Interview

»Ich bin ein Jude aus der Diaspora«

Daniel Cohn-Bendit wurde am 4. April 1945 in Frankreich geboren und lebt in Frankfurt am Main. Foto: imago images / IP3press

Herr Cohn-Bendit, erst mit 75 Jahren haben Sie angefangen, sich öffentlich mit Ihrem Judentum auseinanderzusetzen – in dem Film »Wir sind alle deutsche Juden«. Darin sprechen Sie auch mit der Jiddisch-Sängerin Talila aus Paris. Sie erinnert sich an Gespräche mit Ihnen aus der Jugendzeit über Ihre jüdische Familie – Sie hatten das vergessen. Wirklich?
Ich hatte in der Tat vergessen, wenn ich an Talila gedacht habe, dass ich mich mit ihr auch über meine jüdischen Wurzeln, meine Familie, meine Mutter unterhalten hatte. Vergessen? Verdrängt? In Wirklichkeit war das Judentum immer prägend für meine Selbstdefinition. Ich habe mich als Linker, als Grüner, als Europaabgeordneter gesehen – was ich auch immer war. Aber die Schnittmengen mit der jüdischen Geschichte und Realität habe ich lange nicht versucht zu eruieren.

Gab es in Ihrer Familie denn jüdische Tradition?
Nein, es gab nur meine Mutter. Sie war Wirtschaftsleiterin an einem jüdischen Gymnasium, sie hat Sommercamps für Kinder geleitet und hatte eine große Tradition in jüdischen Institutionen. Aber das hatte keinen großen Einfluss auf unser Alltagsleben. Es gab keinen Schabbes, keine jüdischen Feiertage, auch nicht Jom Kippur. Ich bin areligiös groß geworden.

In dem Film Ihres Stiefsohns Niko Apel treffen Sie Ihren Bruder Gaby, der neun Jahre älter ist als Sie und in Frankreich lebt. Er weigert sich, sich selbst als Jude zu definieren, und sagt: »Ich kann genauso aufhören, Jude zu sein wie Trotzkist.« Warum irrt er sich Ihrer Meinung nach?
Weil – und das sieht man in dieser Corona-Zeit – der Antisemitismus einen einfach immer zurückwirft. Und wenn ich das Bild von dem Jungen sehe, der beim Aufstand im Warschauer Ghetto die Hände hochhält, dann denke ich immer: Das hätte ich sein können. Aus dieser Schicksalsgemeinschaft kann man sich nicht herausstehlen. Man gehört immer dazu, auch wenn man nicht affirmativ dazugehört.

Ihr Bruder hingegen sagt, er hätte genug vom »Identitätsgehabe«. Können Sie ihn verstehen?
Ja, die Überbetonung der individuellen Identität macht es schwierig, universelle Werte zu verteidigen. Mein Nachdenken über meine jüdische Identität bedeutet ja keine Zurückwendung zur jüdischen Religion. Es ist nur der Versuch, meine individuelle Identität zu klären, ohne den Anspruch zu haben, ein Beispiel für andere darzustellen.

Ist Ihnen mit diesem Film eine Klärung gelungen?
Teilklärungen sind mir schon gelungen – sicherlich auch durch Nachdenken, nicht nur durch den Film. Meine jüdische Identität bedeutet: Ich bin Teil der jüdischen Geschichte und damit auch Teil der Verfolgung der Juden, ich bin Teil einer Minderheit der Gesellschaft und werde nie – wie die anderen sie definieren – zur Mehrheitsgesellschaft gehören. Das ist mir in den vergangenen zwei bis drei Jahren klar geworden.

Den Anstoß dazu hat Ihre Frau gegeben, die selbst nicht jüdisch ist?
Ja, weil meine Frau in der Art etwas wiedererkennt, wie ich mich für Menschenrechte einsetze, zum Beispiel für Muslime in Bosnien: dieses Gefühl, das Berührtsein davon, dass diese Menschen aufgrund ihrer ethnischen Identität verfolgt wurden.

Der Film heißt »Wir sind alle deutsche Juden«. Können Sie allen Nach-68ern kurz erklären, was dieser Titel bedeutet?
Ich bin im Sommer 1968 als Folge der Studentenunruhen aus Frankreich ausgewiesen worden. Damals hatte ich einen deutschen Pass. Gegen meine Ausweisung gab es eine Demonstration von mehr als 100.000 Menschen, die diese Parole skandiert haben: »Wir sind alle deutsche Juden.« Das war wunderschön, aber es hat mich gleichzeitig auch stutzig gemacht. Plötzlich war ich nicht mehr der Linke, der libertäre Dany, sondern der Jude. In diesem Moment wurde ich damit zum ersten Mal konfrontiert. Es gab auch eine große Gegendemonstration 1968, und an der Spitze der Bewegung gab es Parolen wie »Cohn-Bendit nach Dachau« und »Frankreich den Franzosen«.

