Comedy

»Ich bin nicht die Comedy‐Polizei«

Oliver Polak Foto: Gregor Zielke

Herr Polak, in Ihrer neuen Live‐Show machen Sie nicht nur Stand‐up und lesen aus Ihrem Buch »Ich darf das, ich bin Jude«, Sie werden auch von einer Big Band begleitet und singen. Wieso das?
Mit neun war ich mit meiner Mutter auf einem Konzert von Udo Jürgens. Das war in Oldenburg, Weser‐Emshalle. Mit dem 25‐köpfigen Pepe Lienhard Orchester hat Udo zweieinhalb Stunden live gespielt. Dieser Abend hat mich beeindruckt und auch sehr stark geprägt.

Deswegen singen Sie, mit einem Gospel‐Chor im Hintergrund, »Lasst uns alle Juden sein«?
Ist komischer als mit einem Chor aus orthodoxen Juden, oder? Und vor allem generell nicht so schunkelig deutsch, wie solche Sachen sonst immer laufen, wo am Ende noch mal ein bekanntes Lied kommt, damit alle auf eins und drei mitklatschen können und die Uniform vom Großvater rausholen dürfen.

Ich habe auch fast damit gerechnet, dass Sie am Ende Ihrer DVD, wie Udo Jürgens, mit einem Bademantel auf die Bühne kommen.
Nee, mit einem Bademantel lauf‹ ich schon nackt durch Mitte, wenn es mir nicht so gut geht. Wenn ich traurig bin, weil mir Amazon die DVD für »Schindlers Liste« zum x‐ten Mal empfohlen hat. Wolfgang Schäuble empfiehlt man doch auch nicht die DVD‐Box von »Auf Achse« oder Monica Lierhaus »Lola rennt«.

Sie waren kürzlich in New York. Welchen Eindruck hat die dortige Comedy‐Szene auf Sie gemacht?
Ich war dort im Comedy Cellar und habe Judah Friedlander und Dave Attell kennengelernt. Für mich war das wichtig, weil ich gemerkt habe, dass ich mich da zugehörig fühlte, was hier oft nicht der Fall ist. So wie bei Stand‐up‐Comedians wie Sarah Silverman, die ihr Leben, ihre Wurzeln als Basis für ihre Comedy benutzen. Ist ja bei mir auch so: Oliver Polak aus Papenburg und Jude. Klingt komisch – ist aber so.

Ist das der Unterschied zu deutscher Comedy, bei der es oft um Verkleidungen und Figuren geht – der Lebensbezug?
Bei deutscher Comedy werden oft Ressentiments erzählt: Frauen können nicht einparken, Türken essen nur Döner. Das wird als Witz präsentiert, gleichzeitig ist es aber schon die Pointe. Oft ist es einfach rassistisch und halt ein billiges falsches Vorurteil. Wenn ich ein Ressentiment präsentiere, dann ja eigentlich nur, um es zu zerschlagen.

Die deutsche Humortradition tritt ja eher nach unten als nach oben.
Ich bin nicht die Comedy‐Polizei – Entschuldigung, Comedy‐Gestapo. Ich kann nur sagen, was ich mag und was ich nicht mag. Und was ich nicht mag, ist halt dieser Rassismus. Vielleicht muss man auch humorfrei sein, um Deutschlands erfolgreichster Komiker zu sein. Aber man kann nur das machen, was zu einem passt. Das ist jetzt zu unlustig für ein Interview, oder?

Geht schon. Was ist mit Kabarett?
Kabarett ist furchtbar. In Österreich nicht, mit Josef Hader und früher Kreisler und so. Aber in Deutschland gibt es dieses Wellness‐Kabarett: Da steht jemand, der versucht zu amüsieren, arbeitet auf Zustimmung hin, und am Ende denkt man noch, ich hab‹ was Gutes getan. In meinen Shows passiert das nicht. Da wird niemandem Absolution für irgendetwas erteilt. Es ist Comedy, Unterhaltung, aber da steckt das Wort »Haltung« ja schon drin.

Sie möchten mit Ihrer Comedy also etwas erreichen?
Ja, dass die Leute lachen. Vielleicht auch, dass sie nachdenken. Aber am Ende geht es immer um Humor und um Absurdität. Es geht mir auch nicht um Verständigung zwischen jüdischen Deutschen und nicht‐jüdischen Deutschen. Ich hab‹ mein Buch »Ich darf das, ich bin Jude« genannt, weil ich es lustig finde. Mehr nicht. Das ist halt ein Gag.

Und was ist mit der Rolle als Vertreter junger Juden?
Immer will man unbedingt über neues jüdisches Leben schreiben. Es gab eine Generation, die sehr ungemütlich für die Leute war, und deswegen sehnt man sich jetzt nach einer neuen. Deswegen immer diese Geschichte von »neuem jüdischen Leben«. Da klingt auch immer der Wunsch nach einem Schlussstrich durch. Da hab‹ ich aber nichts mit zu tun, und mir wird ehrlich gesagt kotzübel bei so einem Geschwafel.

