwester meines Vaters in London. Als ich in Hamburg ankam, sprach ich nicht ein Wort Deutsch. Ich besuchte eine englische Schule, Unterrichtssprache war Englisch. Und zu Hause unterhielten wir uns immer auf Polnisch. Das hatte zur Folge, dass ich die ersten Jahre zwischen allen Stühlen saß – vielleicht bin ich deshalb Mathematiker geworden!

War es eine bewusste Entscheidung Ihrer Eltern, Sie nicht an einer deutschen Schule anzumelden?
Ja, sie wollten nicht, dass ich in Kontakt mit den ganzen alten Nazi‐Lehrern kam. Auf der internationalen Schule war ich mit diesen ganzen Sachen nicht konfrontiert – eine gute Entscheidung.

Auf die Frage, ob er sich als Deutscher oder Pole begriff, hat Ihr Vater einmal gesagt: Ich bin halber Pole, halber Deutscher und ein ganzer Jude. Was würden Sie antworten?
Er hat diese Antwort später widerrufen. Aber zu Ihrer Frage: Ich bin halber Pole, halber Schotte, ein ganzer Jude – und im Herzen auch Deutscher. Ich bin seit der Geburt britischer Staatsbürger. Erst kürzlich habe ich dazu die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen. Ich glaube, ich bin noch polnischer Staatsbürger.

Was bleibt von Ihrem Vater – und was unterscheidet Sie von ihm?
Sein Schaffen und seine Persönlichkeit werden bleiben. Von ihm habe ich seine Leidenschaft. Wie er kann ich mich für etwas sehr begeistern. Ein Unterschied ist die Haltung zu Menschen: Bei ihm gab es nur gut oder schlecht. Ich sehe die Menschen etwas bunter, und bin toleranter. Toleranz war die Sache meines Vaters nicht (lacht).

Andrew Ranicki wurde 1948 in London geboren. Er wuchs in Hamburg auf und studierte in den Vereinigten Staaten und Großbritannien Mathematik. 1973 promovierte er in Cambridge über die algebraische L‐Theorie und war anschließend Research Fellow am Cambridger Trinity College und Gastforscher am französischen Institut des Hautes Études Scientiques in Bures‐sur‐Yvette. Von 1977 bis 1982 lehrte und forschte Andrew Ranicki in Princeton, zuletzt als Assistenzprofessor, bevor er 1982 an die Universität Edinburgh in Schottland wechselte, wo er seit 1995 Lehrstuhlinhaber für Algebraische Chirurgie ist. Seine Spezialgebiete sind Topologie und Geometrie. Andrew Ranicki ist verheiratet und Vater einer Tochter.

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