Welche Erfahrungen haben Sie später in Frankfurt am Main mit Antisemitismus gemacht?
Beim Kampf für besetzte Häuser – viele Hausbesitzer waren Juden – tauchte auf einmal ein Plakat auf: »Die Schweine von heute werden die Schinken von morgen sein.« Das ist ja eine Vernichtungsfantasie, die unerträglich war.

»Wir sind alle deutsche Juden« spielt zum Großteil in Israel. Ist dieser Widerspruch in Ihrer Familiengeschichte angelegt? Ihre Mutter wollte nach Israel auswandern, aber dazu kam es nicht …
Weil mein Vater nicht wollte.

Sie selbst haben Israel erstmals 1962 besucht, mit 17 Jahren.
Ja, ich war im Kibbuz Hasorea, das hatte meine Mutter kurz vor ihrem Tod noch eingefädelt. Meine Mutter wollte auch, dass ich die Barmizwa mache.

Und, haben Sie?
Nee. Meine Mutter hätte es gerne gehabt, dass ich zum Judentum eine engere Bindung entwickle. Sie hat kein Drama daraus gemacht, aber sie hat es immer nett versucht. Sie hat mich auch zu »Hashomer Hatzair« geschickt, eine linke zionistische Organisation. Damals war ich 13 oder 14. Nach einer Woche bin ich aber nicht mehr hingegangen. Ich wollte keine Uniform tragen.

Wie erinnern Sie sich an Ihre Zeit im Kibbuz? Sie sind als 17-Jähriger alleine mit dem Schiff nach Israel gefahren …
Ich habe viel Spaß gehabt, bin um halb fünf aufgestanden, habe Melonen geerntet, zu viele Melonen gegessen und Durchfall bekommen. Nach sechs Wochen bin ich zurückgefahren.

In Tel Aviv begegnen Sie vor der Kamera Naomi Bubis, die einen anderen Weg gewählt hat als Sie. Haben Sie manchmal darüber nachgedacht, ob Sie doch in Israel besser aufgehoben wären?
Nein. Ich bin mehrmals nach Israel gereist, aber für mich ist Israel keine Option. Ich bin ein Jude aus der Diaspora.

Sie treffen auch eine Siedlerin, eine jüdische und eine palästinensische Mutter, die ihre Söhne verloren haben, einen israelischen Ex-Geheimdienstchef und ultraorthodoxe Jeschiwa-Studenten … Das klingt ein bisschen wie ein Programm der Bundeszentrale für politische Bildung.
Nein, ich wollte unterschiedliche Versionen dessen zeigen, wie sich Menschen in Israel als Juden definieren.

Die ultraorthodoxe Modejournalistin Shalhevet, der Sie ebenfalls begegnen, kritisiert Sie hart und erklärt Ihnen, Judentum sei keine Sache nur für Filme und Fotos. Sie hätten sich durch Ihre Ehe mit einer nichtjüdischen Frau selbst exkommuniziert.
Ich kenne diese Position. Vor knapp 40 Jahren hatte ich einmal eine Diskussion mit jungen jüdischen Frauen über Judentum. Und irgendwann sagten mir alle: Du wirst erst ein Kind bekommen, wenn du mit einer jüdischen Frau zusammen bist.

Es ist anders gekommen. Hatte Ihr Sohn Bela Cohn-Bendit, der bei Makkabi Jugendliche trainiert, Probleme damit, dass er nicht Gemeindemitglied werden kann?
Nein, überhaupt nicht. Mein Sohn hat ein wunderbares Verhältnis zur Gemeinde und zu etlichen Juden in Frankfurt. Seine Frau stammt aus Eritrea und war eine Zeit lang Lehrerin in der jüdischen Schule. Für sie ist Judentum Teil der real existierenden multikulturellen Gesellschaft Frankfurts.

Der Film endet mit einer Ansage an Ihren Enkel: »Du hast die Wahl.«
Ich glaube, jede Generation hat die Wahl, ihre Identität selbst zu bestimmen – ob ich es bin, mein Sohn oder mein Enkel.

Mit Daniel Cohn-Bendit sprach Ayala Goldmann.

Der Film »Wir sind alle deutsche Juden« läuft am Montag, den 11. Oktober, um 23.35 Uhr in der ARD. Ab dem 8. Oktober ist der Film dort auch in der Mediathek zu sehen.

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