Literatur

»Ich habe sie mir erschrieben«

Erfuhr erst im Alter von 16 Jahren von ihrer berühmten Urgroßmutter: Katharina Adler Foto: Christian Rudnik

Ida hatte ihn, und Katharina Adler hat ihn auch: den »Adler‐Daumen«, mit dem »kümmerlichen, winzig kleinen Rest eines Fingernagels«. Er ist so etwas wie ein Verwandtschaftsbeweis, wenn auch ein völlig unnötiger.

Die 1980 in München geborene Autorin Katharina Adler ist die Urenkelin von Ida Adler, die vor ihrer Heirat mit dem nicht sonderlich erfolgreichen Komponisten Kurt Adler Ida Bauer hieß und der Welt als Sigmund Freuds berühmter »Fall Dora« im kulturellen Gedächtnis geblieben ist.

Unlängst hat Katharina Adler ein Buch über ihre Urgroßmutter geschrieben. Ihr Debütroman Ida über eine der bekanntesten Patientinnen des 20. Jahrhunderts wird seitdem von den Rezensenten hochgelobt.

DIWAN Ida Bauer lag im Jahr 1900 auf dem berühmten Diwan Sigmund Freuds. Ging als gerade einmal 18‐Jährige elf Wochen lang zu dem damals noch nicht so berühmten Arzt in der Berggasse 19. Der hielt den »Fall« schriftlich fest in dem 1905 erschienenen Bruchstück einer Hysterie‐Analyse.

Ida hatte ihm – so viel lässt sich da herauslesen – die willkommene Möglichkeit gegeben, erstmals therapeutische Konsequenzen aus seiner bereits erschienenen Traumdeutung zu ziehen. Allerdings brach Ida die Behandlung zu Freuds großer Unzufriedenheit vorzeitig ab. Das hatte sich bisher noch niemand erlaubt. Ein starkes Stück!

Trotz aller Assimilation behielt das Judentum etwas Verbindendes.

Katharina Adlers Urgroßmutter entstammte einer wohlsituierten jüdisch‐wienerischen Textilindustriellen‐Familie. Ihr Vater Philipp Bauer kränkelt sehr und immer, ist den Damen nicht abgeneigt, bringt Tuberkulose mit in die Ehe, die »Wiener Krankheit«. Mutter Käthe, geborene Gerber, kränkelt ebenfalls. Man besucht Kurstätten, übt sich im Aufrechterhalten von Fassaden.

Sohn Otto begründet, dem Elternhaus entwachsen, den »Austromarxismus«, wird als Jude und »Sozi« tatsächlich für ein Jahr Außenminister der Republik »Deutschösterreich« – von 1918 bis 1919, in der Zeit, in der sich in verschiedenen Städten Räterepubliken bilden. Otto ist mittendrin, die um ein Jahr jüngere Schwester Ida ebenfalls.

Als 14‐Jährige war Ida mehrmals von einem Mann sexuell bedrängt worden,

ANKLAGEN 1900 hatte der Vater Ida wegen ihrer diversen Leiden zu Sigmund Freud geschickt. Ein Brief war aufgetaucht, in dem das Mädchen angedeutet hatte, sich umbringen zu wollen. Es war einiges zusammengekommen, und vergessen wollte der junge Kopf des aufgeweckten Mädchens auch nicht.

Als 14‐Jährige war Ida mehrmals von einem Mann sexuell bedrängt worden, mit dessen Ehefrau sich der Vater eingelassen und auf dessen Kinder sie ab und zu aufgepasst hatte.

Im Übrigen auch das ein Verdienst von Katharina Adlers Buch: Es dröselt die Kompaktheit der Verhältnisse auf und vermittelt sie prosaisch überschaubar. Idas Anklagen gegen den übergriffigen Mann schenkte jedenfalls niemand Glauben – außer Sigmund Freud, auch wenn der die Sache sehr verdrehte, sodass es in Idas Kopf nur so schwirrte.

Die »Freud‐Szenen« habe sie lange vor sich hergeschoben, gesteht Katharina Adler. »Am Ende bin ich sie dann angegangen, habe sie tatsächlich beim Schreiben für mich entdeckt«, sagt sie. Einerseits könnte man Sigmund Freud dafür verantwortlich machen, dass Ida Bauers Leben für die Nachwelt auf einen »Fall« reduziert worden ist, andererseits wäre uns Ida Bauer ohne Freuds »Dora« wohl völlig abhandengekommen, und Katharina Adlers Vorfahrin wäre weniger berühmt und möglicherweise eine weniger spannende Romanfigur gewesen.

Wie es in ihrem Herzen ausgesehen haben mochte, wusste keiner.

EMANZIPATION Unterstützt durch ein Literaturstipendium und ausgestattet mit einiger Autorinnenerfahrung, hat die Schriftstellerin sich ihre Urgroßmutter aus dem, was sie wusste, und dem, was sie sich vorstellte, »erschrieben«. Entstanden ist ein »halbfiktionaler« Roman mit einer prominenten Figur im Mittelpunkt, die mit ihrer Art und ihrer Intelligenz exemplarisch für viele Frauen ihrer Zeit steht. Mit einer gewissen Härte und Direktheit ausgestattet, steckten diese Frauen viel ein, teilten aber auch kräftig aus. Und sie rauchten jede Menge Zigaretten.