Und was sagen Sie zu Ihren jüdischen Fans?
In Köln kam ein 13‐Jähriger zu mir. Er ist der einzige Jude in seinem Dorf und hat sich bei mir für sein Buch bedankt. Ist doch schön. Vielleicht ist es diese Selbstverständlichkeit, die die Leute bewegt.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Sie sich bei Ihren ersten Auftritten vor ein paar Jahren auf die Bühne gestellt haben und »Hallo, ich bin Jude« gesagt haben?
Da waren die Reaktionen eben nicht Begeisterung, sondern oft auch Irritation. Als ob manche denken würden: »Was, die dürfen wieder auftreten? Wusste ich noch gar nicht.« Für mich ist das Jüdische in mir selbstverständlich, ist ja nicht so, dass ich gestern aufgewacht bin und dachte: »Mensch, da unten ist es aber kalt, oh, da fehlt ja was.« Für andere ist es das anscheinend nicht. Natürlich gibt es auch eine Nicht‐Normalität. Damit spiele ich gerne. 35 Jahre lang wurden mir dumme Fragen gestellt, jetzt gibt’s im Stand‐up die dummen Antworten.

Welche neuen dummen Fragen sind seit Beginn Ihrer Karriere dazugekommen?
Oft bekomme ich dubiose Anfragen: »Wir zeigen in diesem Jahr eine große Sonderausstellung zur Zwangsarbeit. Gern möchten wir Sie als jungen Vertreter der ›jüdischen Community‹ engagieren, um einen anderen Blick auf das Thema ›Jude in Deutschland‹ zu zeigen, dass es auch lustig sein kann.« Was soll das heißen? Wir waren immer schon lustig! Ihr habt nur die Gags nicht verstanden und wolltet uns dann umbringen.

Thomas Lackmann vom Berliner Tagesspiegel hat sie »Berufsjude« und »Gaskammer‐Kalauerer« genannt.
Sehr freundlich, nicht? Ich las das gemeinsam mit Georg Kreisler, das war kurz vor unserem Auftritt in Berlin, und wir haben nur den Kopf geschüttelt. Der ehemalige Landesrabbiner von Württemberg rief mich mal an und sagte zu mir, ich sei eine Schande fürs Judentum. Ich wüsste nichts, noch nicht einmal, wer Ben Gurion ist. Ähm, natürlich weiß ich, wer Gurion ist! Wer kennt den nicht: 223 Auswärtsspiele für Arminia Bielefeld, zweimal Torschützenkönig der Zweiten Liga. Golden Goal Gurion. Ist natürlich Blödsinn. Ben Gurion ist ein Flughafen, aber jetzt fragen Sie mich nicht, nach wem der benannt wurde – keine Ahnung. Das ist meine Antwort auf solche Vorwürfe.

Apropos Rabbiner. Es ist Freitag, 19.00 Uhr – sollte man jetzt nicht, statt bei Luigi Zuckermann Sandwiches zu essen, eigentlich woanders sein?
Es gibt Leute, die sind religiös und es gibt Leute, die sind es nicht. Wenn ich zum Schabbat eingeladen werde, dann gehe ich auch gerne hin. Aber ich werde so selten eingeladen. Sollte ich wahrscheinlich auch mal drüber nachdenken.

Das Gespräch führte Fabian Wolff.


Oliver Polak wurde 1976 in Papenburg geboren. Nach Moderatorentätigkeiten bei VIVA und RTL steht er seit 2006 mit Stand‐up‐Comedy auf der Bühne. Sein Buch »Ich darf das, ich bin Jude« erschien 2008. Die DVD »Ich darf das, ich bin Jude! Live!« ist am 24. Februar 2012 erschienen.

Die Tourdaten:
13. März – Hamburg, Zentrale im Thalia Theater
14. März – Bremen, Lagerhaus
15. März – Witten, WerkStadt
17. März – Luxemburg Festival, Internat – Humour pour la Paix
18. März – Saarbrücken, JUZ Försterstraße
19. März – Völklingen, Kulturhalle
20. März – Köln, Stadtgarten
22. März – Osnabrück, Lagerhalle
17. April – Frankfurt, Zoom
18. April – Wiesbaden, Pariser Hoftheater
19. April – Düsseldorf, Comedy gegen Rechts
20. April – Essen, Katakombentheater
8. Mai – München, Volkstheater
21. Mai – Magdeburg, Café Central
22. Mai – Potsdam, Lindenpark
23. Mai – Dresden, Wechselbad
24. Mai – Karlsruhe, Tollhaus
25. Mai – Mainz, Unterhaus
26. Mai – Mainz, Unterhaus
28. September – Papenburg, Theater auf der Werft

www.oliverpolak.com

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