Musik

»Ich bin eben ein Jerusalem-Typ«

Die Sängerin Avigayil Koevari. Foto: Flash 90

Es ist Januar, und der Wind pfeift durch die Straßen von Tel Aviv. Avigayil schneidet in der Küche einer unrenovierten Bauhauswohnung Ofengemüse. Seit zehn Jahren lebt die 32-Jährige in Tel Aviv, fühlt sich aber immer noch als Gast. »Ich bin eben ein Jerusalem-Typ«, sagt sie. »Das liegt hauptsächlich an meinem religiösen Hintergrund und an Freunden. Vieles ist anders, und überhaupt ist das ein sehr komplexes Thema.«

Avigayil wuchs in einem modern-orthodoxen Haushalt auf. Nach dem Militärdienst begab sie sich mit ihrem damaligen Freund auf eine Indienreise. Danach stand alles Kopf. Ihr Freund wurde von Tag zu Tag religiöser, während ihr Glaube schwand.

Wikipedia beschreibt Avigayil Koevary als »israelische Sängerin, Musikerin, Film- und TV-Schauspielerin«. Die Rimon School of Jazz and Contemporary Music hat sie seinerzeit abgebrochen. »Ich war innerlich blockiert, und die Schule war sehr teuer«, sagt sie. Offensichtlich hat ihr dieser Bruch gutgetan, denn mittlerweile befindet sie sich in den Aufnahmen zu ihrem vierten Studioalbum.

Wie so oft hat sie auch heute Essen für ihre Musiker ins Studio mitgebracht. Tel Aviv ist teuer, und sie versteht es, eine gute Arbeitsatmosphäre herzustellen. Ihre Band »Koevary« besteht ausschließlich aus männlichen Musikern. In Tel Aviv, der liberalsten Stadt Israels, bilden sich erst seit einiger Zeit Frauenbands. Vor Kurzem hat Avigayil auch bei einem Frauenmusikprojekt mitgemacht.

Die Besetzung ihrer Band bleibt aber beim Alten. Sie kennen sich schon seit Jahren und sind gute Freunde geworden. Bei Avigayil gibt es ohnehin schon genug Ungewöhnliches. Frauen wie sie, mit religiösem Hintergrund, die Indie-Pop oder Rockmusik machen, sind selten.

DISZIPLIN Avigayil wirkt entspannt, ist aber diszipliniert. Im Studio treibt sie ihre Leute immer wieder sanft an. Man spürt sofort, der kollektive Spirit ist ihr wichtig. Die Band »Koevary« ist Avigayil Koevary. Sie schreibt die Texte und Melodien. Mit Ziv Zac, ihrem Produzenten, arbeitet sie die Songs aus. Alles Öffentliche, wie Radiotermine, Interviews und Social Media, managt sie selbst.
Frauen mit religiösem Hintergrund, die Indie-Pop machen, sind selten.

Frauen mit religiösem Hintergrund, die Indie-Pop machen, sind selten.

Natürlich ist sie Feministin. »Alle Frauen sollten Feministinnen sein!«, sagt sie wie aus der Pistole geschossen, während sie das Gemüse in den Ofen schiebt. Sogar ihre religiöse Mutter sei sehr feministisch, »aber das ist auch der große Konflikt!«.

Avigayil kommt nicht mit dem feministischen Vorschlaghammer daher. Sie bevorzugt den subtil-künstlerischen Weg, der komplex genug ist. »Als Frau Musik zu machen und im Mittelpunkt zu stehen, ist für mich alles andere als selbstverständlich«, betont sie. »In religiösen Kreisen gilt das als narzisstisch.«

FAMILIE Will man Avigayil verstehen, muss man den Talmud mitdenken und auf ihre Familiengeschichte blicken. »Diese religiösen Texte funktionieren wie eine Muttersprache«, sagt sie. Es braucht keine Schläfenlocken und Perücken, denn ihr Umfeld war »amerikanisch und eher liberal«, also »modern-orthodox«. Aber auch dort herrschte ein zurückhaltendes Frauenbild vor.

Mit ihrem Wegzug aus Jerusalem und durch ihre künstlerische Tätigkeit hat Avigayil dieses Bild für sich aufgelöst, doch einfacher ist es für sie dadurch nicht geworden. »Weder hier, noch da«, antwortet sie auf die Frage, in welcher Welt sie sich nun zu Hause fühlt.

Dieses Gefühl zieht sich durch ihre Familiengeschichte. Avigayils Eltern sind die Kinder von Schoa-Überlebenden. Ihre Mutter Hannah Levinsky wurde in Bayern, in Landsberg am Lech, in einem Displaced-Persons-Camp geboren. Dort warteten ehemalige jüdische und nichtjüdische KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene darauf, Deutschland verlassen zu können.