Ida liest sich in einem Atemzug. Vor den Augen der Leser emanzipiert sich Ida von »Dora«, von Freud, von den Männern, befreit sich vom bloßen Patientinnendasein, geht heraus aus dieser Fallgeschichte, tritt ein ins Leben des Fin de Siècle. Vor reicher Kulisse mit viel Zeitkolorit durcheilt Katharina Adlers Figur ihre Lebenszeit von 1882 bis 1945, und wir eilen mit.

1941 betritt Ida nach der Flucht vor den Nazis New York. Es ist die Szene, mit der Katharina Adler ihr Buch beginnen lässt. »Und ich muss sagen, dass Ida mir in dieser Passage tatsächlich am Nächsten steht – da tritt sie eigenständig auf, ist am Weitesten von Freud weg und am ehesten meine Urgroßmutter«, stellt die Autorin fest.

vater Sechs Jahre lang hat Katharina Adler an diesem Buch gearbeitet. »Sie sind vergangen wie im Flug, obwohl ich danach schon auch das Gefühl hatte, dass das jetzt so etwas wie einer meiner Lebensabschnitte gewesen ist.«

Natürlich hat sie, um ihre Fiktion mit Fakten zu unterfüttern, auch viel recherchiert, hat verschiedene Archive in den USA, den Niederlanden, in Österreich durchforstet, sagt aber, »so wirklich viel gefunden« habe sie nicht.

1941 betritt Ida nach der Flucht vor den Nazis New York. Es ist die Szene, mit der  Adler ihr Buch beginnen lässt.

Dass Katharina Adler und ihre Eltern überhaupt davon erfahren haben, dass der »Fall Dora« zur eigenen Familiengeschichte gehört, geht auf einen Anruf Mitte der 90er‐Jahre zurück. »Ein Psychoanalytiker hat bei meinem Vater angerufen und gesagt: ›Ja, Sie sind ja der Enkel von der Ida Bauer, und das war ja der Fall Dora – wir würden gerne mehr darüber erfahren‹, und mein Vater ist aus allen Wolken gefallen«, erzählt Katharina Adler. Sie selbst war zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt.

Den Sohn von Ida Adler, ihren Großvater, hatte Katharina Adler als kleines Mädchen noch kennengelernt. Kurt Adler hatte es als Dirigent und Operndirektor der San Francisco Opera zu Ansehen gebracht. Ein strenger, autoritärer Mann sei er gewesen, sagt sie, immer nur nach vorne gesehen habe er, kein Wort verloren über die Vergangenheit.

»Verfolgung und Flucht aufgrund der jüdischen Herkunft ist bei ihm und bei uns nie Thema gewesen, und das hat wohl auch mit Respekt gegenüber denen zu tun, die ganz anderes erlebt haben. Er und seine Mutter sind davongekommen, auch wenn die Flucht wohl gar nicht so ganz ohne war«, meint Katharina Adler und erinnert sich noch daran, dass Kurt Adler ab und zu den »guten Humor« seiner Mutter erwähnt hat. »Aber wie es in ihrem Herzen ausgesehen haben mochte, das wusste keiner«, habe er dann immer hinzugefügt.

AMERIKA Zu Kurt Adlers Freundes‐ und Bekanntenkreis gehörten in Amerika immer viele Emigranten, Juden wie Nichtjuden. »Waren einige beieinander, fand dieses stumme Ordnen und Taxieren – gehört der zu uns oder nicht – statt, dieses Abklopfen. Das ist etwas, was mir bis heute bekannt und vertraut ist«, sagt Katharina Adler.

In ihrem Buch – Ida ist gerade auf dem Weg zu Freud und denkt vor sich hin –, heißt es einmal: »Allerheiligen auch noch, wie jedes Jahr. Aber damit hatte sie nichts zu tun, diesen Feiertag begingen sie nicht. Der Herr Doktor machte auch nicht frei. Er war wie sie. Das merkte sie an Kleinigkeiten.«

»Diese Passage war mir sehr wichtig«, erläutert Katharina Adler. Mit ihr habe sie zeigen wollen, dass das Judentum bei aller Assimilation doch etwas Verbindendes für die Menschen behalten habe, und dass es »durchaus eine Rolle spielte, auch wenn man es nicht wirklich thematisiert« habe. Dass man seinen »mosaischen Glauben« nicht beim Namen nannte, sei laut Adler schon ein Zeichen dafür gewesen, »dass Antisemitismus bis ins eigene Denken hineingegangen« sei.

Auf der letzten Frankfurter Buchmesse eilte die junge Autorin von Termin zu Termin, von Interview zu Interview, sagt sie rückblickend. Und plötzlich war die Stimme weg. Nicht ganz. Aber sie klang ganz schön angekratzt. Eine Aphonie wie bei ihrer Urgroßmutter Ida war das nicht. Nur eine banale Halsentzündung. Und gegen die hilft bekanntlich schon Tee.

Katharina Adler: »Ida«. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2018, 512, S., 25 Euro

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