»Die dunkelste Stunde«

Hommage an Winston Churchill

Gary Oldman als Winston Churchill Foto: imago/ZUMA Press

Kurz vor Die dunkelste Stunde von 2017 lief mit Churchill ein Film in den Kinos, der den britischen Premierminister im Juni 1944 als Zweifler zeigte. Als einen, der nicht an den Erfolg der alliierten Landung in der Normandie glaubte und eigene Pläne für den D-Day ausarbeitete. Der Politiker hatte zu diesem Zeitpunkt seine Schuldigkeit für das britische Volk bereits erfüllt. Churchill erscheint darin als alter Mann, der von den Ereignissen überrollt wurde, weil ihm Mut und Weitsicht fehlten.

Die dunkelste Stunde, inszeniert von Joe Wright, lässt sich als geradezu komplementäres Gegenstück lesen. Hier will Churchill unbedingt die Macht erringen, um die Briten dann von der Notwendigkeit des Kampfes gegen die Nazis zu überzeugen. Die Handlung setzt im Mai 1940 ein. Die Wehrmacht hat bereits halb Westeuropa überrollt; die britische Regierung unter Neville Chamberlain befürchtet sogar eine Invasion der Insel; nicht zu vergessen die Katastrophe von Dünkirchen, wo über 200.000 britische Soldaten eingekesselt wurden.

appeasement Chamberlain gilt mit seiner Appeasement-Politik als schwacher Regierungschef, der der Situation nicht gewachsen ist. Im englischen Parlament toben wortreiche Machtduelle, die das Herzstück des Films bilden. Chamberlain tritt zurück, Lord Halifax scheut die Verantwortung. Jetzt ist der Weg frei für Winston Churchill. Doch Churchill ist unbeliebt, bei den Kollegen, beim König, beim Volk.

Churchill ist unbeliebt, bei den Kollegen, beim König, beim Volk.

Der Druck auf den neuen Premierminister ist groß; er soll mit Hitler einen Friedensvertrag aushandeln. Doch Churchill ist ein begnadeter Redner. »Er mobilisierte die englische Sprache und sandte sie in die Schlacht«, soll John F. Kennedy über ihn gesagt haben. Mit der Macht seiner Worte, das ist das unterschwellige Thema des Films, überzeugt Churchill die Briten, bei der Befreiung der eingeschlossenen Soldaten von Dünkirchen zu helfen.

Interessant daran ist, wie eine militärische Niederlage, ähnlich wie in den Filmen Dunkirk und Ihre beste Stunde in einen Mythos der Entschlossenheit, Solidarität und Überlegenheit verwandelt wird. Und das ausgerechnet in Zeiten nach dem Brexit, dessen Fürsprecher ebenfalls die Einzigartigkeit Großbritanniens herausstrichen und sich als Macher in schweren Zeiten aufspielten.

u-bahnfahrt Doch vielleicht klingt hier auch so etwas wie Bedauern mit: Boris Johnson oder Nigel Farage haben bei Weitem nicht das Format eines Winston Churchill. Zwei Szenen sind in diesem Zusammenhang von zentraler Bedeutung. Zum einen besucht Churchill den König und bittet ihn um Unterstützung, denn auch ein Staatsmann braucht Verbündete. Zum anderen nutzt der Premierminister eine spontane U-Bahnfahrt zum direkten Kontakt mit der Bevölkerung.

Die Bewunderung und den Zuspruch der Londoner lässt Churchill sich gerne gefallen; eine Szene, die an Pathos kaum zu überbieten ist: Das Volk steht hinter ihm. Dazu passt auch die aus Churchill bekannte Geschichte der Sekretärin, die aus Angst vor dem herrischen Premier im Boden versinken möchte, aber einen auf den Schlachtfeldern gefallenen Bruder betrauert und so das Gemüt ihres Chefs besänftigt.

Regisseur Joe Wright webt den Mythos des überlebensgroßen Staatsmannes fort, dessen Wortgewalt eine ganze Nation aufrüttelte. Hier wird das Hohelied auf einen Helden angestimmt, der trotz seiner Macken und Marotten unantastbar ist. Zwischentöne, die der historischen Figur gerechter würden, stören da nur.

In dieses Bild passt auch die Darstellung durch Gary Oldman. Sein Gesicht ist hinter einer absurden Maske versteckt, und auch wenn sich Oldman mit akribischer Vorbereitung Sprache, Mimik und Gesten des berühmten Staatsmannes angeeignet hat sowie seinen Elan, seinen Schwung und seinen Humor, so schützt ihn die Inszenierung nicht vor den Klischees: die unvermeidliche Zigarre, der obligatorische Whisky, die gegrummelten Weisheiten, das aufbrausende Temperament. Oldman agiert nicht so eindimensional wie Brian Cox in Churchill. Dennoch tut man sich als Zuschauer manchmal schwer, den Menschen Churchill in seiner Verkörperung zu entdecken.

»Die dunkelste Stunde«, Donnerstag, 22. April, 20.15 Uhr, 3sat

Berlin

Verschollene Golem-Filmmusik feiert Berliner Erstaufführung

Der Komponist Hans Landsberger, ein späteres Holocaust-Opfer, hatte die sinfonische Begleitmusik für den Film geschrieben. Seine Komposition gilt als Meilenstein in der Entwicklung der Filmmusik

 28.09.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Wöchentliche Papierflut oder Die kleinen verkannten Kunstwerke

von Nicole Dreyfus  27.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  27.09.2026

Fernsehen

Adolf und seine »Akte«

Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« spielt 1933 zur Zeit von Hitlers Machtergreifung. Unterhaltung mit politischem Anspruch, aber stimmen die Fakten?

von Ayala Goldmann  27.09.2026

Meinung

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismusleugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  25.09.2026

"Es ist kein Einzelfall, dass jungen Frauen die Kette mit dem Davidstern vom Hals gerissen wird": Ute Cohen

Literatur

Kein Licht im Club der Versehrten

Ute Cohen zeigt in ihrem neuen Roman »Willents Brut« wie die deutschen Dämonen in einer Nachkriegsfamilie zerstörerisch nachwirken

von Stefan Meetschen  25.09.2026

Berlin

Vor 70 Jahren lief »Das Tagebuch der Anne Frank« auf deutschen Bühnen

Ihr Tagebuch gehört zur Weltliteratur. Das gleichnamige Theaterstück polarisierte dagegen

von Nikolas Ender  25.09.2026

Yotam Ottolenghi

Auch einfach lecker

Der israelisch-britische Koch hat sein neues Buch »Simple Too« in Berlin vorgestellt

von Katrin Richter  25.09.2026

Frankfurt

Jüdische Gemeinde Frankfurt erhöht Druck auf Hessischen Rundfunk

Im Streit um das in der NS-Zeit enteignete Grundstück der örtlichen B’nai-B’rith-Loge stehen nun auch personelle Konsequenzen im Raum

 25.09.2026