Das Berlinale-Publikum erlebte sie in dem Film »Red Cow«.

Der Vater Tom Koevary kommt aus der Slowakei, aus Bratislava. Beide Eltern sind als kleine Kinder in die USA, nach New York, emigriert – ihr Vater nach Manhattan, ihre Mutter nach Brooklyn und später nach Queens. In den 70er-Jahren siedelte das Ehepaar Koevary nach Jerusalem um.
Das Berlinale-Publikum erlebte sie in dem Film »Red Cow«.

»In Europa nannte man sie ›die Juden‹, in Amerika ›die Immigranten‹ und in Israel ›die Amerikaner‹«, erzählt Avigayil. Diese Vergangenheit bringt ihr feministisches Denken manchmal an Gewissensgrenzen: »Als Tochter, die nicht mehr religiös ist, ist es so, als würde man die jüdische Kette zerreißen«, sagt Avigayil ernst, lächelt aber dann. Sie zählt sich zur »3. Generation Israels« – eine offene Generation.

Diese Offenheit zeigt sich auch in ihrer Musik. Sie denke eigentlich nie daran, sagt sie, ihre Musik müsse in eine spezielle Richtung gehen. So führt sie lässig ihren hebräischen Gesang durch Rock, Jazz und elektronische Popsphären. Ihre Texte sind aber immer persönlich und das eigentliche Zentrum, um das sich die Musik windet. Die Beziehung zu ihren Eltern, ihren drei Geschwistern, zur Religion, zu Jerusalem und natürlich zum profanen Leben in Tel Aviv sind die Themen ihrer bisherigen drei Alben.

SHOWBIZ Avigayil ist auch Schauspielerin, doch mit dem Showbiz und deren Eitelkeiten hat sie Probleme. »Bescheidenheit ist ein großes Thema im Judentum.« Es sind Sätze wie dieser, die ihre Zwiespältigkeit gegenüber der profanen Welt aufzeigen.

Doch Ambivalenzen und Verunsicherungen können auch besondere Kräfte entfachen. Für ihr wuchtiges und doch sensibles Schauspiel in Red Cow, einem lesbischen Liebesdrama der Regisseurin Tsivia Barkai Yacov, das 2018 auf der Berlinale Premiere hatte, erhielt sie den Jerusalemer Filmpreis. Sie spielt darin ein Mädchen, getrieben von Liebeskummer und Zweifel, das ihr ultraorthodoxes Umfeld aufgibt.

Im Film wie auf der Bühne – Avigayil glaubt man. Sie kennt das Aufeinanderprallen von Atmosphären und das Entrücktsein. Mit ihrer vollen Stimme und ihrem unprätentiösen Auftreten berührt sie einen. Avigayil Koevary zählt zu jenen charismatischen Menschen, die sich nicht in den Mittelpunkt drängen müssen. Sie leuchtet von sich aus.

 Koevary auf YouTube: www.youtube.com/user/koevary/

70 Jahre »Bravo«

Dr. Sommers Vermächtnis

Von 1969 bis 1984 war der Arzt Martin Goldstein »Dr. Sommer«, einer der wohl berühmtesten Ratgeber, den der deutsche Journalismus je hatte

von Hanna Persson  28.08.2026

Musik

Abschied von Berlin

Sharon Brauner über ihr neues Lied » Kind dieser Stadt« und warum die Urberlinerin ihre Heimat verlassen will

von Jan Feldmann  28.08.2026

Musik

Tagebuch in Tönen

In seiner Biografie »Idylle und Vertreibung« über Robert Kahn erinnert Reinhard Wulfhorst an einen außergewöhnlichen deutsch-jüdischen Komponisten

von Maria Ossowski  28.08.2026

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Schoa-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  27.08.2026

Bremer Kunsthalle

Bremen

Auszeichnung für künstlerische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Die Künstlerin Annette Kelm wird mit dem 50. Pauli-Preis geehrt. Ihre Fotoserie »Die Bücher« zeigt Cover von Werken, die von den Nazis verboten und verbrannt wurden

 27.08.2026

MARKK Museum am Rothenbaum

Hamburg

Ausstellung zum Bild vom Judentum

Welches Bild hat das Hamburger Museum MARKK vom Judentum vermittelt? Welche Rolle spielte es in der NS-Zeit? Eine Ausstellung will diese Fragen beantworten

 27.08.2026

Interview

»Werdet ihr uns helfen, Israel zu ›reparieren‹?«

Die Regisseurin Yael Reuveny über das komplexe Verhältnis zwischen deutschen Juden und Israelis, ihr neues Filmprojekt und einen Aufruf an unsere Leser, nach Home-Videos von Israel-Reisen zu suchen

von Ayala Goldmann  27.08.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert